Zwischen Leipzig und Plauen: Der Herbst 1989

Plauen wird in diesen Tagen des 20. Jubiläums der "Friedlichen Revolution in der DDR" vermehrt und berechtigt in einem Atemzug mit Leipzig, Berlin oder Dresden genannt, hat Bernd Lindner, Kultursoziologe und Historiker am Donnerstagabend im Plenarsaal des Plauener Rathauses festgestellt. Der Experte für Zeitgeschichte hielt einen Vortrag zum Thema "Zwischen Leipzig und Plauen: Der Herbst 1989 in der DDR - Ereignisse, Erinnerungen, Wertungen".

70 Besucher, darunter meist ältere Zuhörer, kamen. Lindner spannte einen ausführlichen Bogen der Geschehnisse um die Demonstrationen gegen das DDR-Regime hin zu deren Ursachen. Zu Beginn herrschte Aufregung im Sitzungssaal. Ein paar Männer, darunter Wolfgang Sachs, Organisationsleiter für das Plauener Wendedenkmal, bauten auf das Podium in Eile ein besonderes Utensil auf. Das erste Transparent der ersten großen Demonstration in Plauen wurde aufgerollt! Sachs rief via Mobiltelefon den alten Träger und Verfasser an. "Hallo Wolfrum, Dein Transparent ist im Rathaus", lautete die frohe Botschaft an Siegmar Wolf, den Plauener, der am selben Abend in Berlin mit dem Medienpreis "Goldene Henne" ausgezeichnet wurde.

Wolf selbst hatte das Plakat schon abgeschrieben, seiner Vermutung nach hatte es ein Stasimann 1989 an sich genommen und verschwinden lassen. Doch weit gefehlt. "Das Transparent wurde uns vom Neuen Forum Anfang 1990 für das Museum überreicht", erläuterte Gerd Naumann vom Plauener Vogtlandmuseum. Wie eine Mahnung und Ermutigung für Courage und Aufrichtigkeit konnte man auf dem vergilbten Betttuch lesen: "Für Reformen und Reisefreiheit, gegen Massenflucht, und vor allem Frieden".

Referent Lindner lobte das Engagement der Plauener fernab der großen Metropolen ausdrücklich, sich gegen ein in sich zusammenfallendes System zu stemmen. Die Summe an Ereignissen ob Wahlfälschung, Flucht in Ungarn, in der CSSR, die Flut an Ausreiseanträgen und die ignorante, arrogante Reaktion der DDR-Oberen ließ die Menschen handeln.

 Es entwickelte sich durch die Besonnenheit der Bürger eine zunächst friedliche, später demokratische Revolution, weil der Wille der Menschen an erster Stelle stand. Der Historiker beschrieb neben den Ereignissen in Plauen auch die in Dresden, Leipzig oder Rudolstadt. Über all im Land gab es Menschen, die sich mutig einsetzten. Ein weitere Beleg der herausragenden Plauener Position: Dass es in der Vogtlandmetropole ein Wendedenkmal geben werde, dass ausschließlich auf eigene Initiative der Bürger entsteht und kein Geschenk des Staates ist.

Lindner verhehlte nicht, dass nach dem Mauerfall eine kraftvolle Eigendynamik aufkam, welche vollends Richtung Deutsche Einheit zeigte und etwaige revolutionäre Aktivisten der ersten Stunden an den Rand drängte. "Es war die Zeit der Profipolitiker", so Lindner.  Gerd Naumann, Mitorganisator vom Vogtlandmuseum, war bei aller Freude über die gelungene Form von "Geschichtskunde ein Mal anders" ein wenig angekratzt: "Schade, dass zumeist vor allem ältere Leute, also solche, die 1989 die Wendezeit selbst erlebt haben, den Vortrag besuchten.

Die Jugend fehlte heute Abend mit Ausnahme eine kleinen Gruppe." Naumann kritisierte, dass die Gesellschaft, ob Schule, Elternhaus und auch die Medien nicht ausreichend und nachhaltig junge Menschen an die Geschichte des Landes heranführen, was aber den Blick für das Jetzt und den Zukunft schärfen würde. va