Zwischen Action-Kalle und Feuerland

Anderthalb Stunden lässt Keimzeit-Frontmann Norbert Leisegang die Passagiere im Malzhaus warten, ehe er sich mit ihnen zum Abenteuer Feuerland aufmacht. Bis es so weit ist, entführt er diese erst mal in "Das Schloss". Mit der geheimnisvollen Schloss-Ballade legt die Kultband den Titelsong ihres zwölften Albums vor. Zwölf ist auch die Zahl der Songs, die aus dem "Schloss" hinaus klingen.

Von Cornelia Henze

 

Plauen - Ein Schloss in Weiß. Zart. Nebelumwoben. Geheimnisvoll. So bringt Keimzeit ein Gebäude auf das Album-Cover, das möglicherweise jenem ähnelt, in dem Sänger Norbert Leisegang acht Jahre seiner Schulzeit verbrachte. Im Song ist es aus Papier. Eine fragile Erinnerung, kostbar, zerbrechlich und beschützenswert vor denen, die es zerstören wollen. Nach dem Album "Auf einem Esel ins All" (2015) knüpft Keimzeit auch mit dem "Schloss" an das an, was Fans seit 37 Jahren so lieben: Songs voller Lebensweisheiten, verpackt in Metaphern, die mit Leisegang‘schem nasalem Sprechgesang und seinem unverwechselbarem Lachen einhergehen. Musikalisch bewegt sich Keimzeit zwischen Ballade, rhythmischem Reggae, Blues, County und Rockigem. Zwischen den voll mit Botschaften durchdrungenen Texten setzen verschiedene Soli ein Achtungszeichen und laden dazu ein, sich nur dem Klang und dem Tanz hinzugeben. Etwa dem von Flügelhornspieler Sebastian Piskorz, dem kräftigen Schlag von Drummer Lin Dittmann und dem Bass-Solo von Norbert Leisegangs Bruder Hartmut, der just an seinem 60. Geburtstag die Malzhaus-Bühne rockte. 
Mit "Schloss" reflektiert Keimzeit vor allem Erinnerungen an Kinder- und Jugendzeit ins Publikum. Das bewegt sich übrigens wie die Kult-Combo um die 50 Plus. Ein Publikum, das vor 30, 40 Jahren die nicht immer DDR-konformen, in Poesie kritisch verpackten Messages zu schätzen lernte und der Band um die damals noch vier Geschwister Leisegang auch in die entlegensten Dorfgasthöfe folgte - fernab den Auftritten anderer linientreuer Rockformationen. Da ist zum Beispiel der "Action-Kalle", der störende, unangepasste Mitschüler von damals, aus dem ein angesehener Wissenschaftler geworden ist und zum Klassentreffen Jahre später alle staunen lässt. "Action-Kalle" ist übrigens das rockigste, lebhafteste Stück des Albums, die Ausnahme unter den eher balladesken Titeln. In sie muss man sich hineinhören, die Bilder aufnehmen, reflektieren mit der Vita von Keimzeit und der eigenen. Nix für oberflächliche Hörer. Einer, der tief geht, ist "Seeigel". Wundervoll poetisch erzählt Leisegang die Liebesgeschichte der vom Meer an Land gespülten Seesterne. Ihre Liebe ist ewig und überdauert auch die Zeit, in der ihr Körper zu Stein wird. Zu dem Song inspirieren lassen habe er sich von seiner Erinnerung an das Sammeln von Muscheln, Donnerkeilen, Seesternen im Familienurlaub an der Ostsee, erzählt Leisegang seinen Fans. 
In diese Zeit geht auch "Lieblingsakkord" zurück - aus der Sicht eines 14-Jährigen ist das e-Moll: Ein schöner, bluesiger Song, mit einem Touch Schwermut, ganz in der Tradition von Keimzeit. Gedanken gemacht hat sich Leisegang um komplizierte und nicht recht funktionierende Liebesbeziehungen - und gleich zweimal um das Fortkommen in Transportmitteln. In "Stillstand" (ist aktuell mein bevorzugtes Transportmittel) darf man gedanklich bei der (Deutschen) Bahn, die wieder mal wegen Blitz, Sturm oder Schnee auf den Gleisen steht, beginnen und um das erweitern, was sonst noch so im Leben starr verharrt. Beispiele gäbe es viele zwischen rein privat bis in die hohe Politik. Dann schon lieber auf den "Fliegenden Teppich" wechseln, der sich wortwitzig im Dialog dem Boden stellt, auf dem er für gewöhnlich zum Liegen kommt. Es sei denn, dass dieser "hochrot vor Wut abhob und davon flog". Wohin? Vielleicht nach Feuerland. Mit  einem Kling Klang.