Zweite Geburt für zwei Neugeborene

Plauen - Plauen hat seit knapp zwei Jahren eine Babyklappe. Am Samstag zeigte der Verein Karo interessierten Bürgern die Einrichtung in der Holbeinstraße.

 

Es liegt ein kleines Kind in einer Art Brutkasten aus Plexiglas, auf einer weichen Decke, von unten modern beheizt, ein Plüschtierchen liegt dazu, ein Zettel, auf den die Mutter in Tränen aufgelöst und wie in Trance aufschreibt, was das Kind, das sie hierher brachte, braucht. Nach wenigen Minuten verschließt eine automatische Vorrichtung den Kasten - der Alarm ist längst im Krankenhaus angekommen. Die Babyklappe wurde geöffnet und genutzt, weiß man jetzt, die Mutter verschwindet im Dunkel der Nacht. Der Rettungswagen rauscht bald heran, das Baby wird aufgenommen, es beginnt für den kleinen Mensch eine neue Zukunft...

Am Samstag kamen etwa ein Dutzend Bürger vorbei, zum Tag der offenen Tür, dem zweiten nach 2009, um sich die Funktionsweise der Einrichtung der Klappe anzuschauen und sich über die Hintergründe zu informieren. Der Verein Karo hält das Angebot am Laufen.

 

Seit dem 23. Dezember 2008 kümmert sich Karo, der sich für Kinder, Jugendliche und Frauen einsetzt, die von Gewalt, sexueller Ausbeutung bedroht oder dieser und anderen Nöten ausgesetzt sind, rund um die Uhr um den kleinen Raum mit Klappe und Bettchen und Sicherheitseinrichtungen. Etwa 80 solcher Klappen gibt es in Deutschland. "Zwei Kinder, ein Junge, ein Mädchen, wurden in knapp zwei Jahren in das Wärmebettchen in der Babyklappe gelegt", berichtet Vereinschefin Cathrin Schauer und fügt hinzu: "Das Wort Erfolg kann dabei aber nicht genannt werden, lieber wäre es mir, solche Situationen treffen nicht ein, für die Mutter nicht, für die Kinder nicht, für uns alle nicht." Weil es diese Lebenslagen aber doch gibt, ist die Babyklappe wichtig, so die Ehrenamtliche.

 

Es soll es einmal besser haben, bei mir kann es nicht bleiben, ich werde nicht damit fertig, ausgerechnet jetzt, keiner hilft mir, wegwerfen, gar töten - nein; die Gedanken von Frauen, die in eine schwierige Lage geraten sind und zudem gerade ein Kind zur Welt brachten, klingen verzweifelt und heftig. Das Kleine in eine Welt zu gebären, in der sie selbst nicht zurechtkommen, dass ihnen beinah jede Hoffnung abhanden gekommen scheint, stürzt diese Mütter doppelt in Not, sie brauchen Hilfe, erfahren die Besucher. Vielfältige gäbe es ja, meint man: Bei Ämtern, Krankenhäusern, beim Hausarzt, der Hebamme, in der Verwandtschaft, bei Freunden. Doch selbst diese "Anlaufpunkte" zum Anvertrauen, zum Helfen lassen, kommen mitunter für die Frauen nicht in Frage. Die Babyklappe ist ein Angebot gegen die ganz große Verzweiflung.

5000 Euro kostet das Betreiben der Klappe im Jahr, so Schauer. Miete, Nebenkosten, Technik, Wartung. "2009 haben wir noch 50 Prozent Förderung erhalten. 2010 bekamen wir nichts, der Antrag auf zehn Prozent Förderung, wurde von der Stadt abgelehnt, was zur Folge hatte, dass die dann möglich gewesene Förderung durch den Landkreis, also insgesamt 50 Prozent ebenfalls nicht genehmigt wurde", berichtete Schauer über das Thema Förderung sachlich und dennoch in einem Ton der Enttäuschung. Sie verhehlte auch nicht, dass sich außer einem einzigen Kommunalpolitiker bisher noch keine Würdenträger der Stadt oder des Landkreises hierher verirrten. "Also bitten wir allein und erhalten wir auch so zahlreiche Spenden."

 

Die Reaktionen der Besucher am Samstag freute die Karo-Chefin ebenfalls: "Die Leute finden es gut, dass es eine solche Klappe gibt. Sie sagen, wo sollen diese verzweifelten Mütter denn auch manchmal hin, wenn sie gar nicht mehr weiter wissen. Dann sollen sie ihr Baby unbedingt hierher bringen!" Denn die Klappe ist ein Anfang und kein Ende und darüber hinaus könnten die Mütter ihr Kind binnen eines halben Jahres wieder zu sich holen, wenn sie sich im Krankenhaus melden, sagt Cathrin Schauer.