Zukunft hängt an Wäscheleine

Geschlossene Grenzen, gestrichene Flüge - über Nacht haben Reiseunternehmen die Geschäftsgrundlage verloren. Das betrifft auch den Spezialveranstalter Outback Africa Erlebnisreisen in Bad Elster. Marlies Dähn sprach darüber mit Marco Penzel. Er leitet die Firma mit seiner Frau Svenja Penzel, die Outback Africa 2001 in Kiel gründete und zwei Jahre später mit der Firma im Gepäck ins Vogtland zog.

Was macht eigentlich ein Reiseunternehmen, wenn Reisen gerade nicht möglich sind?
Für unsere Kunden da sein, deren Reisen jetzt nicht stattfinden können. Spätestens vier Wochen vor der geplanten Abreise treffen wir die Entscheidung über die Absage. Wenn der Kunde nicht auf einen späteren Termin umbuchen kann, zahlen wir ihm sein Geld zurück. Wir arbeiten quasi rückwärts.

Gibt es auch Kunden, die ihre Reise verschieben wollen?
Erfreulich viele. Die Umbuchung ist derzeit die beste denkbare Lösung. Sie erhält dem Kunden die Vorfreude auf eine einmalige Reise und uns das Geschäft. An der Treppe in unserem Bürohaus hier in Sohl haben wir eine Schnur gespannt, ähnlich wie eine Wäscheleine. Dort hängen wir ausgedruckte Mails auf, in denen uns Kunden zum Durchhalten ermuntern und bewusst umbuchen wollen statt abzusagen. Über unseren Newsletter haben wir vorige Woche die Betreffzeile gesetzt: "Unsere Zukunft hängt an einer Wäscheleine."

Wo kommen die Kunden eigentlich her?
Aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Es sind auch Vogtländer und sogar Elsteraner dabei, aber die bilden die Ausnahme. Unser Angebot ist auch sehr speziell.

Gibt es bei Outback ausschließlich Afrika-Reisen?
Ja, und selbst auf dem afrikanischen Kontinent bieten wir nur den Osten und den Süden an, also die Länder zwischen Südafrika und Kenia, in denen man gut auf Großwild-Safari gehen kann. Woanders kennen wir uns nicht aus. Unser Erfolgsrezept war seit jeher, dass wir nur verkaufen, was wir gut kennen und wovon wir begeistert sind.

Fragt jetzt noch jemand neue Reisen an?
Auch das gibt es, unsere Website www.outback-africa.de ist ja weiter online. Es kommt vielleicht eine Anfrage pro Woche. Früher hatten wir mehrere am Tag. Aber das Problem ist nicht nur das aktuell brachliegende Geschäft. Für uns als Spezial-Reiseveranstalter hat der Schaden gleich mehrere Dimensionen.

Welche denn noch?
Unsere Reisen sind keine Massenware, wir sind da eher eine Maßschneiderei. Mit dem Kunden erarbeiten wir Safariprogramme, tauschen Unterkünfte aus und unterbreiten Vorschläge für Flüge. Unsere Partner vor Ort und wir investieren viele Stunden Arbeit, bevor der Kunde sich anmeldet. Bis Abflug ist es meist Monate hin. Den Verdienst können wir erst verbuchen, wenn die Reise stattfindet. Müssen wir absagen und den gesamten Reisepreis zurückzahlen, ist auch der Lohn unserer Arbeit futsch. Trotzdem haben wir weitere Ausgaben mit abgesagten Reisen. Etwa Stornierungsgebühren in Zielländern, Kosten der Flugtickets, die wir lange im Voraus bezahlen. Obwohl sie es müssten, zahlen die Airlines uns derzeit kaum etwas zurück.

Und die Partner in Afrika?

Mit vielen pflegen wir jahrelange Partnerschaften. Die kommen uns bei Stornierungsgebühren entgegen so gut sie können. Aber auch das ist eine zweischneidige Sache.
Warum?
Wenn wir den gesamten Reisepreis an den Kunden zurückgeben, bleibt ja nichts übrig, weder für uns, noch für Zahlungen an Partner. Wenn aber vor Ort kein Geld ankommt, gehen die Strukturen dort kaputt. In Tansania oder Sambia gibt es kein Kurzarbeitergeld. Da hat jemand entweder ein Einkommen oder er hat nichts. Bisher war der Tourismus vielerorts einzige Gelegenheit, um mit eigener Hände Arbeit ein Einkommen zu erwirtschaften. Und die Leute, ob Safari-Guides, Koch oder Kellner haben echt einen guten Job gemacht, das können Sie in unseren Kundenfeedbacks nachlesen. Jetzt steht ein großes Fragezeichen vor der Zukunft dieser Menschen und auch der Natur. Viele Nationalparks in Afrika finanzieren sich in erster Linie aus den Eintrittsgebühren der Besucher.

War Geschäftsaufgabe jemals eine Option?

Ja, aber das haben wir inzwischen verworfen. Wir wollen weiterkämpfen, auch wenn wir dafür nun unsere Rücklagen aufzehren. Dafür gibt es mehrere Gründe: Der Zuspruch und das Vertrauen unserer Kunden, die Partner in den Reiseländern und nicht zuletzt unsere eigene Mannschaft. Wir möchten so viel wie möglich Arbeitsplätze retten, in Afrika und hier in bei uns.
Wieviele Angestellte zählt Outback Africa?
Neben uns Geschäftsführern sind es acht gute Mitarbeiter, die wir jetzt in Kurzarbeit schicken mussten. Das bringt etwas Entlastung, aber vollständige Kurzarbeit ist für uns auch keine Lösung. Umbuchungen, Rückabwicklungen der Reisen sorgen weiter für Arbeit.

Diese Arbeit geschieht hier in Sohl?
Der größere Teil ja. Daneben hatten wir schon lange vor Corona Home Offices, in Schönheide, Crimmitschau und Hamburg.

Und die Fäden laufen in Sohl bei Bad Elster zusammen?
Ich fand es immer cool, in einer international vernetzten Branche zu arbeiten und ein Stück der Wertschöpfung im Vogtland zu verwirklichen, qualifizierte Arbeitsplätze inklusive. Unser bisheriger Erfolg hat auch bedeutet, dass wir der Stadt Bad Elster jedes Jahr einen fünfstelligen Betrag an Gewerbesteuer überweisen konnten. Das wird jetzt erstmal ausbleiben.

Haben Sie schon staatliche Unterstützung erhalten?
 Ja, 15.000 Euro Soforthilfe des Bundes. Dafür sind wir dankbar, wenngleich es noch nicht die Rettung ist. Wir leben im Moment von der Substanz, die wir in den letzten 19 Jahren erwirtschaftet haben. Bei uns gibt es keine Investoren, die eine Dividende fordern. Wir haben Jahr für Jahr bescheidenen Gewinn erzielt. Als Gesellschafter haben wir jedes Mal entschieden, diesen nicht anzutasten und in der Firma zu belassen. Noch Ende 2019 hat uns der Steuerberater eine überdurchschnittliche Eigenkapitalquote bescheinigt. Das setzen wir nun ein.

Wie lange können Sie überleben?
Das hängt davon ab, wie lange die Zwangspause noch dauert und ob es einen staatlichen Rettungsschirm geben wird, der einen Teil unseres Schadens übernimmt. Die Reisebeschränkung hat uns die Geschäftsgrundlage entzogen. Wir finden nicht, dass wir den daraus resultierenden Schaden komplett allein zahlen sollen.

19 Jahre, da steht 2021 ein Jubiläum ins Haus?
Stimmt, das wollten wir nächstes Jahr groß feiern, Stammkunden aus ganz Deutschland zur Rhododendronblüte ins Sächsische Staatsbad einladen und so weiter. Das werden wir nun verschieben müssen. Vielleicht streichen wir irgendwann mal das verflixte Jahr 2020 aus der Zeitrechnung und feiern einfach 2022 unseren 20. Geburtstag. www.outback-africa.de