Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben

Reichenbach - Die Rentnerin Gisela Döbereiner (66) und die Alleinerziehende Nicole Zeiner (25) sind zwei Durchschnittsmenschen, wie es sie allerorts gibt. Unauffällig, freundlich, angepasst, normal eben. Was die beiden Reichenbacherinnen mit leider immer mehr Menschen verbindet: Sie gehören zu den neuen Armen der Gesellschaft und zählen zu den 500 Nordvogtländern, die sich wöchentlich Lebensmittel bei der "Reichenbacher Tafel" holen müssen, um über den Monat zu kommen. "Das erste Mal, als ich vor vielen Jahren zur Tafel bin, da bin ich schnell reingerannt, hab bei mir gedacht: ,Hoffentlich sieht Dich keiner", sagt die Rentnerin, und Nicole, die junge Mutter zweier Kinder, fügt an: "Ja für mich war es auch schlimm." Inzwischen ist die Tafel für beide Frauen so etwas wie ein Rettungsanker geworden, ein Ort, an dem man ihnen die Plastetüten für nur drei Euro mit Lebensmitteln füllt und immer ein gutes Wort für sie übrig hat. Die Scham, dort sich als Bedürftiger outen zu müssen, ist längst der Notwendigkeit gewichen. Vor zehn Jahren, als die Sache mit der Tafel begann, seien es vor allem Leute, die man gern als Assis, Gestrauchelte oder Alkis bezeichnet, gewesen, die sich dort Wurst, Käse und Brot holten. Aber heute habe sich das Klientel erschreckend geändert, weiß Vereinschefin Gudrun Schimmel zu berichten. Es sind alte Leute, deren karge Rente nicht zum Nötigsten reicht - junge Frauen mit Kindern, Leute mit Hauptschulabschluss, für die es keinen Job, dafür aber Hartz IV gibt. Zu DDR-Zeiten war bei Familie Döbereiner die Welt noch in Ordnung. Sie ging jahrelang als Textilfacharbeiterin in die Baumwollspinnerei, der Ehemann als Berufskraftfahrer. Zur Wende machte sein Betrieb zu, er wurde schwer krank, sie arbeitslos. ABM folgte auf ABM - dann war der rettende Rentenstand für beide in Sicht. Heute hat das Ehepaar kaum mehr als 1000 Euro zum Leben - abzüglich aller Verbindlichkeiten bleiben Döbereines 200 Euro: Für Essen, Kleidung, Kosmetik - Kleinigkeiten für die vier Kinder, acht Enkel, zwei Urenkel. "Jeden Monat hat eines von ihnen Geburtstag, und dann kommt Weihnachten. Die Kinder verstehen unsere Lage, aber unseren Enkeln möchten wir schon mal was zustecken, wie wir das früher immer konnten", sagt Frau Döbereiner sorgenvoll. Friseur, Urlaub, mal Essen gehen - das war gestern. Einziger kleiner Luxus, den sich beide gönnen: Ein altes Auto, das eigene Häuschen, das, ist mal eine Reparatur fällig, großes Kopfzerbrechen bereitet, und zwei winzige Chiwawa-Hündchen. 330 Euro Hartz IV und 328 Kindergeld - macht 658 "Knöpfe" zum Ausgeben. "Ich mag diesen Staat nicht mehr", sagt Nicole Zeiner, wenn sie beispielsweise daran denkt, dass sie Sohn Max (3) diesen Monat nicht in den Kindergarten bringen darf, weil sie das Essengeld nicht zahlen kann. Tochter Jasmin (10) fängt an zu mosern, wenn ihr die Mutter keine Esprit-Klamotten kaufen an, und die beginnt zu verzweifeln, wenn teuere Arbeitshefte, ein neues Federmäppchen oder die Klassenfahrt ihrer Tochter in Sicht sind. Kinderfeindlich sei der Staat, räsoniert die junge Frau, gesteht aber ein, an ihrer heutigen Situation nicht ganz schuldlos zu sein. Sie, aufgewachsen in Greiz, hatte kein gutes Elternhaus. Vier Geschwister, ohne Vater aufgewachsen, die Mutter arbeitslos. Mit 15 schmeißt Nicole die Schule, bekommt ihr erstes Kind. "Ich hab viel Blödsinn gemacht. Mit 18 musste der Handyvertrag her, hab mich hochverschuldet, bin in Privatinsolvenz gegangen. Und die Sache mit dem Schulabschluss bereue ich heute", sagt sie zehn Jahre später. Als Ungelernte wurschtelt sie sich durchs Leben, mit zwei Kindern, ohne Eltern, zu denen sie den Kontakt abgebrochen hat. Ab Mai soll nun einiges anders werden. Nicole Zeiner will eine Berufsvorbereitung und danach in Plauen eine Lehre zur Einzelshandelskauffrau beginnen. "Es wird Zeit, dass mal was passiert", sagt sie mit Nachdruck. Was, du gehst zur Tafel? Diesen Satz mussten sich beide Frauen anfangs von ihren Freunden und Nachbarn gefallen lassen. "Meine Freundinnen stehen alle finanziell besser da als ich. Aber mittlerweile verstehen sie mich", sagt Gisela Döbereiner und fügt ein großes Dankeschön für die Tafel-Leute an, für die Fahrer, die drei Mal wöchentlich, die Lebensmittel ranschaffen, die Leute, die das Gemüse, die Dosen und Päckchen einsortieren. UndNicole Zeiner: "Viele, die die Tafel nicht kennen, erzählen Schlechtes über sie. Aber das ist nicht so. Hier gehen ganz normale Leute einkaufen - halt nur mit wenig Geld".