Zu Besuch aus Japan

Freude bei Familie Masur in Treuen: Der Sohn und die zwei Enkel aus Yokohama sind da. Die Kinder sind im Land der aufgehenden Sonne aufgewachsen. Einen Teil der Ferien verbringen sie bei den Großeltern im Vogtland.

Treuen - Marcella Miou Masur ist schon länger Gast der Großeltern - wegen Corona. Die 20-Jährige studiert Medizin in Ungarn, in Szeged. "Wegen der Pandemie wurde auf Online-Lehre umgestellt. Ich habe kein gutes Gefühl, wie mit der Krankheit in Ungarn umgegangen wird, und da ich Angst hatte, mich anzustecken, bin ich zu meinen Großeltern nach Deutschland gezogen. Und jetzt sind Semesterferien."
Vater Olaf Masur hatte in Ilmenau studiert und war als Diplomingenieur für Biomedizin-Technik 1996 nach Japan gegangen, wo er seine japanische Frau Yukiyo kennenlernte. Zurzeit arbeitet er für die Niederlassung der DQS Medizinprodukte GmbH in Tokyo. Das Paar hat zwei Kinder und lebt in der Hafenstadt Yokohama, 50 Kilometer von Tokyo entfernt.
In der zweiten Juli-Woche sind auch Vater Olaf Masur und Bruder Ken in Treuen zum Urlaubsaufenthalt eingetroffen. Der 17-jährige Ken kommt in die zwölfte Klasse und will nächstes Jahr (wie zuvor seine Schwester) das Abitur ablegen - an einer deutschen Schule, die von der Bundesrepublik betrieben wird. "Was ich werden will? Vielleicht Pilot oder Musical-Darsteller; als Schauspieler habe ich schon Erfahrungen sammeln können. Auf jeden Fall will ich in Japan bleiben."
Beide Geschwister loben ihre Schule. "Verschiedene Kulturen begegnen sich in einem familiären Lernklima: Schüler aus Deutschland, aus Japan, gemischte wie wir und auch aus anderen Ländern", berichtet Miou Masur. Die Schule habe einen guten Ruf, auch wegen der vielen Angebote: Sport spiele eine große Rolle. Die besten Schüler könnten bei einer Art Olympiade starten, die zwischen den Auslandsschulen in Ostasien veranstaltet wird. Die Masur-Kinder haben nach eigenen Angaben Judo betrieben, Tennis und Fußball gespielt (Ken), geschwommen, geboxt (!) und den Kampfsport Aikido ausprobiert (Miou). "Es ist gut für das Selbstbewusstsein, wenn man Ahnung von Selbstverteidigung hat", sagen beide. Beide sind sich einig, dass sie in Japan keinen rassistischen Anfeindungen ausgesetzt seien.
Die Kinder sind zweisprachig aufgewachsen. "Mit unserem Vater sprechen wir Deutsch, mit Mama Japanisch." Die Ausbildung an der deutschen Schule (hier kam vor allem Englisch dazu) bezeichnen sie als gutes Sprungbrett ins Berufsleben: Miou studiert jetzt in Europa und spricht mittlerweile auch Ungarisch, Latein und ein bisschen Italienisch. Warum studiert sie in Ungarn? "Ich wollte eine andere Kultur kennenlernen, eine neue Sprache und konnte den Numerus clausus umgehen." Sie kann sich nach eigenen Worten gut vorstellen, später in Europa zu arbeiten - als Neuro- oder Unfallchirurgin.
Bruder Ken dagegen will nach eigenem Bekunden in Japan bleiben, das Land aus dem seine Mutter stammt und in dem die Uhren sieben oder acht Stunden vorgehen wegen der Zeitverschiebung. "Wenn unsere Großeltern in Treuen zu Mittag ans Telefon gehen, ist es in Yokohama 19 oder 20 Uhr, abhängig von Sommer- oder Winterzeit."
Weitere Unterschiede zu Deutschland? "Die Supermärkte sind in Japan länger geöffnet, die Bahnen fahren schneller und häufiger. Die Küche ist vielfältiger, in den Restaurants wird Wasser kostenlos gereicht und man muss kein Trinkgeld geben. Allerdings ist es schwüler als in Deutschland, wo auch der Radverkehr eine größere Rolle spielt."
Die ganze Familie Masur war nach dem Reaktorunglück 2011 in Fukushima zu den Großeltern nach Treuen geflüchtet. "Das ist genau zehn Jahre her. Wir gingen zwei Monate in die Lessingschule und haben uns dort sehr wohl gefühlt. Zu einigen Klassenkameraden habe ich bis heute Kontakt", sagt Miou Masur. Apropos: Bruder Ken will seinen aktuellen Deutschlandaufenthalt nutzen, um ehemalige Klassenkameraden von der deutschen Schule zu treffen - in Österreich, in Bayern und Baden-Württemberg.
Und wie halten es die Geschwister mit den Olympischen Spielen, die am 23. Juli in Tokyo beginnen? Ken interessiert nach eigener Schilderung vor allem Fußball ("In unserer Schule gucken fast alle") und Miou will Schwimmen sehen, um sich vielleicht etwas für die eigene Schwimmtechnik abzuschauen. ufa