Zeitreise am Eisernen Vorhang im Vogtland

"Grenzgebiet Sperrzone" heißt es auf dem Warnschild hinter der Windschutzscheibe des Reisebusses, der in Plauen startet. Steffi Behncke vom Kulturreferat der Spitzenstadt lädt zur "Zeitreise" entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze ein. Vom Andrang - gerade auch der Jugend - ist sie nicht überrascht.

Plauen/Hof - Über die B 173 steuert Fahrer Danny Walther vom Plauener Omnibusbetrieb zum ersten Halt in der Hofer Innenstadt. Dort steigt neben weiteren Zeitreisenden der Reiseführer zu. Zeitzeuge Alfred Eiber, 81 Lenze, diente in der Bayerischen Grenzpolizei. "Alles, was an der innerdeutschen Grenze zum Landkreis Hof passierte, landete auf meinem Schreibtisch", erzählt der ehemalige Sachbearbeiter im Grenzpolizeikommissariat der Saale-Stadt. Vorfälle musste er mit Fotos unter Zuhilfenahme langbrennweitiger Objektive dokumentieren.

In kernigem Oberfränkisch schlägt Eiber einen Bogen von der Entstehung der Zonengrenze in der Nachkriegszeit über den immer perfekteren Ausbau der Sperranlagen auf DDR-Seite bis zu den aufwühlenden Tagen der Grenzöffnung Ende 1989. Die Zuhörer im Bus sparen nicht mit Beifall für die lebendigen Schilderungen, die Eiber aus seinem Fotoarchiv via Bildschirm illustriert.

Nach dem Ende der Massenflucht über West-Berlin mit dem Bau der Mauer 1961 wagten immer wieder DDR-Bewohner die Flucht über den Todesstreifen mit Stacheldrahtzäunen und Erdminen. "Jeder Fluchtfall hat eine Lücke im Grenzsystem aufgezeigt" - und wurde mit entsprechenden Maßnahmen beantwortet, sagt Eiber.

Doch der immer engmaschigere Zaun scheint auch eine besondere Art von Kreativität freigesetzt zu haben. Als "tollkühnste Flucht an der innerdeutschen Grenze", die weltweit bekannt wurde, erinnert sich Eiber an den Ballonflug zweier Familien aus Pößneck in Thüringen, die am 16. September 1979 bei Naila im Landkreis Hof landeten. Die Neuverfilmung des Stoffs von Michael Herbig kam gerade in die Kinos. Die Stasi habe die Grenze als nachrichtendienstlichen Verbindungsweg genutzt. Im Metallgitterzaun gegenüber dem Landkreis Hof sorgten 17 Durchsteigeklappen für die Schleusung von Agenten nach Bayern, informiert Eiber.

Stasi und DDR-Grenztruppen planten für die 90er Jahre ein neues Sicherungskonzept, das die Grenze für Flüchtlinge unüberwindbar machen sollte. Dafür war ein Lichtschrankensystem vorgesehen, durch das Personen schon vor dem Grenzsignalzaun Alarm ausgelöst hätten. Die Herbstsonne taucht Grenztürme und -anlagen von Mödlareuth in mildes Licht. Scharen von Besuchern ziehen durch das Museumsgelände.

Als das Dorf durch eine 700 Meter lange Betonsperrmauer geteilt war, habe er alle prominenten Besucher aus der westlichen Welt hierher begleitet, erzählt Eiber. Von George W. Bush, dem damaligen Vize-Präsidenten der USA stamme der Begriff "Little Berlin". War Mödlareuth Drehort für den ZDF-Sechsteiler "Tannbach"?, wollen die Zeitreisenden wissen. "Nein", sagt der kundige Reiseführer. Die Geschichte von Mödlareuth ist Vorbild für den Film, der sich vom Grenzbach im Dorf den Namen lieh. Gedreht wurde jedoch an Orten in Tschechien und im Bauernhofmuseum Kleinlosnitz.

Letzter "Grenzort" der Bustour vor der Heimfahrt ist Blankenstein, wo die innerdeutsche Grenze einst mitten durch die Saale verlief. 1972 begann auch hier der Bau einer Mauer entlang von Selbitz und Saale. Hier berichtet Eiber von einer Reihe "ganz besonderer Fluchtfälle". War die ansässige Papierfabrik bis zur Wende eine Dreckschleuder, so pflegt der Ort heute sein Image als Mekka für Wanderer am Auftakt des Rennsteigs.

Das Interesse an der Grenztour, die ein- bis zweimal im Monat startet, ist seit dem Beginn 2009 stetig gewachsen, schätzt Steffi Behncke ein. Sie organisiert die Busfahrten mit Jürgen Stader von der Stadt Hof. Beide Städte unterstützen den Halbtagesausflug für zehn Euro pro Nase nicht nur organisatorisch, sondern auch finanziell. Bevor er in Hof aussteigt, äußert Alfred Eiber von Herzen Lob: "Ohne Steffi und Jürgen würde es die Grenztour nicht mehr geben."

Den großen Erfahrungsschatz seiner Zeit an der Grenze hat der Oberfranke umfassend in seinem Buch "Hof - Das Tor zur Freiheit" dokumentiert. Die Geschichte der innerdeutschen Grenze wird nacherlebbar im Museumsdorf Mödlareuth. Das zeigt die Besucher an.

Service

Grenzlandtour

Die letzte Bustour dieses Jahr am 3. November ist bereits ausgebucht. Wer sich für eine Fahrt 2019 interessiert, kann sich ab Februar anmelden. Kontakt: Steffi Behncke, Kulturreferat der Stadt Plauen, Telefon 03741/291 2342 oder steffi.behncke@plauen.de per E-Mail.