Zeitlebens ein großes Kind

Die Plauener Schriftstellerin Marga Koch, die vor allem auch mit ihrem "Tagebuch zur Wende" unter dem Titel "Einmal Hof und zurück" überregional auf sich aufmerksam machte, würde heute 100 Jahre alt werden. In der Vogtlandbibliothek ist derzeit eine kleine Ausstellung ihrer Werke zu sehen.

Von Petra Spieler und Lutz Behrens

Plauen "Der aus Büchern erworbene Reichtum fremder Erfahrung heißt Gelehrsamkeit. Eigene Erfahrung ist Weisheit." So jedenfalls formulierte es Lessing einst. Marga Koch bezog Zeit ihres Lebens ihre Weisheit sowohl aus ihrem harten, entbehrungsreichen Leben, als auch aus ihrer Liebe zur Literatur.
Gearbeitet hatte Marga Koch als Dienstmädchen, Zeichnerin und Fabrikarbeiterin. Sieben Kinder hatte sie geboren; die Zahl ihrer Enkel, Ur- und Ururenkel war kaum überschaubar. So beschrieb sie in "Das ungehorsame Mädchen", "Der bunte Fluss" und "Die Farben der Liebe" ihre Lebensgeschichte. Schilderte in "Arnikasommer" eine Liebesbeziehung, die sie als verheiratete Frau mit bereits vier Kindern erlebte. Wagte sich auch an Gedichte und war für den Vogtland-Anzeiger als freie Mitarbeiterin tätig. Sie hatte sich ihr literarisches Rüstzeug in den zu DDR-Zeiten für Schreibwillige offenstehenden "Zirkeln schreibender Arbeiter" geholt; später nahm sie dann an Schreibwerkstätten teil. Mit zunehmender Popularität (so wurde 1996 vom MDR ein längerer Film über sie gedreht, war sie bei "Unter uns" in Erfurt zu Gast oder erfreute sich der Unterstützung des damaligen Hallenser Theaterintendanten Peter Sodann) und der wachsenden Anzahl der nunmehr im Scheunen-Verlag von ihr erscheinenden Bücher, gründete sie in Plauen eine Schreibwerkstatt. Dr. Frieder Spitzner, der sich um die vogtländischen Autoren und Publikationen verdient gemacht hat, nannte Marga Koch einmal die "an Jahren reichste, fleißigste und bekannteste vogtländische Autorin".
Ihre Kindheit fiel in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts, es folgten Notjahre, Hitlerjugend, Verblendung, Bombennächte, Hunger, Vergewaltigung, neue Hoffnung - Weiterbildungen - 1989 noch einmal verlorene Illusionen, jedoch kein Grund zur Resignation. Sie startete im Jahr 1990, mit 70 Jahren, noch einmal durch und veröffentlicht ihr erstes Buch "Einmal Hof und zurück"
Erst jetzt hatte sie Zeit, sich ihren schriftstellerischen Talenten mit viel Energie, Strebsamkeit und Begeisterung zu widmen. Trotz dieses enormen Arbeitspensums fand die umtriebige alte Dame Zeit, andere Literaturinteressenten in ihrer Schreibwerkstatt dabei zu unterstützen, die Geheimnisse der Literatur aufzuspüren. Heidemarie Lonkowski, ein langjähriges Mitglied der Schreibwerkstatt erinnerte sich anlässlich ihres 90. Geburtstages : "Es ist kaum zu glauben, diese Frau altert nicht. "Ich bin und bleibe ein großes Kind", sagt sie selbst über sich. Ich kann das bestätigen. Ich kenne es seit siebzehn Jahren, dieses große Kind Marga Koch. Es hat mich eingefangen als Mitspielerin in der monatlichen Runde ihrer Schreibwerkstatt: Wer schreibt die schönste Geschichte? Es glaubt an Wunder und erlebt sie täglich, denn es hat eine wundervolle Fantasie."
Weshalb stoßen ihre Romane, Erzählungen und ihre Lyrik unverändert auf so großes Interesse? Eine mögliche Erklärung wäre, jedes ihrer Bücher ist auf irgendeine Weise erlebt und erlitten.