"Zeigefinger" als Fingerzeig

Ein Bürgermeister macht Platz für seinen Nachfolger - nach 14 Jahren. Und er macht seiner Gemeinde ein Geschenk zum Abschied: Es lädt zum Erinnern ein, zum Nachdenken und zur Mahnung.

Von Uwe Faerber

Eichigt/Bergen - Was ist da los im Zentrum Bergens, das zur Gemeinde Eichigt zählt? Ortschronist Hans-Peter Tschaepe läutet die alte Glocke im Dorfzentrum, als sich knapp 100 Leute am Samstag, 11 Uhr, auf dem Platz an der Bushaltestelle versammeln - bei Nieselregen und Kälte: Eine Stele wird eingeweiht - zum Gedenken an ein Verbrechen vor 76 Jahren.
"Für mich ist das der letzte offizielle Akt als Bürgermeister der Gemeinde Eichigt - und ein Bekenntnis", sagt Christoph Stölzel. Der 68-jährige begrüßt Dorfgemeinschaft und Gäste, unter ihnen der Landrat und die Bürgermeister von Oelsnitz und Markneukirchen.
Ein Trompeter spielt das Lied vom guten Kameraden, ehe Stölzel an den 17. April 1945 erinnert: Er beruft sich auf den hier ansässigen, aber schon verstorbenen Landwirt Friedhold Adler, der als Zwölfjähriger Augenzeuge gewesen ist, als ein Tross halb verhungerter KZ-Häftlinge an seinem Elternhaus vorbeizog, getrieben von SS-Leuten, hin zum Rittergut Bergen:
Dort wurden zwei der ausgemergelten Gestalten erschossen, vielleicht weil sie um einen Kanten Brot gestritten hatten im Kampf ums Überleben: Stölzel zufolge weiß man nicht, ob es Männer oder Frauen waren, Juden oder Kommunisten. "Berichtet wurde, wie sie auf einem Leiterwagen weggefahren wurden, nur die Füße schauten heraus."
Nach eigenem Bekunden hat Stölzel nächtelang überlegt, was man auf den Gedenkstein schreibt, um an das Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern.
Jetzt steht er vor einer verhüllten, 2,50 Meter hohen Stele aus Theumaer Schiefer. Als das Tuch fällt, ist ein Spruch aus dem Talmud zu lesen ist; der Talmud zählt zu den bedeutendsten Schriftwerken des Judentums:
Anfangs ist der böse Trieb
wie ein Vorübergehender,
dann wie ein Gast und
zuletzt wie ein Hausherr.

Zum Gedenken an den
KZ-Todesmarsch in Bergen
April 1945
zwei ermordete Menschen
ohne Namen - ohne Grab

Stölzel berichtet, wie er als Teenager in der DDR Weimar besucht hat, die Stadt von Goethe und Schiller, - aber auch des Nazi-Konzentrationslagers: Der Besuch bei den Dichtern und Denkern habe ihn geprägt wie der bei den Richtern und Henkern.
Stölzel erinnert an den von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg, an die 25 Millionen toten Russen ("in Leningrad sind eine Million verhungert"), an die Millionen anderen Opfer - und die sechs Millionen deutschen Toten. "Die Stele ragt wie ein Zeigefinger in die Höhe, der uns mahnt, die Geschichte nicht zu vergessen. Denn die Decke der Zivilisation ist dünn." Was von 1933 bis 45 passiert ist, sei alles andere als ein Vogelschiss, als den es der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland bezeichnet.
Ähnlich äußert sich Landrat Rolf Keil. Er lobt Stölzel für seine klare Haltung und mahnt, die Feinde der Demokratie im Auge zu behalten, die Nazi-Partei Dritter Weg zum Beispiel. Man müsse sich jeden Tag für Demokratie einsetzen. "Es gibt keine bessere Gesellschaftsordnung."
Außerplanmäßig tritt eine alte Frau auf, die sich als Zeitzeugin vorstellt und Bürgermeister Stölzel für die Stele dankt. Sie erinnert, wie sie als Kind Hände und Füße erfroren habe - bei der Flucht aus Schlesien als Folge des Zweiten Weltkrieges. Sie spricht aber auch von KZ-Häftlingen mit Fußlappen, die von Bewachern vorwärts getrieben wurden und von Ernst Thälmann: Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands wurde 1944 im KZ Buchenwald ermordet.
Die Einweihung der Stele ist Stölzels letzter offizieller Akt - nach 14 Jahren als Bürgermeister, am 9. Mai wird sein Nachfolger gewählt. Bis zur Amtsübergabe, voraussichtlich im August, gibt es dennoch weitere freudige Termine: Einweihung der Außenanlagen des Kindergartens und eines Anti-Kriegs-Denkmals sowie die Eröffnung der Kulturscheune "Dreiländereck" in Ebmath. Vor allem die Kulturscheune ist ein Riesenprojekt: Ein Neubau für 800.000 Euro - viel Geld der Gemeinde und noch mehr Fördermittel des Programms "Vitale Dorfkerne".
Bleibt die Frage, was die Gedenkstele für die beiden namenlosen Nazi-Opfer in Bergen gekostet hat. "Die Kosten für die Stele samt Aufschrift trage ich privat, ein mittlerer vierstelliger Betrag. Nur das Fundament und die Grünanlage bezahlt die Gemeinde. Im Leben muss man viele Kompromisse machen, oft den Mund halten - aber manchmal braucht es auch eine klare Haltung", sagt Stölzel.

Hintergrund: KZ-Todesmärsche 1945

Als Ende des Zweiten Weltkriegs die Front immer näher rückt, lässt die Nazi-Führung tausende-Gefangene der Konzentrationslager (KZ) verlegen. Viele erfrieren, verhungern oder werden während der Todesmärsche erschossen. Die Toten von Bergen gehörten zu einem Todesmarsch, der vom Außenlager Sonneberg des KZ Buchenwalds durch das Vogtland zog. Nach Angaben von Eichigts Bürgermeister Stölzel haben kaum 100 Menschen den Marsch überlebt - von 400 Gestarteten.
Und es sei nicht der einzige Tross von Todgeweihten, der eine Blutspur zog: In vielen vogtländischen Orten finden sich (namenlose) Gräber: In Bobenneukirchen und Posseck, in Pirk und Leubetha...
Laut Stölzel ist unbekannt, wo sich das Grab der Toten von Bergen befindet. "Warum sind sie nicht in Eichigt begraben? Das kann keiner sagen. In den Friedhofsunterlagen und im Sterberegister findet sich nichts. Vielleicht stimmt der vage Hinweis, dass man sie sie in Bauer Hansens Wald verscharrt hat", berichtet er. Im Gespräch mit Hans-Peter Tschaepe hat Stölzel nach eigenen Worten viel über die Ereignisse damals erfahren. "Unser Ortschronist weiß sehr viel und lässt nicht locker, wenn er sich erst mal festgebissen hat." Viele Informationen habe zudem Heimathistorikerin Christine Schmidt aus Breitenbrunn im Erzgebirge geliefert, eine Spezialistin für die KZ-Todesmärsche, die in Kreisarchiven forscht und im Staatsarchiv in Dresden. ufa