Zeichen gegen Nostalgie

Das Malzhaus Plauen als authentischer Ort der Systemkritik in der ehemaligen DDR ist am 4. Oktober, 19.30 Uhr, Premierenort für den neuen Dok-Film "Aufbrüche" von Tino Peisker. Wir hatten vorab die Möglichkeit, den Film anzuschauen.

Von Ingo Eckardt

Plauen"Ich freue mich sehr, dass die erste Veranstaltung bereits gut nachgefragt ist. Eine zweite Aufführung wird es dann bei der Sparkasse am Komturhof, einer Unterstützerin des Projektes, geben", freut sich Filmemacher Tino Peisker, der in diesen Tagen dem Film den richtigen Feinschliff gibt. In gewisser Weise sei der neue Streifen "Aufbrüche" der Nachfolgefilm der Erfolgsdoku "40 Jahre sind genug", der zum zwanzigsten Jubiläum der friedlichen Revolution entstand. Dieser Film dokumentiert die Zeit zwischen den gefälschten Wahlen im Mai 1989 und dem Abend des 7. Oktober mit den willkürlichen Verhaftungen in der Plauener Innenstadt. Diesmal wird man den Dokumentationsfilm wieder einmal im Rahmen der renommierten "Hofer Filmtage" gezeigt.
"Auch der neue Streifen, den ich im Auftrag des Vereines ‚Vogtland 89‘ produziert habe, handelt natürlich vor allem von Plauen und dem Vogtland, strahlt aber auch auf die Entwicklung Ostdeutschlands und Sachsens aus. Um die Doku gefördert zu bekommen, musste ich mir mit meiner Idee Partner suchen, die ich im Verein und besonders in Gerd Naumann gefunden habe. Auch Wolfgang Sachs vom Lions-Club hat uns sehr unterstützt. Ich konnte so meine Idee für diesen Film gut umsetzen und konnte eine Förderung über das Kulturreferat der Stadt Plauen erhalten", erklärt Filmemacher Peisker.
Der neue Streifen spielt mit zahlreichen Rückblenden eher in der Gegenwart. Er zeigt die menschlichen Seiten des dreißigjährigen Transformationsprozesses nach der Wende im Vogtland. Es wird auf die wirtschaftliche Entwicklung und die der Infrastruktur ein Schlaglicht geworfen. "Generell wollten wir mit dem Film zeigen, wie es damals war und wie es heute ist. Ich möchte damit auch ein Zeichen gegen die nach wie vor durch die Gesellschaft wabernde Nostalgiewelle setzen. Es gibt heute sehr differenzierte Meinungen zur DDR und den dortigen Errungenschaften. Trotz aller Zweifel daran, wie sich heute unsere Gesellschaft darstellt, ist es grundsätzlich ein Film gegen eine Diktatur, die Menschenleben ausgelöscht und Oppositionelle weggesperrt hat. Das ist eben schon ein Unterschied zur heutigen Zeit", kann Peisker, der selbst in der DDR heftig aneckte, die "Ostalgiker" nicht verstehen. Die heile sozialistische Welt habe schlicht und einfach auf Angst basiert.
Die Filmmusik stammt von ihm selbst - schließlich ist er ja auch Musiker - und von Ronny Schubert. Die grandiosen Bilder des Films kommen aus seinem Archiv sowie aus denen der verstorbenen Renate Völkert und Arnd Schaffner. Und auch die Interviews führte Peisker selbst. So sprach er mit Steffen Kollwitz, der nachdenklich anmerkt, dass Eltern und Großeltern von heute wenig mit den Jugendlichen von heute über die Zeit der Friedlichen Revolution diskutieren. Jürgen Fritzlar erinnert an die Geschichte des VEB "Plauener Spitze", wo einst 6.000 Menschen Lohn und Brot fanden - und dank eines umfangreichen Exportanteils für eine Menge harte Valuta sorgte. Sein Vorwurf: Die DDR habe das Geld abgezogen, statt zu investieren und sich marktfähig zu halten.
Weitere Gesprächspartner sind Achim Knabe, einst Geschäftsführer bei Neoplan Plauen, Plauens Alt-Oberbürgermeister Dr. Rolf Magerkord, der Gynäkologe Dr. Hartmut Seidel von der "Gruppe der 20", Auerbachs OB Manfred Deckert, Handwerksmeister Siegmar Wolf, Jörg Schneider, dessen Demo-Aufruf für den 7. Oktober in Plauen mittlerweile legendär ist, Ex-"Kulmbacher Mönchshofbrauerei"-Boss Christoph Ihring, der in Plauen Immobilien erwarb und sanierte, sowie "Freiträumer" Mario Goldstein. "Zudem habe ich intensiv mit Ines Geipel, einer ehemals hoffnungsvollen DDR-Leichtathletin und heutigen Professorin an der Ernst-Busch-Schauspiel-Hochschule Berlin gesprochen, die eine gewisse Außensicht in die Dokumentation einbringt", erläutert Peisker. Mit außerordentlicher Klugheit reflektiert die Literaturprofessorin die Zeit damals wie heute. Ihr Credo im Film: "Keine unserer Parteien heute hat eine wirkliche Ostkompetenz. Die Menschen in den neuen Bundesländern sind auch dreißig Jahre nach der Friedlichen Revolution noch geprägt vom Denken und Fühlen zweier aufeinanderfolgender Diktaturen." Dies könne man nicht einfach wegwischen.