Zauberflöte ein Ohrenschmaus

"Die Zauberflöte", Mozarts berühmteste Oper, vor über 200 Jahren in Wien uraufgeführt, geriet am Dienstag zur Premiere im Plauener Parktheater zu einem turbulent inszenierten, kaum langatmigen, musikalisch auf höchstem Niveau befindlichen und gesanglich begeisternden Augen- und Ohrenspektakel.

Von Lutz Behrens

Plauen Als prägendes Stilmittel, ob musikalisch, bühnentechnisch, dramaturgisch oder selbst theaterhistorisch, nutzte "Zauberflöten"-Regisseur Jürgen Pöckel, seines Zeichens erfolgreicher Musiktheaterdirektor, den Kontrast in all seinen Ausprägungen. Hat man sich dieser Erkenntnis verschrieben, sind, wo man auch hinschaut, Kontraste aufzuspüren. Bei Mozart natürlich, dem Komponisten dieser "beliebtesten Oper überhaupt", wie es eine Ankündigung des Theaters verspricht. So, wenn er die Königin der Nacht, in Plauen eindrucksvoll gesungen und dargestellt von der mehrfach mit Bravo-Rufen belohnten Ani Taniguchi (als Gast), in der Arie "Der Hölle Rache" die immense Spannweite von zwei Oktaven zu meistern aufgibt; in der Uraufführung hatte Mozart die Rolle, wie damals üblich, seiner Schwägerin Josepha Hofer auf den Leib geschrieben. Oder nehmen wir Sarastro (Frank Blees), den er gesanglich in die dunklen Abgründe eines Basses abtauchen lässt. Dass sich Papagena (Nataliia Ulasevych) erst als alte Frau ihrem Vogelfänger offenbart, um ihm schließlich mit weiblich-jugendlichen Reizen den Kopf zu verdrehen, bekräftigt nur die These vom, in diesem Falle verschleierten Kontrast als Prinzip.
Das gilt für das Bühnenbild von Andrea Hölzl, die eine streng geometrische Pyramide im Zentrum des Bühnenbildes den üppig wuchernden, bunten Pflanzen eines angedeuteten Urwaldes entgegenstellt. Im Übrigen: das klug in das Geviert der Grundfläche der Pyramide platzierte Orchester, geleitet vom weiß bemützten, immer souveränen Vladimir Yaskorski, dem 1. Kapellmeister des Hauses und musikalischem Leiter der Inszenierung, überzeugt von der Ouvertüre bis zum Finale durch Klangreinheit, Sicherheit im Tempo und ausgewogene Modulation.
Zurück zum Bühnenbild. Als Kontrast angelegt das gewagte, aber sehr beeindruckende Spiel mit wirklichem Feuer (praktiziert von Marie Kannemann und Karsten Nix), das dem sanft plätschernden Wasser eines Springbrunnens entgegengesetzt ist. Auch in den Kostümen sichtbare Widersprüche: schwarz-weiße, streng geometrisch angelegte Kleidung, die von den Mitgliedern des Opernchores, des Extrachores und der Singakademie getragen werden, steht einer grellen, goldglänzenden, aufwendig geschmückten Königin der Nacht, den beiden bunten Paradiesvögeln Papagena und Papageno und einem eher sadomasochistischen Fantasien verpflichteten Monostatos (Marcus Sandmann) gegenüber.
Doch auf blanke Äußerlichkeiten beschränkt sich die kontrastreiche Dimension der Oper nicht. Da prallen aufeinander Königin und Priester, Frau und Mann, Körper und Seele, oben und unten, Nacht und Tag, Hass und Liebe, Rache und Verzeihung, Tod und Leben, böse und gut: Die "Zauberflöte" präsentiert ein Weltbild der Widersprüche und Gegensätze.
Am überzeugendsten präsentiert Jürgen Pöckel das erheiternde (und im Publikum durchaus mit verstehendem Lachen quittierte) Aufeinanderprallen von hohem Pathos, heiligem Ernst und ewigen ethischen Gesetzen mit dem witzigen, täppischen, sehr menschlichen Agieren des Papageno, in Plauen mit Sebastian Seitz die heimliche Hauptfigur des Zauberopernspektakels. Ein Hochgenuss die Szene, in der ein zu allem bereiter Tamino (André Gass) sein Leben der Liebe zu opfern willens ist, und parallel dazu Freund Papageno dem Ganzen eher realistisch-nüchtern, skeptisch und ablehnend gegenübersteht.
Große Momente aber auch in den weltanschaulich grundierten, Mozarts und Schikaneders Freimaurertum verpflichteten Aussagen eines Sarastro, der die Macht der Liebe und der Vernunft beschwört, das hohe Lied der Vergebung singt und einem abstrakten Menschsein huldigt. Uns alle trösten die Sätze vom "gefallenen Menschen", der durch Liebe gerettet wird in imaginären Sphären, "wo Mensch den Menschen liebt", wo immer das sein soll. Und dass die Königin der Nacht, die ihre Tochter zum Mord anstiftet, zum Finale von dieser verzeihend umarmt wird (und nicht untergeht), spricht für die heilsame Wirkung der Aussage der Oper auf ihre Darstellung.
Nach mehr als drei Stunden (mit Pause) schließt die "deutsche Oper in zwei Aufzügen" mit einem zwar optisch gewaltigen, musikalisch aber eher sanften Schlussbild. Im zweiten Teil ließen wenige Längen die Aufmerksamkeit ein wenig erlahmen; aber wer will leichtfertig entscheiden, was er bei Mozart wegstreicht.
Anzumerken ist, dass, aus welchen Gründen auch immer, das Programmheft mit Fotos der Zwickauer Inszenierung von vor einem Jahr aufwartet. In voller Schönheit werden Akteure gefeiert, die nicht mehr zum Ensemble gehören. Die meisten aktuellen Darstellerinnen und Darsteller bleiben im Einlieger des Programms auf kleine schwarz-weiß Passbilder reduziert. Leo Siberski wird mit Biografie als musikalischer Leiter vorgestellt, Vladimir Yaskorski nur genannt.
Nicht vergessen werden dürfen die gewaltige Schlange, das abgestürzte Kleinflugzeug, die "Schwalbe", auf der Pamino einfliegt und natürlich: der Elefant! Wenn in nostalgischer Rückschau auf Freilichtaufführungen im Parktheater immer wieder schmerzlich ein Rüsseltier vermisst wird, in der aktuellen "Zauberflöte" wird es Ereignis, zwar nicht lebend und auch ohne dramaturgische Funktion, aber als Zitat und Theaterplastik sehr beeindruckend.
Genannt werden müssen ein stolzer Sprecher, dem Shin Taniguchi Ernst und östliche Würde verleiht, die drei Damen, gesungen von Johanna Brault aus dem Ensemble und den Gästen Nathalie Senf und Sarah Kufner, und eine liebenswerte Pamina, der Christina Maria Heuel ihr Gepräge gibt.
Hoch zu loben sind die gut verständliche Artikulation aller Beteiligten, was es dem Publikum in dem zu zwei Dritteln gefüllten, mit den neuen Sitzen ausgestatteten Parktheater ermöglicht, stets der Handlung problemlos zu folgen. Ein stehend applaudierendes Premierenpublikum, viele Bravo-Rufe und große Begeisterung lassen den Besuch der "Zauberflöte" noch an diesem Freitag, am Samstag, jeweils 20 Uhr, oder - zum letzten Male! - am Sonntag, 7. Juli, 18 Uhr, zu einer dringend ausgesprochenen Empfehlung werden.