Zähes "Geschäft" mit Fortschritt

Plauen - Die Plauener Galerie Forum K in der Bahnhofstraße hatte am Freitagabend keinen Sitz- und kaum mehr einen Stehplatz mehr zu bieten. Zur Lesung und Diskussion zum Buch "Meinungsmache" mit dem politischen Autor Albrecht Müller kamen über hundert Besucher, die einen langen und engagierten Abend erlebten und eifrig mit bestritten.

Müller, der ehemalige enge Vertraute von Altkanzler Willy Brandt, gastierte in der Vogtlandmetropole auf Einladung des Vogtland-Anzeigers und der Galerie. Der 72-jährige Publizist und Internetblogger (nachdenkseiten.de) stellte sein aktuelles Bestsellerwerk "Meinungsmache" vor, um nach einer Stunde Ausführungen im zweiten Teil mit seinen Zuhörern ins Gespräch zu kommen. Es ging schlicht um den Zustand der deutschen Gesellschaft, der Arbeitsweise der Medien, um den fragilen Zusammenhalt und um Fragen, wie weiter in der Bundesrepublik.

Viele der Besucher des Abends spürten: Es brennen zahlreiche Fragen, Themen und Ideen um unser Land unter den Nägeln. Müller beschrieb mit eindringlichen Worten, fundiert unterlegt mit eingeblendeten Zahlen via Leinwand, wie die Gesellschaft in den Fängen von Industrie, Finanzwirtschaft und Politik hängt und im Sinne "großer Interessen von oben" geleitet wird. Der Medienexperte reihte Beispiel an Beispiel, um ein bedrückend realistisches Mosaik einer in der Krise steckenden Bundesrepublik zu offenbaren.

"Man darf nicht betriebswirtschaftlich, man muss volkswirtschaftlich denken", argumentierte Müller, studierter Nationalökonom, in einem seiner zahlreichen gut durchdachten und engagiert formulierten Sätze. Er meinte damit die Forderung, die Orientierung von Maßnahmen der Entscheidungsträger des Establishments im Interesse der Menschen, dem Gemeinwohl und der sozialen Marktwirtschaft zu gestalten. Die folgende Diskussion wollte kaum enden. Es gab zahlreiche Wortmeldungen. Mitstreiter von politischen Organisationen wie Attac oder der in Gründung befindlichen Bürgerplattform Vogtland (1989 bekannt als Neues Forum) beteiligten sich ebenso an der angeregten, erfrischenden Debatte und Fragestunde wie junge Zuhörer. Nicole Üblacker beispielsweise warnte vor einer Spaltung zwischen Jung und Alt.

 

Müller ermunterte die Zuhörer: "Es ist zäh, ja ich weiß, das Geschäft mit dem Fortschritt. Aber wenn man im Freundes- und Bekanntenkreis informiert, wenn man sich kritisch den Medien und der Wirtschaft und Politik entgegenstellt, ist ein erster Schritt getan." Sich einbringen, Aktionen organisieren, an Veranstaltungen für ein besseres Land teilnehmen und/ oder solche selbst organisieren - sei ein Weg, so Müller. Lesungsbesucher Klaus Seidel bezeichnete den Besuch Müllers in Plauen als eine Aktion zur richtigen Zeit. fb