XY auf Schienen

Kein IC, kein EC, kein ICE: Das Vogtland ist abgehängt vom Bahnfernverkehr - und Auerbach traurige Spitze in Deutschland: Ein Fahrgast von dort braucht auf der Schiene zweieinhalb Stunden bis Leipzig, dem nächsten Fernbahnhof, berichtet das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".

Plauen - Das Vogtland gehört demnach zu den grenznahen und ländlichen Regionen, die beim Bahnverkehr besonders schlecht dran sind - wie Lausitz und Harz im Osten oder Ostfriesland, der Südosten Bayerns und die Eifel im Westen.
Ostdeutschland hat es in den 30 Jahren seit der Wende gebeutelt - die alte BRD hatte dafür 75 Jahre Zeit. Seit 1989 "haben ausnahmslos alle kleinen ostdeutschen Städte Fernzüge verloren", schreibt "Der Spiegel".
Die alte Bundesrepublik war ein Land der Autofahrer, die Bundesbahn schrieb rote Zahlen, ihr Gleisnetz schrumpfte - von 29.000 Kilometern Gleis auf 6000. In der DDR wurden (aus wirtschaftlicher Schwäche) Güter auf die Bahn befohlen. Auch die Bürger mussten (weil es zu wenig Autos gab) mit der Bahn fahren - dreimal mehr als in Westdeutschland.
Mit dem Mauerfall kam der Westen in den Osten, laut "Spiegel" wurden mehr als 5000 Kilometer Gleise stillgelegt, "überproportional viele davon in Ostdeutschland".
Im Vogtland betrifft das solche Strecken wie Neumark-Greiz, Schönberg-Schleiz, Schönberg Hirschberg und Muldenberg-Schönheide sowie Zwotental-Adorf. Das sagt Falk Kertscher (66), ein ausgewiesener Bahn-Kenner im Vogtland.
Er betont im Gespräch mit dem Vogtland-Anzeiger, dass die Deutsche Bahn politisch gesteuert werde. "Das Unternehmen beschäftigt jetzt noch 250.000 Leute, es ist aber kein normaler Konzern. In den 15 Jahren nach der Gründung der DB AG wurden 200.000 Arbeitsplätze abgebaut. Der Niedergang der Eisenbahn ist ein Spiegelbild des wirtschaftlichen Niedergangs. Jetzt erinnert man sich, dass die Bahn einen Beitrag zum Umweltschutz leisten könnte - und will investieren."
Sinnvoll wäre Kertscher zufolge zum Beispiel die Elektrifizierung der Strecke von Plauen über Bad Brambach/Voitersreuth bis Eger in Tschechien. "Das würde die Kurorte beidseits der Grenze stärken - Bad Elster und Bad Brambach im Vogtland, Karlsbad, Franzensbad und Marienbad in Böhmen."
Die Strecke ist hauptsächlich eingleisig: 1946 hatte man mit der Demontage des zweiten Schienenstranges begonnen - als Reparation an die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg. Kertscher: "Nach Sanierung und Elektrifizierung sind wieder Züge denkbar, die wie ,Karola‘ und ,Karlex‘, Berlin bzw. Leipzig über Plauen mit Karlsbad verbinden und somit der Fernverkehr wieder ins Vogtland zurückkehrt. Damit würden Tschechen schnell die Flughäfen in Leipzig und Berlin erreichen und Deutsche die Flughäfen in Karlsbad und sogar Wien."
Überhaupt geht es nach Kertschers Meinung darum, das Bahnfahren im Vogtland attraktiver zu machen. Doch davon sei man weit entfernt. "Ich muss lachen, wenn ich höre, Bahnfahren würde billiger, weil die Mehrwertsteuer auf Bahntickets sinkt - von 19 auf 7 Prozent. Wer gewinnt bei der Senkung? Kaum ein Vogtländer, denn hier gibt es keinen Fernverkehr; nur für diese Tickets gilt die Regelung. Man muss also einen Fernzug nutzen, wenn man was davon haben will. Aber wo fahren in Sachsen die Fernzüge ab? In Leipzig und ein paar in Dresden/Riesa. Dagegen in Zwickau: Fehlanzeige - genau wie in Plauen, Reichenbach, Chemnitz und Freiberg."
Kertscher blickt auf die Zeit nach der Wende: Um das Obere Vogtland per Schiene zu erschließen, wollte man zwei Strecken sanieren, die auf der Karte ein "X" bilden: Zwickau-Falkenstein-Zwotental-Adorf sowie Reichenbach/Plauen-HerlasgrünFalkenstein-Zwotental-Klingenthal-Kraslitz. "Weil das Geld nicht reichte, fiel der Abschnitt Zwotental-Adorf weg - aus dem ,X‘ wurde ein ,Y‘." ufa