Wolfs-Geige auf dem Gösselberg

Aufbäumende Einhörner sorgen bei Martina Piesendels Feen-Geige für zauberhaften Klang und ersetzen F-Löcher. Ein Hirsch senkt sein Geweih am Geigenhals. Adler-, Wolfs-, Efeu-Geige und eine meeresblau schimmernde Titanic-Geige sind unter ihren geschickten Händen entstanden. Doch die Geigenbaumeisterin kann auch klassisch.

Klingenthal Hoch oben auf dem Gösselberg in Klingenthal hat Geigenbaumeisterin Martina Piesendel ihre neue Werkstatt bezogen. Das kleine Häuschen machte bei einem Spaziergang auf sich aufmerksam. Es stand zum Verkauf. "Am Gösselberg 36, meine Miniwerkstatt im Haus meiner Schwiegereltern in Erlbach war unterm Dach in der Eubabrunner Straße 36b. Wenn das kein Zeichen ist", lächelt Martina Piesendel. Weit schweift dabei der Blick von der Werkstatt aus über die bewaldeten Hügel. Talwärts schmiegen sich die Häuser an den Hang. Wolken und Wetter ziehen. Herausfordernd sind hier oben die Winter, Balsam für Auge und Seele sind Frühling und Sommer. Holzduft und Specksteinofen sorgen im umgebauten Haus für Gemütlichkeit. Aufgereiht grüßen Werkzeuge über der uralten Werkbank. Ein Kraftakt war es, das massive Stück in die Werkstatt zu hieven.
Aktuell arbeitet die junge Meisterin an einer Waldgeige. Wie so oft, hat sie auch hier Neues ausprobiert. "Diesmal kam eine Graviermaschine zum Einsatz beim Punzieren." Das erfordert Geschick, damit der Boden aus hellem Bergahorn keinen Schaden nimmt. Nachgearbeitet werden die feinen Linien, mit denen eine Waldlichtung mit Reh aufgezeichnet ist. Fingerspitzengefühl für die kleine, laut brummende Maschine, beweist gerade Simona Wolff. Sie lernt im 2. Lehrjahr Geigenbau an der Berufsfachschule in Klingenthal. Genau wie Martina möchte sich auch die Hamburgerin ausprobieren, Neuland wagen. In der Werkstatt am Gösselberg bekommt sie eine Chance und Unterstützung. Denn die Werkstatt der jungen Meisterin verlassen Unikate. Allesamt sind so ungewöhnlich, wie die Künstlerin selbst, die über Umwege zum Bau von Violinen und Bratschen kam und die der Liebe wegen 2012 ins Vogtland zog. Hier fühlt sich die Schwarzwälderin heimisch und von der Landschaft inspiriert, hier hat sie mit ihrem Mann Kay eine Familie gegründet. Sohn Erik, der Erstklässler, lernt gerade im Zimmer nebenan.

 


Herausfordernd wird allein die Gestaltung am Hals der Waldgeige. "Mit gesenktem Haupt schaut der Hirsch. Sein Geweih wird vorsichtig herausgearbeitet", beschreibt die Künstlerin und hofft, die filigrane Arbeit gelingt. Schließlich muss die Schnecke in Form des Hirschkopfes belastbar und das Instrument spielbar sein. Farblich will die Geigenbauerin braun und grün mischen und durch Wischtechnik besondere Lichteffekte herausarbeiten.
Auffällig bei all ihren Instrumenten sind ohnehin die ungewöhnlichen Maserungen des Holzes. Während ein klassischer Musikinstrumentenbauer Ausschau hält nach ebenmäßiger Struktur, mag es Martina Piesendel wild und außergewöhnlich. Selbst vor Einlagerungen schreckt sie nicht zurück. "Das reizt mich gerade. Holz darf seine eigene Natur behalten", findet die junge Meisterin und blickt zu einem Cello-Boden in der Werkstattecke. Der sanfte dunkle Klang des Instrumentes ist für die Geigenbauerin wie ein Ruf. "Irgendwann möchte ich auch ein Cello bauen", sagt Martina Piesendel bestimmt. Ob sie das kann? "Ich probiere es erst einmal mit einem klassischen Cello aus. Auch wenn ich seit Juni 2019 den Meister in der Tasche habe, heißt das nicht, dass ich alles weiß", sagt die Geigenbauerin. Der Korpus ist beim Cello etwa doppelt so groß wie der einer Geige. Das Cello wird im Sitzen gespielt und gilt mit seinem facettenreiche Klangcharakter als ausdrucksstarkes Streichinstrument. Von Marlies Dähn
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