Wolfgang Hinz: "Bin mental ziemlich fertig"

Plauen - Ein spätsommerlicher Tag auf dem Campingplatz Gunzenberg an der Talsperre Pöhl. Nur wenige der Wohnwagen und kleinen Holzbungalows sind noch bewohnt. Im oberen Teil der großen Anlage sitzt auf der schmalen Terrasse eines derartigen Häuschens Wolfgang Hinz.

 

Es ist Donnerstagvormittag und normalerweise wäre der Fraktions-Chef der Linken im Plauener Stadtrat, der Kreisrat im Vogtlandkreis, der Fraktionsgeschäftsführer seiner Partei, in irgendeiner dieser Funktionen sicher unterwegs.

Stattdessen schaut er gedankenversunken auf die tiefer gelegenen Bungalows seiner Nachbarn. Wohin sein Blick wirklich geht, ist schwer auszumachen. "Voriges Wochenende hatten wir hier draußen unsere Abschlussfete, ich hab sie wie immer mit organisiert. Als es so weit war, hab ich mich in meine Hütte verzogen", sagt Hinz. Dass er nächtelang nicht geschlafen habe und mental ziemlich fertig sei, erzählt er ungefragt. Der Verlust des Geschäftsführer-Postens seiner Fraktion hat ihn hart getroffen. "Meine Bitte um ein Gespräch ist ein Zeichen, dass ich eine Möglichkeit suche, meine Auffassung darzustellen." Und immer wieder blickt er zur Seite, wie Männer es tun, wenn sie die feuchter werdenden Augen verbergen wollen.

Es ist eine Mischung aus Enttäuschung, aus Zorn und dem Willen reinen Tisch zu machen, die Hinz? Gedanken in Worte formen. Fakt ist: Seine Fraktion hat beschlossen, die Ämter eines Fraktionsvorsitzenden und eines Fraktionsgeschäftsführers künftig personell zu trennen. Rechtlich sicher nicht zu beanstanden, menschlich hat Hinz damit seine Probleme. Zumal, wie er sagt, diese Entscheidung in seiner Abwesenheit getroffen wurde und er selbst erst fragen musste, ob es nun so sei wie es sei.

Er ist Politprofi genug um zu wissen, was seine Äußerungen nahezu Stunden vor der Wahl bewirken können. "Ich bedaure das sehr für unsere Kandidatin Janina Pfau." Mehr zum Thema kann, will er vielleicht auch nicht sagen. "Was in meiner Fraktion derzeit passiert, halte ich für politisch äußerst falsch", sagt Hinz, um in der 3. Person fortzufahren. "Hinz hat zur Landtagswahl ein überragendes Ergebnis eingefahren, das drittbeste in Sachsen. Und wenn man Hinz nicht mehr vorn stehen lässt, dann verliert die Partei in Plauen und letztlich auch in Sachsen an Einfluss. Aber es geht gar nicht mal so sehr um den Hinz als darum, wie wir uns als Partei in der Region darstellen."

Doch wo ist der Anfang zu suchen vom jetzt drohenden Ende der politische Karriere des Mannes, der auf der Bahnhofstraße oder einem der Supermärkte immer doppelt so viel Zeit als andere braucht, weil Hinz von Kunz ins Gespräch verwickelt wird. Über Gott und die Welt, vor allem aber Politik. Diesen Anfang sieht er vor etwa zwei Jahren. Er habe damals Fraktionsmitglieder als Stalinisten bezeichnet, werde ihm vorgeworfen. "Das zaubert man jetzt hervor, um mich loszuwerden."

Und spricht dann verblüffend offen über die Hintergründe. "Wir hätten 2007 einen linken Beigeordneten des Oberbürgermeisters haben können, eine Koalition mit der CDU wäre denkbar gewesen, die Stimmen der Christdemokraten für uns, unsere für deren Kandidaten. Diesen Überlegungen ist meine Fraktion nicht gefolgt. Eine solche Option wird auf absehbare Zeit nicht mehr drin sein."

Und dann macht er aus seiner Sicht deutlich, weshalb die Differenzierung beider Ämter ungünstig ist. "Ungünstig" sagt er nicht, er wählt einen drastischeren Begriff. Zu vielen offiziellen Veranstaltungen sei er als Fraktions-Chef eingeladen gewesen, die er aber auch deshalb wahrnehmen konnte, weil er als hauptamtlicher Fraktionsgeschäftsführer die nötige Zeit dafür hatte. "Ich konnte auf allen Ebenen als Linker auftreten und das hat dem Ansehen der Partei nicht geschadet." Als in einem anderen Beruf Tätiger könne man das Amt nicht quasi nebenbei ausüben, ist er überzeugt.

Dass es nun innerhalb der Fraktion zwei Gruppierungen gibt sei Fakt. Mit Namen will er das nicht untersetzen. "Da sind Leute machtgeil geworden", entfährt es ihm dann doch. Dass er ein nicht ganz ungetrübtes Verhältnis zum künftigen Geschäftsführer hat, hat sich mittlerweile über die Fraktion hinaus herumgesprochen. Der heißt Andreas Straka, was Hinz als zusätzlichen Tritt ans Schienbein empfindet. "Ich habe kein schlechtes Verhältnis zu ihm, aber wir haben konträre Auffassungen." Hinz spricht von einem offenen Brief der Basisorganisationen an die Fraktion, in denen ebenfalls deutliche Kritik an deren Entscheidung geäußert werde.

Ja, dieser Mann ist tief getroffen, auch in seiner Ehre. Ob das was mit der sprichwörtlichen Machtgeilheit zu tun hat, darüber kann man nachdenken, weniger urteilen. Hinz ist nicht in der Verfassung, Milde walten zu lassen. Ohne mein Wahlergebnis säßen mindestens drei Leute weniger in der Fraktion", sagt er. "Und wer das nicht kapiert, dem muss ich die Fähigkeit absprechen, politische Arbeit leisten zu können." Über seine Absetzung habe er übrigens ebenso wenig etwas Schriftliches in der Hand, wie er als Fraktions-Chef bereits den Arbeitsvertrag seines Nachfolgers als Geschäftsführer unterschrieben habe.

Ende Oktober wird Hinz den Gang zum Arbeitsamt antreten. Die 750 Euro, die er als Geschäftsführer bisher erhielt, kann er verschmerzen, sagt er. Über seine politische Zukunft will er sich am 8. Oktober äußern. Dieses Datum hat er bewusst gewählt. "Ich bin am 7. Oktober als Fraktions-Chef zum Empfang mit Horst Köhler in Plauen eingeladen. Und es ist mir ein persönliches Anliegen, ihm die Hand zu reichen." Und wie würde er seinen derzeitigen Zustand beschreiben? "Ich bin zur Zeit psychisch stark angegriffen, um es vorsichtig auszudrücken." Und dann schaut er wieder über die Bungalows in die Ferne. tp