Woher die Weihnachtslieder kommen

Zum vorletzten Mal fliegt eine Eule aus der Drechslerei Kuhnert in die Welt: Diesmal setzt sie sich am Dirigentenpult der Vogtland Philharmonie nieder. Es geht um Weihnachtslieder.

Von Ingo Eckardt

Plauen Beinahe allen Menschen im christlichen Abendland sind Gesänge wie "Stille Nacht", "Oh, Du Fröhliche" oder auch "O Tannenbaum" geläufig. Auch berühmte Komponisten haben sich der Geburt Jesu gewidmet. Vogtlandphilharmonie-Dramaturg Michael Pauser schaute für uns in die Notenbücher. "Zum Bestandteil der Liturgie gehörten schon frühzeitig Antiphonen wie ‚Hodie Christus natus est‘, also ‚Heute ist Christus geboren‘ oder ‚Angelus ad pastores ait‘, was nichts anderes bedeutet als ‚Der Engel sprach zu den Hirten‘", sagt Pauser. Die Worte der Engel, die Begebenheiten bei den Hirten oder die Geschichte der Weisen aus dem Morgenlande wurden den Gläubigen in den Gottesdiensten bereits vor Jahrhunderten in ein- und mehrstimmigen Gesängen nahe gebracht. An sehr katholischen Orten und in Ländern, in denen die Orthodoxie vorherrschende Religion ist, kann man diese bis heute hören. Dass man Weihnachten zu Hause feierte oder gar seine Wohnung dekorierte, war damals allerdings noch nicht üblich - genauso wenig wie das häusliche Singen.
Mit Martin Luther änderte sich einiges. Natürlich übersetzte er neben der Bibel auch die Gesänge der Weihnachtszeit, textete und komponierte neue. Mit "Vom Himmel hoch, da komm ich her" schuf er eines der bekanntesten protestantischen Weihnachtslieder. Komponisten aller Generationen fühlten sich angeregt, dieses Lied in ihren eigenen Werken wiederzuverwenden - von Bach, Mendelssohn Bartholdy, Reger oder Strawinsky stammen wohl die bekanntesten Adaptionen.
Mit der Reformation entstanden vorwiegend in Mittel- und Norddeutschland Vertonungen von Weihnachts-Historien, die das Pendant zu Passionen bildeten, so von Rogier Michael (Dresden 1602), Thomas Selle (Hamburg um 1660), Heinrich Schütz (Dresden 1660/64), Marco Gioseppe Peranda (Dresden 1668), Johann Philip Krieger (Weißenfels, mehrere Fassungen zwischen 1684 und 1720), Philipp Heinrich Erlebach (Rudolstadt 1698) oder Gottfried Heinrich Stölzel (Gotha 1719, Sondershausen 1736).
"In Italien lag der Fokus auf weihnachtlicher Instrumentalmusik. Sicher hatte dies mit der Erfindung der Oper zu tun, in der man versuchte, das antike Bild von Arkadien in den Kompositionen hörbar zu machen", so Pauser. Die Idylle der Schäfer (einschließlich der Fantasien diesseits wie jenseits der Gürtellinie) wurden zu festen musikalischen Topoi. Bis heute kenne man das Concerto grosso op. 6 Nr. 8 "Fatto per la notte di natale" ("gemacht für die Heilige Nacht") von Arcangelo Corelli mit seiner geradezu prototypischen Pastorale am Ende. Und natürlich den "Winter" aus Antonio Vivaldis Barock-Hit "Vier Jahreszeiten" solle man dabei nicht vergessen.
In ganz Europa kam dann die Zeit der großen Oratorien. In Frankreich trat Marc-Antoine Charpentier Ende des 17. Jahrhunderts mit mehreren solcher Werke für die Weihnachtszeit in Erscheinung, Georg Friedrich Händels "Messiah" (Dublin 1742) erzählt im 1. Teil die Weihnachtsgeschichte und in Camille Saint-Saëns‘ "Oratorio de Noël" (Weihnachtsoratorium, Paris 1858) begegnet sie dem Zuhörer genauso wie in Franz Liszts monumentalem Oratorium "Christus" (Weimar 1873). Bis heute populär sind die Ballette von Peter Tschaikowsky, besonders der "Nussknacker" oder Märchenopern wie Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel".
"Die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen des 18. und 19. Jahrhunderts sorgten dafür, dass kirchliche Feste wie Weihnachten nicht nur in der Kirche stattfanden, sondern auch Einzug in den Alltag der Gläubigen und deren Heime hielten. Aus dem hohen kirchlichen Fest wurde privat gepflegtes Brauchtum: Engelsfiguren, Weihnachtsbäume oder Schwibbögen entstanden. Das wurde in der Musik aufgegriffen: ‚O Tannenbaum‘ war ursprünglich ein tragisches Liebeslied, besingt ja nicht Weihnachten, sondern eine Pflanze, die in der Weihnachtsgeschichte nicht einmal vorkommt, und in ‚Leise rieselt der Schnee‘ finden wir ein akustisches Landschaftsgemälde vor, in dem eher zufällig und beiläufig das Wort weihnachtlich erwähnt wird", erläutert Dramaturg Pauser.
Mit Weihnachten an sich haben diese Lieder somit gar nichts zu tun und sind dennoch untrennbar damit verbunden. Anders ist das beim weltweit bekanntesten Weihnachtslied "Stille Nacht, heilige Nacht". Seit dem Jahr 1818 bekam es über 300 (!) Übersetzungen und trägt mittlerweile den Unesco-Titel als immaterielles Kulturerbe.
Der Nationalismus im 19. Jahrhundert, Nationalsozialismus und der Sozialismus haben im 20. Jahrhundert mit ihren antireligiösen Ausrichtungen dafür gesorgt, dass Weihnachten "entchristlicht" wurde, zu einem Fest der bloßen Brauchtumspflege, das fast jegliche Verbindungen zu seinem Ursprung verloren hatte. Obwohl an vielen Texten heute nichts Verwerfliches festzustellen ist, mag es doch zumindest verwundern, dass das äußerst populäre Nazi-Lied mit dem doppeldeutigen Titel "Es ist für uns eine Zeit angekommen" und Textzeilen wie "wandern wir durch die weiße Welt" heute ohne Erklärung des Kontexts in Kirchengesang- und Schulbüchern zu finden ist. Der kurzen Zeit zwischen den Diktaturen verdanken wir immerhin Werke wie Siegfried Köhlers Motette "Tausend Sterne sind ein Dom", das in den alten Bundesländern heute zu Unrecht als "sozialistisches Weihnachtslied" abgewertet wird (Kompositionsjahr 1946).

Kalenderblatt 23

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