Wirbel um Wunderwauzis

Sachsens Polizeihunde vollbringen Wunderdinge. Das versucht ein sächsischer Polizeidirektor zu beweisen. Dafür hat er den Doktortitel bekommen - aber auch Betrugsvorwürfe. Zu seinen Kritikern zählen eine Vogtländerin und ein Professor aus Leipzig.

Plauen/Dresden Hundenasen sind empfindlich, vor allem die von Personensuchhunden. Aber vermögen sie in der Mehrzahl der Fälle der Spur eines Vermissten zu folgen, der vor einem Jahr verschwunden ist? Können sie Monate später helfen herauszufinden, wer als Brandstifter am Tatort war?
"Genau das behauptet der sächsische Polizeidirektor Leif Woidtke", sagt Stephanie Rössel aus Weischlitz. Sie habe bereits vor Jahren auf mögliche Manipulationen hingewiesen. "Bei Ausbildung und Prüfungen ging es nicht mit rechten Dingen zu: Eigentlich sollte der Hund den Menschen führen. Aber es ist umgekehrt, wenn der Hundeführer das Ziel kennt oder er versteckte Hinweise dazu erhält: Dann leitet er den Hund."
Ein Beispiel? "Wenn der Hund die falsche Spur genommen hat, empfahl ein Begleiter: Der Hund sollte was saufen. Das war für den Hundeführer das Zeichen, eine andere Richtung einschlagen zu müssen", berichtet Frau Rössel. Die 42-Jährige war nach eigenen Angaben selbst aktiv in der Fährtenhundeausbildung und hat für ein Hundesportmagazin geschrieben.
Und sie beschäftigt sich seit 2010 mit dem Pilotprojekt der Polizei "Mantrailing" (engl. "Menschensuche"): Regelmäßig berichtete sie als Freie Mitarbeiterin des Vogtland-Anzeigers über das Pilotprojekt, das die sächsische Polizei jährlich in Plauen vorgestellt hat.
Bei den mit Medienrummel ("Sachsens Supernasen") vorgeführten Suchübungen seien ihr immer wieder Ungereimtheiten aufgefallen. "Wenn die Suche am Plauener Altmarkt startete, ging es zur ehemaligen Frauenklinik oder zum Malzhaus. Die Hunde gingen jedes Jahr mit meist den gleichen Leuten die gleichen Strecken: Hundeführer und Begleiter samt Hunden müssen Strecken (und Ziele) im Schlaf gekannt haben. Auch die Prüfungen verliefen so. Zudem hatte die gesuchte Person immer eine Leberwurst-Tube oder Dose mit Futter in der Hand."
Ist es nicht logisch, dass die Hunde an genau dieser Person stehen bleiben?, fragt Frau Rössel. "Doch welcher Vermisste liegt im Wald mit einer Leberwurst-Tube dabei? Solche Fragen wollte jedoch keiner hören - oder gar beantworten."
Die Leistungen der Hunde seien scheinbar immer spektakulärer geworden, sagt Frau Rössel: "2012 wurde es in Plauen als Erfolg verkauft, dass der Hund an der richtigen Tramhaltestelle ausstieg und den ,Täter‘ fand - obwohl der Hund von seinem Hundeführer in eine spätere (!) Straßenbahn hineingetragen (!) werden musste, was kein Zeichen für freiwillige Hundearbeit ist."
Kritik an dem Pilotprojekt "Mantrailing" der sächsischen Polizei äußert auch Kai-Uwe Goss, Chef der Abteilung für Analytische Umweltchemie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig und Professor an der Uni Halle. Frau Rössel argumentiert mit gesundem Menschenverstand - der Professor führt die Wissenschaft ins Feld; er hält Polizeidirektor Woidtke für einen Betrüger.
Professor Goss wollte als Jugendlicher Verhaltensforscher werden, studierte Umweltwissenschaften und arbeitete in den USA. In der Schweiz unterstützte er eine UN-Organisation, die Minensuchhunde ausbildet. 2007 wechselte er nach Leipzig. Und Professor Goss hat eine interessante Geschichte zu erzählen:
2015 habe Woidke einen Hundeführer mit Hund Hermine auf dem Institutsgelände Gossens Söhne - damals 8 und 11 Jahre alt - suchen lassen. "Doch der Hund hat es nicht geschafft. Das wollte Woidtke nicht auf sich sitzen lassen und bat um eine neue Chance: Also ging mein Praktikant sich verstecken - in Begleitung eines Polizisten, der kurz darauf zurückkehrte. Ich wurde in ein Gespräch verwickelt und sah aus den Augenwinkeln, dass der Polizist mit dem Hundeführer sprach. Daraufhin wurde das Taschentuch meines versteckten Praktikanten verbrannt, das für die Spurensuche gedacht war. Der Hund roch an der Asche - und fand (an der Leine des Hundeführers) zielsicher die Spur zum Praktikanten."
2014 hatte Goss vom Spürhundeprojekt der Polizei erfahren - und bot Hilfe an. "Hundeausbilder wissen nichts von der Chemie der Gerüche. Ich dachte, ich könnte helfen: In meiner Habilitation habe ich beschrieben, wie Gerüche an Oberflächen haften. Doch Herr Woidtke hatte nur ein Ziel: Mit seinen Hunden gewonnene Erkenntnisse sollten Beweiskraft vor Gericht erhalten. Zweifel waren nicht erwünscht. Erkenntnisoffene, wissenschaftliche Arbeitsweise sieht anders aus."
Vollends stutzig sei Goss geworden, als Woidke sagte, ein Hund könnte die ein Jahr alte Geruchsspur eines Menschen finden - und damit beweisen, dass dieser Mensch am Tatort gewesen sei. Goss schüttelt den Kopf: "Vor zweieinhalb Jahren habe ich einen Wettbewerb ausgelobt: 1000 Euro erhält, wer mit seinem Hund eine 24 Stunden alte Spur nachverfolgen kann. Bisher hat sich niemand gemeldet."
Goss zufolge gehört zum Grundwissen der Polizei in den meisten Bundesländern, dass Hunde Geruchsspuren von Menschen nur finden, die höchstens 36 Stunden alt sind. Bei Trockenheit sei die Grenze manchmal nach 60 Minuten erreicht. "Nur in Sachsens Polizei denkt man anders und in einer mittlerweile kleinlauten Fraktion von Bayerns Polizei."
Das Magazin Spiegel berichtet über den Fall Woidtke. Demnach tritt der Polizeidirektor als Gutachter vor Gericht auf und kann über Schicksale entscheiden, weil er behauptet, dass Hunde der sächsischen Polizei nach einem Jahr Spuren wittern, um Täter oder Vermisste zu ermitteln. Die Uni Leipzig hat Woidtke für "seiner Forschung mit den vierbeinigen Spürnasen" den Doktortitel verliehen.
Keine Rolle dabei spielt, dass Frau Rössel eigenen Angaben zufolge bisher keine Antwort auf die Frage kennt, wie Hunde zeigen, dass ein Verdächtiger Monate vorher am Tatort gewesen sein soll.
Warum hat Polizeidirektor Woidke Erfolg? Professor Goss sieht mehrere Gründe: "Woidtke und sein Hundeführer reden jeden in Grund in Boden. Und die meisten Zuhörer haben ein positives Vorurteil: Alle wünschen sich, dass Hunde Außergewöhnliches leisten."
Das sehe man in der Mantrailer-Community sozialer Netzwerke, die von Wunderwauzis schwärmen, wenn es um Hunde geht, die Menschen suchen. Und Geltungsdrang spiele ebenfalls eine Rolle.
Dabei hat Polizeidirektor Woidtke bereits Schüsse vor den Bug bekommen - abgefeuert von Professor Goss: "Woidtkes Behauptung ist längst widerlegt, Hunde könnten DNA riechen."
Goss spricht zudem von Mauscheleien im Zusammenhang mit Woidtkes Doktorarbeit, in der es um sensationelle Aufklärungsquoten durch Hundeeinsätze gehe. Es liege der Verdacht nahe, Woidtke habe Daten verschwinden lassen, wenn sie nicht in sein Weltbild passten. Dazu passt, dass Spiegel-Angaben zufolge die Uni Leipzig jetzt überraschend mitteilte, die Vorwürfe gegen Woidtke prüfen zu wollen. "Was auf dem Tisch liegt, müsste zum Umdenken reichen", sagt Goss, der seit Jahren genau das fordere.
Der Professor hält Woidtke nach eigenem Bekunden für einen Betrüger. "Er ist gefährlich, weil seine Erkenntnisse Unschuldige ins Gefängnis bringen könnten. "Oder ein Vermisster stirbt nach drei Tagen, wenn der Hubschrauber mit Wärmebildkamera am Boden bleibt, weil Hunde suchen, die in Wirklichkeit jedoch keine Chance haben. Es werden Hoffnungen geweckt, die unredlich sind."
Wie Goss auf Anfrage des Vogtland-Anzeigers sagt, ist er zweimal als Gegengutachter Woidtkes vor Gericht aufgetreten - und die Richter sind seiner, Gossens, Auffassung gefolgt: So, als ein Mann beschuldigt wurde, Automaten gesprengt zu haben. "Woidtkes" Hunde hatten den Mann belastet: zig Monate nach den Taten. "Der Argumentation des sächsischen Polizeidirektors stellten die Richter anschließend ein vernichtendes Zeugnis aus", schreibt der Spiegel.
Goss gibt zu bedenken, dass Gegengutachter leider selten bestellt würden, wenn Woidtke vor Gericht auftrete. Wie er aus der Antwort des Sächsischen Innenministers auf eine Anfrage der Linken im Landtag erfahren habe, gab es 2016 zehn Verfahren - höchstwahrscheinlich nur mit Woidtke als Gutachter, 2017 waren es zwölf. "Worum es ging, wurde nicht offengelegt." ufa
https://www.mdr.de/wissen/hunde-koenne-doch-keine-dna-riechen-100.html

 

Was sagt Polizeidirektor Dr. Leif Woidtke?

Der Vogtland-Anzeiger hat Polizeidirektor Dr. Leif Woidtke mit den Betrugsvorwürfen konfrontiert. Was sagt er?
Er wolle sich nicht in den Medien äußern, teilt die Hochschule der Polizei (FH) in Rothenburg/OL mit, wo Woidtke als Dozent tätig ist. Als Bediensteter der Polizei Sachsen beantworte jedoch die Stabsstelle Kommunikation der Hochschule die Medienanfragen.
Es gibt nur wenige Antworten auf die 20 Fragen des Vogtland-Anzeigers zu den außergewöhnlichen Leistungen der sächsischen Polizeispürhunde (Mantrailer) und dem dazugehörigen Pilotprojekt unter Leitung von Polizeidirektor Woidtke: Der operative Einsatz der Hunde obliege der Diensthundeschule der Polizei Sachsens, welche dem Präsidium der Bereitschaftspolizei zugehörig ist.
"Grundsätzlich ist anzumerken, dass Herr Dr. Woidtke seine Forschungen zu dem benannten Themenfeld nicht im dienstlichen Auftrag und somit grundsätzlich mit privater Interessenlage geführt hat, wenngleich unbestritten mit Verknüpfungen zu dienstlichen Belangen", schreibt die Hochschule.
Woidtke stehe für den sachlichen, wissenschaftlichen Diskurs zwischen den beteiligten Personen und Institutionen gerne zur Verfügung - jedoch nicht, um den Diskurs in der medialen Öffentlichkeit auszutragen. Zu Woidtkes Forschungsarbeit bestehen unterschiedliche Auffassungen, die auf wissenschaftlicher Ebene zu klären seien. Die Uni Leipzig habe sich positioniert: ufa

https://magazin.uni-leipzig.de/entdecken-erforschen/entdecken-erforschen/artikel/universitaet-nimmt-kritik-ernst-2021-02-18/

 

Fragen an Stephanie Rössel:  Anzeige (ein)gestellt

Stephanie Rössel äußert sich seit Jahren kritisch über die Jubelmeldungen, die es über die sächsischen Personenspürhunde gibt. Bei den Prüfungen und der Ausbildung gehe es nicht mit rechten Dingen zu. Deshalb musste sie in der Vergangenheit einiges Ungemach aushalten, zum Beispiel Anzeigen der Polizei wegen Verleumdung. Der Vogtland-Anzeiger sprach mit der 42-Jährigen aus Weischlitz, die seit Jahren für den Vogtland-Anzeiger über das Pilotprojekt "Mantrailing" (Personensuche) der sächsischen Polizei berichtet hat, wenn Vorführungen dazu in Plauen stattfanden.

Frau Rössel, was genau ist passiert?
Rössel: Kritische Äußerungen auf Facebook 2014 haben mir eine Anzeige wegen Verleumdung eingebracht - wenn auch erst zwei Jahre später und zwar von Polizeidirektor Leif Woidtke, dem Leiter des Pilotprojekts. Vor der Anzeige hatte er mir bei einem Termin schon persönlich gedroht.

Was ist aus der Anzeige geworden?
Die Staatsanwaltschaft hat sie eingestellt.

Mit welcher Begründung?
Vereinfacht gesagt, wurde mir Fachwissen zugestanden, weil ich mich seit Jahren mit dem Thema beschäftige, und außerdem sei meine Äußerung von der freien Meinungsäußerung gedeckt. Die Anzeige wurde mangels öffentlichem Interesse nicht weiter verfolgt.

Sie haben sich mit ihren Bedenken um die Korrektheit der Hundeprüfungen auch an den damaligen Polizeipräsidenten Seidlitz gewandt, oder?
Ja, aber er hat mir nicht geantwortet. Stattdessen bekam ich Post von der Staatsanwaltschaft. Daraus ging hervor, dass ich Anzeige gegen die Polizei gestellt hätte - habe ich aber nicht. Ich habe lediglich einen Brief mit meinen Bedenken geschrieben.

Dann hätte die Staatsanwaltschaft gegen die Polizei ermitteln müssen?
Ja, wenn man dieser Logik folgt. Aber stattdessen wurde gegen mich ermittelt. Ist aber am Ende auch eingestellt worden. ufa