"Wir waren das Volk"

An diversen Orten im Vogtland gibt es Telefonzellen, in denen nicht mehr der Hörer abgenommen, sondern Bücher zum freien Tausch angeboten werden. Man findet sie in der Plauener Bahnhofstraße, in Fröbersgrün oder vor der Syrauer Drachenhöle. Darin stöbert man immer wieder Interessantes auf. Zum Beispiel die Biografie des ehemaligen Klingenthaler Bürgermeisters Günther Kunzmann.

Von Lutz Behrens

Plauen Biografisches von hochkarätigen, auch mediokren Politikern liegt stapelweise in den Buchhandlungen. Das ist meist erhellend und gibt Einblicke in sonst verborgene Bereiche. Als weitaus spannender jedoch erweist es sich, wenn Zeitgenossen, die zudem noch aus der Region sind, ihre Erfahrungen, bitteren Erkenntnisse und Erinnerungen mitteilen. So wie das Günter Kunzmann getan hat in seinem Buch "Wir waren das Volk". Erschienen und gedruckt in einem Verlag in Cheb, ergänzt mit 28 Illustrationen des Autors. Das Vorwort datiert vom März 2009.
Kunzmann, promovierter Physiker, arbeitete in der DDR viele Jahre als Forscher in der Industrie und war an vorderer Stelle dabei, als im heißen Herbst des Jahres 1989 die gesellschaftlichen Verhältnisse in Klingenthal auf den Kopf gestellt wurden. Er engagierte sich als Fraktionsvorsitzender der SPD im Stadtrat, wurde als Bürgermeister in den Kreistag gewählt und fungierte von 1994 bis 1999 als Bürgermeister Klingenthals.
Das Buch beginnt mit der heute gar nicht mehr vorstellbaren Odyssee eines Bauprojektes, beginnend im Jahr 1980 in Klingenthal. Kunzmann nennt es lapidar "sozialistische Realgeschichte", als sich der Autor daranmacht, mit Hilfe von Freunden und mit viel Handarbeit, über Jahre ein geerbtes Wohnhaus instand zu setzen. Allein das lohnt die Lektüre.
1989 veränderte sich auch das Leben Günter Kunzmanns. Er berichtet von den Plauener Ereignissen am 7. Oktober 1989 (spricht dann aber nicht von Samstags-, sondern von "folgenden Mittwochs-Demonstrationen"). In Klingenthal artikulierte sich der Volkswille von rund 500 Demonstrierenden am 13. Oktober, einem Freitag, die sich am Ende in der Kirche zusammenfinden. Beim nächsten Mal sprach dort auch Kunzmann, wurde in einen Sprecherrat gewählt. Die Zahl der Widerständigen nimmt zu, man kommt auf dem Marktplatz zusammen, Kunzmann avancierte zum Moderator. Er lehnte den "Aufruf für unser Land" ab, damals initiiert unter anderen von Christa Wolf und Stefan Heym (im Buch liest man leider: Heim).
Am 10. Januar 1990 gehörte Kunzmann zu den 18 Personen, die den Ortsverein der SPD gründeten. Er wurde in den Vorstand des Unterbezirks Vogtland gewählt; in die Volkskammer schaffte er nicht. Das gelang dem Plauener Rolf Schwanitz, bei dem Kunzmann 1991 als Mitarbeiter tätig wird. Später bat ihn der Landrat ("Es war dies der dritte Landrat seit einem Jahr, ein Junge von nicht einmal 21 Jahren, …"), bei ihm als Wirtschaftsberater zu arbeiten. Es folgte ein Geschäftsführerposten bei der Beschäftigungsgesellschaft Klingenthal mbH. Dann die Wahl zum Bürgermeister. Das Wahlergebnis wurde am 27. Juni 1994, Kunzmanns 60. Geburtstag, bekanntgegeben.
Ein Vorzug der manchmal im Ton eines Amtsblattes formulierten Ausführungen Kunzmanns ist es, die Sachverhalte von einst so darzustellen, wie sie passiert sind. Reden und Vorträge, die er als Bürgermeister gehalten hat, aber auch zum Beispiel Diskussionen im Stadtrat, die er wörtlich notiert und im Buch wiedergeben hat. Das macht die Authentizität erfahrbar, aber auch die Leidenschaft, mit der damals gestritten wurde. Als es im Stadtrat um die Klingenthaler Umgehungsstraße ging, deren anfängliches parlamentarisches Scheitern den Bürgermeister sogar eine Zeitlang bewog, seinen Rücktritt ernsthaft ins Auge zu fassen, schlugen die Wogen der Auseinandersetzung hoch. So etikettiert Kunzmann die damalige CDU-Fraktion mit "ihren wahrhaft militanten Mitgliedern" als "ideologische Kampfpartei vom kommunistischen Typus". Als er seine kommunalpolitische Arbeit im Oktober 1994 beginnt, sieht er sich "einer festen Front aus CDU, PDS und FWG (Freiwillige Wählergemeinschaft) gegenüber, für die Opposition als prinzipielle Ablehnung des Regierungshandelns verstanden wird". Er berichtet von der Landtagswahl und nennt, in schöner Ahnungslosigkeit desaströser, aktueller Entwicklungen, das Ergebnis der SPD in Sachsen aus dem Jahre 1994 mit 17 Prozent ein "erbärmliches Gesamtergebnis"…
Im Zuge des Streites um eine Straßenausbausatzung ließ ihn seine Partei "jämmerlich im Regen stehen und lebte lieber ihre interne Diskussionslust aus, anstatt an ihre Verantwortung zu denken". Es kam zur Zwangsverwaltung. Erbitterter Streitpunkt waren u.a. die Kommunalabgaben, doch es gab auch Lichtblicke: die Stadthalle, die Alte Schule, das Gewerbegebiet und vieles andere, was Kunzmann auf seiner Habenseite zu stehen hat. Dann ein Satz, der Abgründe deutlicher werden lässt: "Am meisten hat mich getroffen, dass schließlich meine eigene Partei aus, wie ich es sehe, populistischen Gründen nicht mehr hinter mir stand, sondern die Position der Opposition bezog …" 1999 tritt Günter Kunzmann nicht mehr an, wird Ruheständler.
Wer einen detaillierten, akribisch zusammengestellten historischen Abriss der Entwicklung des Musikinstrumentenhandwerks und der späteren -industrie im Oberen Vogtland sucht, wird in diesem Buch fündig. Das gilt auch für das städtische Schulwesen, über das Günter Kunzmann penibel recherchierte und detailgesättigt zu referieren vermochte. Sein Erinnerungsbuch ergänzt Kunzmann mit einem "Rückblick aus dem Jahr 2009. Sein Credo: "Ich bin davon überzeugt, dass alle Leistung, alles Können und alle Kultur eines Volkes auf seiner sittlichen Verfassung, seiner Moral und seinen ethischen Grundwerten fußt, und das dies alles nur durch Vorbild, Pflichttreue und Liebe in den Familien im Kindesalter von der älteren Generation auf die nächste übertragen werden kann."