Wir waren damals sehr mutig

Jan Hübler aus Dresden sprach in der Göltzschtalgalerie Auerbach über den letzten Ballon-Flucht-Versuch aus der DDR.

Von Hagen Hartwig

Auerbach - Einen spannenden Tatsachenbericht gab es am Sonntag in Auerbachs Kulturzentrum Göltzschtalgalerie zu erleben. Jan Hübler aus Dresden, der im Jahr 1989 per selbstgefertigten Ballon aus der DDR flüchten wollte, präsentierte in seinem autobiografischen Vortrag den mühevollen Bau und den letztendlich missglückten Fluchtversuch. "Meine Frau und ich haben damals den Ballon zwei Jahre lang in mühevoller Arbeit konstruiert. Strengste Geheimhaltung war angesagt. Ein Wolkenbruch machte uns dann den Flug in Richtung Westen in letzter Minute zunichte. Drei Wochen später fiel ja dann die Mauer sowieso", so der mutige Ballonflieger.
 Jan Hübler wurde 1961 in Dresden geboren. Bereits in seiner Kindheit begeistert er sich für technische Dinge. "Mein Vater war ein Konstrukteur und ist Inhaber von mehreren Patenten im Maschinenbau. Irgendwie hat er mir das Technische in die Wiege gelegt", betonte Jan Hübler, der sich als Kind zunächst für den Bau von Flug-Drachen begeisterte. Später kamen kleiner Ballons hinzu. "Ich habe mir diese aus leichten Servietten-Papier gebastelt. Mit der Zeit wurden meine Flugkörper immer größer und vor allem besser. Einmal ist mir sogar ein Weitflug gelungen. Ein selbstgebauter Ballon landete in der Nähe von Moskau, ist also rund 1800 Kilometer weit geflogen. Ich habe von dort dann eine Postkarte erhalten", so Hübler.
In den 1980-er Jahren studierte Jan Hübler in Dresden Maschinenbau, wäre aber eigentlich gern in die Filmbranche eingestiegen. "Ich habe damals jede Menge Schmalfilme gedreht. Hauptsächlich von unserem Studentenleben. Meine Bewerbung an der Filmhochschule wurde aber mit der Begründung - politisch untragbar - abgelehnt." 
 Gemeinsam mit seiner Petra, die Jan Hübler 1987 heiratete, wuchs das Vorhaben, die DDR zu verlassen und in den Westen zu gehen. Nur wie? Offiziell über einen Ausreiseantrag erschien dem Paar aussichtslos und langwierig. "Der Gedanke, mit einem Ballon über die Grenze zu fliehen, begann zu reifen. Technische Kenntnisse und physikalische Berechnungen hatte ich dazu ja bereits", so Jan Hübler. Die AWG-Wohnung in Dresden verwandelt sich in eine Geheim-Werkstatt. Niemand durfte von den Ballon-Aktivitäten wissen. Nicht einmal die Eltern. "Wir haben das perfekt hinbekommen. In meiner Stasi-Akte, die ich Jahre später einsehen konnte, gibt es keinerlei Einträge über unser Fluchtvorhaben."
 Das ist erstaunlich, dauerte doch der Bau des Fluchtballons zwei Jahre lang. Trotz der damals herrschenden Mangelwirtschaft gelang es den Hüblers, alles Notwendige zu bekommen. 480 Baumwolle-Bettlaken, zahlreiche Gasflaschen und das Material für den selbst konstruierten Brenner schlugen mit fast 13 000 Ost-Mark zu Buche. Damit die Bettlaken luftdicht wurden, imprägnierte Hübler diese mit Latex-Bindemittel. "Bahn für Bahn haben wir die Bett-Tücher in der Badewanne mit dem Latex getränkt und dann zum Trocknen in der Wohnung aufgehängt. Testversuche mit dem selbst gebauten Brenner wurden auf unserem Balkon vollzogen", erinnert sich Jan Hübler.
 Und dann war es soweit: im Herbst 1989 war Hüblers Ballon-Projekt fertig. Mit ihrem Skoda S100 und einem Motorrad fuhren Petra und Jan auf eine vorher ausgekundschaftete Waldlichtung in der Nähe von Sonneberg (Thüringen). Der Aufbau und das Befüllen des Ballons mit Gas ging durch die perfekte Planung reibungslos. "Erstmals sahen wir unseren Ballon in den verschiedenen Farben der Bett-Tücher in voller Pracht. Stolze 19 Meter im Durchmesser. Obwohl unsere Herzen mächtig klopften und wir Angst vor Zuschauern hatten, waren wir in diesem Moment stolz wie Bolle. Mein Vater hätte mir als Konstrukteur seinen größten Respekt gezollt", erinnert sich Jan Hübler. 
 Doch dann geschah es: ein plötzlich einsetzender Wolkenbruch löste das Latex-Bindemittel. Es lief von der mit Gas gefüllten Hülle wie Milch herunter. Kurz vor dem Start verlor der Ballon an Volumen und sackte zusammen. Aus Angst vor dem Entdecken packten die Hüblers alles schnell in ihr Auto. Auf der eilig angetretenen Rückfahrt nach Dresden entsorgten sie die Dinge auf verschiedenen Müllhalden. "Wir waren sehr geschockt und verzweifelt. Anderseits auch froh, dass das Geschehen noch am Boden passierte. Wären wir bereits in der Luft gewesen, geplant waren rund zwei Kilometer Höhe, hätten wir keine Chance zum Überleben gehabt."
Kurze Zeit nach ihrer missglückten Ballonflucht nutzten Petra und Jan Hübler die damals schon gefallen Grenze in Ungarn, um nach dem Westen zu kommen. In Wertheim am Main baute sich das Paar schließlich ein neues Leben auf. 2001 kehrte Jan Hübler nach Dresden zurück und arbeitet seitdem als freiberuflicher Fotograf und Produzent von Reisereportagen. Sein Rückblick auf die geplante Ballonflucht ist kurz: "Was für ein Wahnsinn! Wir waren damals sehr mutig! Heute, 30 Jahre später, würde ich dies wohl nicht mehr riskieren!"