"Wir sind ja alle keine Helene Fischer"

Oft unterliegen sie dem gleichen Klischee wie Ärzte, Rechtsanwälte, Piloten. Berufe, in denen richtig gut verdient wird. Das mag für jene Künstler, die permanent im medialen Mittelpunkt stehen, auch zutreffen. Doch wie gehen andere mit Auftragseinbrüchen und Absagen im Stundentakt um? Wir hörten uns bei Künstlern und Veranstaltungsagenturen im Vogtland um.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Wer den Vogtländer Sänger Nico Müller derzeit auf der Bühne erleben möchte, kann dies nur noch auf seiner Homepage tun. Die Premiere für sein Musical Ende April fällt definitiv aus und wird, so die Hoffnung von Nico Müller, auf die Sommermonate verschoben. Derzeit liege die Produktion von "Ein Käfig voller Narren", in der er die Hauptrolle des Georges spielt, auf Eis. Aktueller Stand: Alle Konzerte bis Ende April abgesagt, die Proben des von ihm geleiteten Gospelchores finden nicht statt. Als Vogtländer, sagt der sympathische Sänger, stecke er aber den Kopf nicht in den Sand und hoffe auf ein absehbares Ende der jetzigen Situation. Sein nach eigenem Bekunden großer Vorteil: Er arbeite neben zahlreichen anderen Verpflichtungen als Dozent an der Berufsfachschule für Musik in Sulzbach-Rosenberg. "Ich arbeite mit den Schülern per Skype, Höraufnahmen finden per Whats App statt. Wofür ihn manche belächelt hätten, gerate ihm nun als Dozent im öffentlichen Dienst ein Stück weit zum Vorteil, sagt Müller. "Für alle meine Kollegen, die es hart getroffen hat und die über keine Rücklagen verfügen, wünsche ich mir schnelle unbürokratische Hilfe. Bei vielen geht es wirklich darum, die Miete zahlen zu können." Für alle kleinen und privaten Theater, müsse man Lösungen finden, damit die nicht schließen müssen. Ich drücke allen die Daumen", sagt Müller.

"Kleine dürfen nicht den Bach runtergehen"
Als gravierenden Einschnitt und durchaus existenzbedrohend bezeichnet Steffen Krebs die derzeitige Situation. Krebs verdient seine Brötchen zum einen mit der technischen Ausrüstung von Veranstaltungen, zum anderen mit seinem Musikmarkt in der Trockentalstraße. Vor allem im Veranstaltungsbereich erreichen ihn die Absagen wie er sagt, nahezu im Stundentakt. Welche am schmerzlichsten sind? "Alle, jede einzelne tut weh", sagt Krebs, der keine Kunden namentlich nennen möchte. Nur so viel: "Wir kümmern uns beispielsweise auch um das Equipment für Mitarbeiterveranstaltungen und Schulungen, das ist ja alles von heute auf morgen weggebrochen. Wenn ich morgen früh einen Aufbautermin gehabt hätte, dann wird der jetzt einen Tag vorher gecancelt." Und dabei handele es sich nicht um Veranstaltungen, die man möglicherweise auf später verschieben könnte. Im Klartext: "Bis mindestens Ende April haben wir keine Arbeit, und auch was Termine im Mai oder Juni betrifft klingelt ständig das Telefon, sie abzusagen. Natürlich versuchen wir gemeinsam mit den Veranstaltern, Termine auf den Sommer oder Herbst zu verlegen, aber das funktioniert bei einem Frühlingsfest eben nicht. Und wenn dann alle Termine auf wenige Wochenenden gedrängt wären, nehme man sich gegenseitig die Gäste weg, wagt Krebs eine Prognose für "danach". Momentan beschäftigt Krebs sechs Mitarbeiter. In dieser Branche sei es auch üblich, dass sich in "normalen" Zeiten vor allem junge Leute Richtung Großstädten orientieren oder gar weltweit unterwegs seien. In der Tat ist Krebs mit der Schließung des Musikmarktes an "zwei Fronten" betroffen. Momentan biete er noch einzelne Servicleistungen für Instrumente an, aber auch da sei es so, dass man in den Veranstaltungs ärmeren Wintermonaten alles repariert habe, was so anlag. Was bleibt? "Positiv denken und die Hoffnung auf einen schnell funktionierenden Rettungsschirm, der könnte bissel was abfedern. Es wäre schlimm, wenn die kleinen inhabergeführten Firmen den Bach runtergingen."
"Notfalls gehe
ich containern"

"Alles", sagt Jörg Simmat auf die Frage, was bei ihm weggebrochen sei. Der bekannte Plauener Schauspieler, der "auf vielen Hochzeiten" tanzt, sieht seine eigene Situation dennoch fast schon tiefenentspannt.
"Mein Erspartes ist in zwei Monaten aufgebraucht. Aber ich habe keine kleinen Kinder, keine Eltern die versorgt werden müssten, ich bin nur für meine Frau und mich verantwortlich. Und wenn alle Stränge reißen, orientiere ich mich beruflich neu, das wäre nicht das erste Mal", sagt Simmat, der sich in diesen Tagen auf einer Hilfsplattform für alte Menschen engagiert. Man müsse sich auch mal vor Augen halten, was die Generation unserer Großeltern durchgemacht habe, gibt er zu bedenken. Jede Krise ist auch eine Chance, bemüht Simmat die Philosophen. Als sozial engagierter Mensch tue es ihm vor allem in der Seele leid, nun zu anderen Abstand halten zu müssen, die er eigentlioch umarmen möchte, fügt er an. "Es kann sein, ich werde krank, dann werde ich wieder gesund", fasst Simmat seine eigene Philosophie zusammen. Das Hamstern von Klopapier und Nudeln sieht er als "Synonym der grassierenden Idiotie". Woher er diese Gelassenheit nehme? "Ich habe ein gut funktionierendes soziales Netzwerk aus Familie und Freunden und nicht wenige haben mir in den vergangenen Tagen schon versichert: ‚Jörg, wir helfen Dir.‘ "Ich komme mit ganz wenig hin, habe keine Kredite und wenns hart kommt, gehe ich containern." 
"Zeit mit Familie ist
auch mal ganz schön"

Die vogtländische Sängerin Silke Fischer übt gerade Ä, Ö und Ü - mit ihrer Tochter, die die erste Klasse besucht. Auch die Beerheiderin bekommt derzeit Absagen zuhauf auf den Tisch. Ostern wäre sie bei der Eröffnung des Freizeitparks Plohn dabei gewesen. "Es tut mir wahnsinnig leid für meine Plohni-Kids", sagt sie. Vor allem Stadtfeste in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, für die die Beerheiderin gern und oft gebuchte Künstlerin war, sind weggebrochen und lassen sich auch nicht nachholen. Viele sagen ihre Veranstaltungen bis weit in den Sommer hinein ab und wenn der Veranstaltungsbetrieb mal wieder anlaufe, geschehe das ja auch nicht in wenigen Tagen von Null auf Hundert. Trotzdem müsse man optimistisch bleiben. Panik helfe keinem weiter und die Zeit für die Familie sei ja auch mal ganz schön, wenn man bislang von Termin zu Termin hetzte. Auch sie hofft auf unbürokratische Hilfe, "denn die meisten sind ja keine Helene Fischer", sagt sie lachend. 90 Prozent der Künstler leben von kleinen Aufträgen bis hin zu Familienfeiern, da lässt sich kaum was zurücklegen. Andererseits müsse man auf dem Teppich bleiben, "Es bricht ja keine Hungersnot aus". Großes Vertrauen, sagt sie, setze sie in Ministerpräsident Kretschmer, der hoffentlich gute Lösungen finden werde.