"Wir machen hier einfach los"

"Ohne Jesus geht hier alles den Bach runter", bemerkt Pfarrer Andreas Vödisch bei einem kurzen Gang durch "seine" Markuskirche. Das mag sein, aber vor allem Männern wie ihm ist zu danken, dass eben nicht alles den Bach runter geht - auch nicht im "Problemviertel" Haselbrunn.

Plauen Die Geschäftsstelle der rechtsextremen Kleinstpartei "III. Weg" liegt keine fünf Fußminuten von der Markuskirche entfernt. An einem der beiden Häuser, die den Rechten inzwischen gehören, sind die Öffnungszeiten des Büros von Stadt- und Kreisrat Toni Gentsch vermerkt. Wer in der Gegend wohnt, begegnet dem inzwischen auch als Landesvorsitzender der Neonazipartei Agierenden beim Bäcker oder im Supermarkt. Alltag in Haselbrunn, von überregionalen Medien gern auch als Haselbraun bezeichnet. Was den vielen, die dem III. Weg hier die Stirn bieten, übel aufstößt. Und doch: der Stadtteil ist ein Brennpunkt, den man als solchen wahrnimmt. Die Bundestagsabgeordnete der Linken, Sabine Zimmermann, lud gestern unter dem Dach der Markuskirche zu einem Gespräch zur "Entwicklung des Rechtsextremismus in der Region" ein. Später wird Pfarrer Vödisch sagen, da werde es wohl wieder Gerede geben, wenn er sich mit einer Linken treffe. "Aber die tun wenigstens was", fügt der Mann an, der mit seinem Ohrenpiercing, Jeans und Pullover auch gut als Streetworker durchgehen würde. Und irgendwie ist er das auch.
"Zivilgesellschaft" statt
"bürgerliche Mitte"

Doch zuvor ordnet Zimmermann das Agieren des III. Weges ein in den Kontext der Thüringenwahl und des Anschlages in Hanau. Dass Hass und Furcht an der Tagesordnung sind, mache ihr Angst, sagt die Linken-Politikerin, die seit 1992 in der Region auch für den DGB tätig war. Während kleinteilig organisierte faschistische Gruppen wie der III. Weg offen mit ihrer Gesinnung umgehen, setze die AfD in allen Parlamenten auf eine enge Vernetzung mit derartigen Gruppen. Auf diese Weise sei rechtes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Den Begriff "bürgerliche Mitte", die sich dagegen wehren müsse, möchte sie durch "Zivilgesellschaft" ersetzt wissen.
Gerade weil sich der III. Weg mit seiner Essensausgabe, seiner Kleiderkammer, seinen Beschäftigungsangeboten für Kinder - selbstverständlich nur für Deutsche - als Kümmerer präsentiere, sei ein sich Dagegenstemmen so wichtig. Die soziale Spaltung, die Verunsicherung der Menschen und deren Angst vor Neuem und Fremdem vor allem im Osten, sieht sie als Nährboden des Rechtsextremismus. Wenn Höcke offen darüber spreche, die Zivilgesellschaft auszutrocknen werde deutlich, dass ebendiese zum Hauptfeind erkoren sei.
Und hier kommen wieder "Macher" Vödisch und der Leiter des Markuskellers, Benjamin Olsson ins Spiel. Zwei Männer, die sich gesucht und gefunden zu haben scheinen, mit ihren Visionen und dem Willen, sie umzusetzen. Rund 20 Kinder und Jugendliche besuchen täglich den Markuskeller - mehr geht momentan räumlich nicht.
Und genau das soll sich ändern - ein bisschen auch mit Gottes Hilfe, vor allem aber der Unterstützung der Stadt, des Landkreises, zur Verfügung stehenden Fördermitteln aus Dresden. Bislang ist es so, dass man ein solches Projekt wie es den beiden und vielen Mitstreitern vorschwebt, sorgfältig planen muss, eine Konzeption abzuliefern hat, sich auf die Suche nach Personal und Geldgebern begeben muss. Vödisch und Co. zäumen das Pferd gewissermaßen von hinten auf. "Wir machen einfach los, gehen in Vorleistung und begleiten den Prozess dann gemeinsam mit den Gremien." Was sich dahinter verbirgt?
Vor die Orgel kommt
ein Absperrband

Pauschal gesagt: Man will sich vergrößern, nicht etwa durch einen weltlichen Anbau an das Gotteshaus, sondern in dem man beispielsweise den unteren Kirchensaal umgestaltet für offene Jugendarbeit. Der sakrale Bereich werde optisch getrennt, erklärt Olsson während eines kleinen Rundganges. Und die Orgel? Da kommt ein preiswertes Absperrband davor, ergänzt Vödisch pragmatisch. Ein weiterer kleiner Raum soll den neuen Medien dienen - Platz für Video- und Fotoarbeiten, für den PC als Arbeitsstation im besten Wortsinne.
Was genau entsteht, davon lassen sich die Macher zum Teil überraschen, denn von Anfang an sind die Ideen der Nutzer, also der Kinder und Jugendlichen, gefragt. Gerade ist man dabei, eine barrierefreie Toilette zu installieren, einen Teil des Geldes schießt die Kirche und die Diakonie vor. Später kann man sich auch eine Beratungsstelle für Probleme und Anliegen unterschiedlichster Art vorstellen.
Fertigstellungstermin? Die nächsten Wochen oder Monate, sagt Olsson, dem der Begriff Stress ziemlich fremd zu sein scheint. Ob er die Pläne bereits seinen Schäfchen verklickert hat? Hat er, sagt Vödisch und fügt schmunzelnd an, dass wohl viele davon ausgehen, wenn es der Pfarrer gut findet, wird es schon seine Richtigkeit haben.
"Wir machen keine Aktionen gegen den III. Weg, wir stehen als Ort für Kontakte. "Inzwischen gehen manche ins Kaufland um das Gefühl zu haben unter Menschen zu sein. Die Jugendlichen brauchen einen Ort wo sie wissen, dass sie gebraucht werden," sagt der Pfarrer und fügt an: "Als Demokraten brauchen wir bei allen Problemen die es gibt, keine Extremen und keine Fremdenfeinde." - "Haselbraun" ist wirklich eine unfaire Bezeichnung.   top