"Wir hatten mehr Sex und mehr zu lachen"

Katharina Thalbach wird an ihrem 65. Geburtstag arbeiten: Sie steht an diesem Samstag auf der Bühne - in der Rolle des Nesthäkchens im Stück "Hase Hase", bei dessen Uraufführung ihr Vater Regie führte. Ihre engste Familie ist dabei.

Von Nadine Emmerich

Berlin - An ihrem 65. Geburtstag wird Katharina Thalbach eine blaue Jeanslatzhose, einen orangeroten Mecki-Haarschnitt und zwei große vorstehende Schneidezähne tragen. Sie spielt Hase, das Nesthäkchen der fünfköpfigen Familie Hase, Mathegenie mit Kontakt zu Außerirdischen. Am 19. Januar ist Voraufführung des Stücks "Hase Hase" von Coline Serreau ("Drei Männer und ein Baby"), einen Tag später Premiere in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater in Berlin.
"Eine große Familienzusammenführung", nennt Katharina Thalbach die Inszenierung. In der anarchischen Komödie wirken Katharina Thalbachs Tochter Anna und ihre Enkelin Nellie mit und außerdem ihre Halbbrüder Pierre und Philippe Besson. Regisseurin Serreau war die Lebensgefährtin ihres 2006 gestorbenen Vaters Benno Besson, der bei der Uraufführung des Stücks 1986 in Paris Regie führte.
Familieninszenierungen sind ihr Ding: "Die Kathi", wie die Besson-Söhne sie nennen, bringt den Clan zusammen. "Wir sind eine große ABM-Familie", sagt Anna Thalbach scherzend in Anspielung auf die "Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen" früherer Zeiten. Vor fünf Jahren, zum 60. Geburtstag, standen Katharina, Anna und Nellie Thalbach schon in "Roter Hahn im Biberpelz" zusammen mit Pierre Besson auf der Bühne, Philippe Besson führte damals Regie.

"Hauptmann von Köpenick"
und Preußenkönig gespielt

In "Hase Hase" spielt Katharina Thalbach nun wie 1992, als das Stück über eine ungewöhnliche Familie schon mal im Schiller Theater lief, den jüngsten Sohn. Das wundert nicht wirklich: Immer den Schalk im Nacken hat sich die Frau mit den Kulleraugen und dem großen Mund etwas Mädchenhaftes, fast Kindliches bewahrt. Und etliche Male ihr Talent für Hosenrollen bewiesen - sei es als "Hauptmann von Köpenick" am Berliner Maxim Gorki Theater (1996) oder als Preußenkönig im TV-Spielfilm "Friedrich" (2012).
Dass die gebürtige Ost-Berlinerin Katharina Thalbach Schauspielerin wird, war quasi vorgezeichnet. Ihr Vater war unter anderem Intendant der Volksbühne Berlin, ihre Mutter Sabine Thalbach Teil des Berliner Ensembles. Katharina wuchs im Theater auf.
Nach dem frühen Tod ihrer Mutter kam sie mit zwölf Jahren zu Pflegeeltern und wurde Meisterschülerin der Brecht-Witwe Helene Weigel. Mit 15 spielte sie die Hure Betty in der "Dreigroschenoper" am Berliner Ensemble.

Volksschauspielerin seit
50 Jahren auf der Bühne

Sie habe früh erwachsen werden müssen, das habe sie geprägt, betont sie häufig in Interviews. Sie kennt, was sie spielt, wenn sie in ihrer Paraderolle zu sehen ist: einer resoluten Frau, die sich allein durchboxt, ob als Wendeverliererin oder als Schlecker-Frau ("Die Schlikkerfrauen", 2014). In "Der Minister" (2013) war sie dann Bundeskanzlerin Angela Murkel. Heute blickt die beliebte Volksschauspielerin zurück auf ein rund 50-jähriges Schaffen: Bis 1971 gehörte sie dem Berliner Ensemble an, nach vier Jahren an der Volksbühne kehrte sie dorthin auch wieder zurück. 1976 siedelte sie mit ihrem Partner, dem Schriftsteller Thomas Brasch (1945-2001), nach ihrem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR nach Westberlin über. Brasch hatte sie mit 16 kennengelernt, ihn bezeichnet sie als ihre "große Liebe". Im Westen debütierte sie 1978 am Schiller Theater in der Titelrolle von Braschs "Lovely Rita".

Stiefmutter, Liebhaberin
und Hure

Auch auf der Kinoleinwand war und ist sie erfolgreich: In Volker Schlöndorffs "Die Blechtrommel" (1978/79) gab sie Oskars Stiefmutter und Liebhaberin Maria, sie war die Hure Lotte in Doris Dörries "Paradies" (1986) und die Mutter Doris in Leander Haußmanns "Sonnenallee" (1999).
2007 bekam sie für die Rolle einer Kranführerin und Gewerkschafterin in "Strajk - Die Heldin von Danzig" den Bayerischen Filmpreis. In den vergangenen Jahren wirkte sie außerdem viel in Kinderbuchverfilmungen mit wie "Der Räuber Hotzenplotz", "Bibi & Tina" und "Hanni und Nanni". Seit ihres "Macbeth"-Debüts (1987) führt sie im Theater und insbesondere im Musiktheater auch oft Regie.

Mit 1,53 Meter
"Katharina die Größte"

Wo auch immer "die Thalbach" auftaucht, ist sie trotz ihrer Größe von nur 1,53 Metern extrem präsent - was die Wochenzeitung Die Zeit schon dazu verleitete, sie "Katharina die Größte" zu nennen. Zu ihrer Beliebtheit trägt auch ihre unverwechselbare, tiefe Reibeisenstimme bei, mit der sie gefühlt ein Hörbuch nach dem anderen spricht. Mit ihrer Berliner Schnauze kommentiert sie frei heraus, was immer sie gefragt wird. Unvergessen wird vermutlich bleiben, wie sie Ost und West in einem "FAZ"-Interview schnoddrig mal mit dem Satz "Wir hatten mehr Sex, und wir hatten mehr zu lachen" verglich.
Um ihren 65. wird sie nach eigenen Worten derweil kein großes Tamtam machen. "Ich feiere meine Geburtstage nicht", sagt sie. "Das Schöne an diesem ist aber, dass ich Rente kriege."