"Wir-Gefühl" hat sich in kürzester Zeit eingestellt

Plauen - Natürlicherweise steht meist der Chef eines Unternehmens im Mittelpunkt, wenn es Kritik oder Lob zu verteilen gilt.

 

Im Falle des Theaters Plauen-Zwickau war es Generalintendant Roland May, der bereits vor und noch Monate nach seiner Amtsübernahme die Theaterfreunde in Zwickau, mehr aber wohl noch in Plauen, polarisierte. Zumindest in künstlerischer Hinsicht ist nun etwas Ruhe eingekehrt, nutzte das Ensemble die vergangene Zeit, den Zuschauern bewährte wie neue Sichtweisen auf Stücke zu vermitteln, brachte sich vor allem mit dem Mammutprojekt anlässlich 20 Jahre Friedlicher Revolution in Plauen nachhaltig ins Gespräch. Doch nicht nur an May musste sich das neue Ensemble mit Beginn der neuen Spielzeit gewöhnen, wie der sich übrigens auch an das Team. Auch die Sparten-Chefs sind neu, sprangen quasi gleichsam ihres "Generals" ins kalte Wasser. Vogtland-Anzeiger wird die Spartenleiter in loser Folge näher vorstellen - sowohl in künstlerischer Hinsicht als auch einem Touch Privatem. Heute: Brigitte Ostermann, Schauspieldirektorin.

Gäbe es ihr Lachen, besser gesagt ihr sympathisches Lächeln, auf Rezept - in den Apotheken würden sich Schlangen bilden und die Welt wäre etwas freundlicher. Geboren ist Brigitte Ostermann in den USA, die Kindheit verbrachte sie bereits wieder in Deutschland. Der Vater Pfarrer, da liegt es nahe, etwas in dieser Richtung zu studieren. "Auf Lehramt Theologie studiert habe ich dann tatsächlich, Spezialgebiet Kirchengeschichte", lacht Ostermann ihr ansteckendes Lachen, und brennt sich eine Selbstgedrehte zum Latte Macchiato an. Daher auch der Respekt einflößende Abschluss als "Magistra Artium" - eine der wenigen Informationen, die sich über die 36-Jährige im Internet finden lassen.

Zum Theater kam sie als Quereinsteiger, sagt sie. Was insofern nur die halbe Wahrheit ist, als dass sie nach eigenem Bekunden zwar in einer "total Theater armen Gegend" aufgewachsen ist, einem Flecken namens Waldbröl bei Köln, sie aber schon in der Schule nicht konnte ohne die Bretter, die vermeintlich die Welt bedeuten.

"Ich fresse Bücher in mich rein" "Ich liebe Geschichten, sie sind Bestandteil meines Lebens", sagt sie völlig unpathetisch und: "Ich fresse Bücher in mich rein, lasse mich da richtig fallen." Schriftstellerin sei sie deshalb aber keine, stellt sie vorsichtshalber klar. Gespielt hat sie in der Schule, auch während des Studiums. "Habe ich ein halbes Jahr nicht Theater gemacht, hat mir was gefehlt", erinnert sie sich. Irgendwann musste sie sich entscheiden. Zwischen dem Theater als Hobby wie am Stadttheater Hildesheim oder eben als Beruf.

Nach einem künstlerischen Boxenstop als Dramaturgieassistentin am Züricher Schauspielhaus, "baut" sie noch schnell ihr Examen und steigt dann für zweieinhalb Jahre als Dramaturgin in Hildesheim ein. Glück der Anfängerin: Die einstige Chefin aus Amateurtagen in Hildesheim erinnert sich an sie und holt sie nach.

Dann schließlich der Osten, wo er am östlichsten ist. Zittau. "Roland May wollte mich da haben", und die Überzeugung, dass der Mann bei seiner Wahl auf höchste Qualität Wert legte, darf man sich dazu denken. Aus ihrem Munde kommt sowas nicht. Noch nie zuvor war sie im Osten. Dann waren es auf einmal sechs Jahre geworden am Zittauer Dreispartenhaus. Als "kleine Insel zum Wachsen und Ausprobieren" reflektiert sie diese Zeit. "In gewisser Weise so überschaubar wie Hildesheim, auch ein Dreispartentheater."

Mit May auf einer Linie An der Seite von May fühlt sie sich wohl. Auch, weil der Mann aus dem gleichen "Stall" kommt, dem Schauspiel. "Wir liegen künstlerisch auf einer Linie, haben die gleiche Sicht auf die Dinge. Was man mit dem Ensemble will, was man von ihm will." Natürlich brauche man Solisten, aber nicht im Kopf. Solisten, die sich im Team fallen lassen, sagt sie. Man sehe auf der Bühne sehr genau, ob die Leute Vertrauen zueinander haben, sich dem Partner öffnen. Wie schwer fiel der Weggang aus Zittau, der Umzug vom Osten in den Westen Sachsens? "Die sechs Jahre waren eine wunderbare Zeit, aber man erreicht auch einen Punkt, wo nichts Neues mehr kommt. Zum einen braucht man ein sicheres Umfeld, zum anderen immer wieder neue Impulse. Unserem Beruf hängt wohl nicht ganz zu Unrecht bis heute der des fahrenden Volkes an."

Nun also Plauen. "Das Publikum hört sehr genau zu, es versteht die Zwischentöne, hat Lust, sich auf Neues einzulassen", listet die Schauspiel-Chefin auf, was ihr am neuen Arbeitsplatz gefällt. Streicheleinheit ans Ex-Publikum: "Die Zittauer waren auch toll." Schmerzt da der anfangs recht kühl entgegenwehende Wind nicht umso mehr? Kritik, die zuweilen unter die Gürtellinie zu rutschen drohte?

"Natürlich ist man berührt", gibt sie unumwunden zu. "Und wenn es um die Sache geht, ist Kritik okay. Als Künstler beweist man sich über die Arbeit oder eben auch nicht. Zum Glück sind wir über die eine oder andere unfaire Methode nicht gestolpert." Damit ist das Thema abgehakt. Weil die positiven Eindrücke längst überwiegen. In kürzester Zeit habe sich im Haus das Wir-Gefühl eingestellt, die "Neuen" und die "Alten" begegneten sich mit unglaublicher Offenheit. Und da ist es wieder, dieses fast schelmische Lächeln, ihre "Geheimwaffe" gegen verbiesterte Mitmenschen.

Im ersten halben Jahr dann auch der ganz eigene Erfolg als Regisseurin. "Kochen mit Elvis" schlug ein, auch und besonders beim jungen Publikum. "Bösartig und trotzdem humorvoll", sei das Stück, "und kurz vor der Premiere, als wir so richtig in die Konflikte der Figuren eintauchten, glaubten wir, darüber könne kein Mensch lachen. Um so toller haben wir uns gefreut, dass das Publikum die Gratwanderung mitging."

"Bin noch am Sondieren"

Zeit für ein Zwischenfazit. "Ich bin angekommen, noch nicht in allen Aspekten, ich bin noch am Sondieren. Aber das Inhaltliche bekommt nun den Stellenwert, den es haben muss. Ich blicke jedenfalls mit Freude auf das was kommt." Ankommen heißt übrigens auch, inzwischen eine Wohnung in Plauen gefunden zu haben, was sich etwas schwieriger als gedacht herausstellte. Ihr Mann ist Musiker, da heißt es bei der Wohnungswahl auch an die Nachbarn zu denken. Tritt der seltene Fall ein, wo sie nicht im Theater anzutreffen ist, dann erkundigt die Neu-Plauenerin die Umgebung - per pedes und per Rad. Oder sie liest, wie seit ihrer Kindheit. Krimis, bis tief in die Nacht. Betrachtet sie Plauen als eine Zwischenstation? "Ich werde keine 50 Jahre bleiben, aber etliche schon. Weil es Spaß macht, etwas aufzubauen." Wie war das doch mit dem fahrenden Volk? va