"Wir fühlen uns verarscht"

Die Stimmung in Oberlosa ist auf dem Siedepunkt. Wie sehr das neue Industriegebiet, vor allem aber der drohende Wegfall einer wichtigen Zufahrt die Gemüter bewegt, bekam Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer bei einer hitzigen Debatte zur Einwohnerversammlung zu spüren.

Von Marjon Thümmel

Oberlosa - Drei Stunden hat der Oberbürgermeister mit den Oberlosaern diskutiert, ihnen mit Stadtplaner Frank Baumgärtel die neusten Planungen zum Industriegebiet vorgestellt und sie hinsichtlich der geplanten Sperrung der Zufahrt Unterlosa/Oberlosa (Kulmgasse) auf ein späteres Planfeststellungsverfahren hingewiesen - doch die Sorgenfalten sind aus den Gesichtern nicht gewichen. "Wir fühlen uns verarscht. Es ist doch alles schon beschlossen und das hier war eher eine Alibiveranstaltung", war der Tenor in den Grüppchen, die sich vorm Nachhausegehen vor dem Vereinsheim zusammenfanden - und ihren Unmut Samstagnachmittag mit an die heimische Kaffeetafel nahmen. Erwartungsvoll schauen die Oberlosaer auf die Stadträte, die bei der Einwohnerversammlung dabei waren und morgen im Stadtrat über den Bau- und Verkehrsplan zum neuen Industriegebiet Oberlosa abstimmen sollen, dass sie sich doch auf ihre Seite schlagen mögen. 
 Dabei haben die Einwohner des Plauener Ortsteils in der Mehrheit betont, generell nichts gegen das Industriegebiet zu haben, nur wollen sie keine Einbußen ihrer Lebensqualität und bemängeln fehlende Antworten auf ihre vielen Einsprüche. Von 400 Widersprüchen und damit so vielen wie bei keinem anderen städtischen Bauvorhaben bislang, sprach auch der OB. Er versicherte, dass die meisten davon in die neuen Planungen eingeflossen seien, vor allem aber dem Land Sachsen eine eigene Zufahrt zu dem neuen Industriegebiet kurz nach der Auffahrt Plauen-Süd (Regenrückhaltebecken) abgerungen wurde. "Das war doch Inhalt der meisten Widersprüche. Hinzu wurde auch das Industriegebiet um ein Drittel auf 14 Hektar verringert, um nicht zu nahe an die Wohnbebauung zu kommen, wie auch vielfach gefordert wurde. Fast zehn Jahre reden wir über das Industriegebiet, fast war es schon abgesegnet. Seit fünf Jahren nehmen wir die Einsprüche der Oberlosaer sehr ernst und in die Pläne auf, passen diese entsprechend an und finden dennoch nicht den Weg zu einem Kompromiss. Dabei ist das die letzte Industriefläche der Stadt Plauen an der Autobahn und wenn wir für die Zukunft Investoren und Arbeitsplätze haben wollen, können wir zum Wohle aller nicht darauf verzichten" appellierte Oberdorfer. 
 Doch den mehr als 150 Oberlosaern, die zu der Einwohnerversammlung gekommen waren, brennt vor allem ein Problem auf den Nägeln: Die geplante Sperrung des Knotens Kulmgasse/Oberlosaer Weg zugunsten der neuen Zufahrt ab von der B 92. Bis vor wenigen Tagen hatten die Oberlosaer gehofft, dass die Abbindung gestoppt werden könne oder zumindest noch so lange auf sich warten lässt, bis die B 92 irgendwann mal dreispurig ausgebaut wird. Doch nun haben sie von einer Unterschrift der Stadt Plauen und damit des Oberbürgermeisters erfahren, die er bereits im Verkehrsministerium geleistet hat und damit zustimmt, den Knoten zu opfern, wenn die neue Zufahrt zum Industriegebiet gebaut ist. "Damit ist doch alles besiegelt", schimpfen die einen. "Wie sollen die Kinder von Unterlosa in die Schule und die Älteren zum Friedhof, der auf der Oberlosaer Seite liegt kommen", fragen die anderen. Ganz gewichtige wirtschaftliche Probleme sieht Göran Schricker vom gleichnamigen Pferdehof Oberlosa, der seine Weiden und Felder auf der anderen Straßenseite in Unterlosa hat. "Sie machen meine 20-jährige Arbeit und meine Existenz kaputt", sagt er.
 Auch wenn Oberdorfer davon spricht, dass es vor der Abbindung der Kreuzung ein eigenständiges Planungsverfahren geben wird, wo alle Einsprüche einfließen und das er vom Wirtschaftsminister auch einfordern wird, vertrauen ihm die Oberlosaer nicht so recht. Auch deshalb, weil Christian Korndörfer, der fast 30 Jahre in Dresdner Verwaltungen arbeitete und als Rentner wieder in Oberlosa wohnt, auch die Einwände kompetent untermauerte und Richtung OB betonte: "Ich schlage vor, dass Sie dem Stadtrat einen Ergänzungsbeschluss vorlegen, in dem vom Land Sachsen eine adäquate Querung für Fußgänger und landwirtschaftliche Betriebe beim Wegfall des Knotens gefordert wird. Sonst haben die späteren Forderungen der Bürger im Planfeststellungsverfahren keine Chance. Auch die Lärmschutzrechtlichen Einwände der Oberlosaer sollten einfließen. Auch ein Investor braucht Rechtssicherheit, sonst drohen Klagen", sagt er und bat den Oberbürgermeister zugleich "die Chance zu nutzen und endlich den Oberlosaern, Unterlosaern und Stöckigtern, die von der Erweiterung des Industrie- und Gewerbegebietes betroffen sein werden, "endlich einen Masterplan vorzulegen, wie es in den nächsten Jahren baulich und verkehrstechnisch weitergeht. Nur so weiß jeder Bescheid und erlebt nicht die gefürchtetet Salamitaktik".
 Die Eile bei der Beschlussfassung im Stadtrat findet auch kein positives Echo. "Der jetzige Stadtrat, der in dieser Zusammensetzung morgen zum letzten Mal tagt, hat sich über Jahre mit dem Industriegebiet befasst und sollte es nun auch beschließen. Mit einem neu besetzten Stadtrat geht alles von vorn los und kostet Zeit zulasten einer Investorensuche", begründete Oberdorfer. Und auch auf die Forderung nach einer Aufwertung des Ortes, wenn Oberlosa das Industriegebiet bekommt, hat er eine Antwort. Kommen soll eine Bushaltestelle in Höhe des Abzweigs zu Boysen und auch das alte Rittergut soll abgerissen werden. Ausgleichflächen für die zwei künftigen der Natur entrissenen Industriegrundstücke würden noch gesucht. 
 Die Oberlosaer bleiben skeptisch, ob die Eingriffe in die Natur und ihr Lebensumfeld den Ausbau des nunmehr 14 Hektar großen Industriegebietes lohnen, "weil vielleicht 50 Arbeitsplätze entstehen"? Und auch die Angst vor mehr Verkehr durch den Ort bleibt. Verstehen will auch niemand, warum eine Ampel an der Kreuzung zum jetzigen Industrie- und Gewerbegebiet, die Bundesstraße nicht so entschleunige wie das Belassen des Knotens Unterlosa/Oberlosa. Noch immer schwingt eine Normenkontrollklage im Raum, weil sich die Oberlosaer von der Stadt Plauen übergangen sehen. 
 Der Oberbürgermeister will morgen die Stadträte über die Einwohnerversammlung informieren, so wie es SPD-Stadtrat Bernd Stubenrauch in seiner Fraktion tun möchte. Die Oberlosaer werden bei der Sitzung dabei sein.