"Winterbergs letzte Reise"

In der Spitzenstadt war man in dieser Woche mal wieder ganz nah am Puls der Zeit. Jaroslav Rudiš, der mit seinem Buch "Winterbergs letzte Reise" für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, war zu einer Lesung zu Gast.

Von Ingo Eckardt

Plauen - Das Stadtarchiv war Ort des Geschehens, der vom Verein für vogtländische Geschichte, Volks- und Landeskunde organisierten Lesung. Rund 70 Besucher folgten der Einladung zur unterhaltsamen Veranstaltung, zu der Rudiš eben nicht nur aus seinem Buch vorlas, sondern neben "Winterbergs letzte Reise" auch das Leben des Autors, Regisseurs und Drehbuchschreibers beleuchtete. 
Der 46-jährige Künstler ist bekennender Eisenbahnfan, wie er im Interview mit dem Greizer Clemens Uhlig bekannte. Der junge Mann ist stellvertretender Leiter des Stadtarchivs. Die Erzählungen des aus dem böhmischen Turnov (Turnau) am Böhmischen Paradies stammenden "Zeiten- und Weltenwanderers" kamen ebenso vergnüglich daher wie die Leseproben seines zugegeben ein wenig skurrilen Romans. 
Die Story ist zweifellos gut zu lesen, locker geschrieben und modern untersetzt. Es geht um den Berliner Altenpfleger Jan Kraus, der im früheren Winterberg, im Böhmerwald, geboren wurde und seit 1986 in Deutschland lebt. Unter welchen Umständen er die Tschechoslowakei verlassen hat, das bleibt sein Geheimnis - und sein Trauma. Kraus begleitet Schwerkranke im Hospiz in den letzten Tagen ihres Lebens. Die Tage, Wochen, Monate, die er mit seinen Patienten verbringt, nennt er "Überfahrt". Einer von denen, die er auf der Überfahrt begleiten soll, ist Wenzel Winterberg, geboren 1918 in Liberec (Reichenberg). Als Sudetendeutscher wurde er nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei vertrieben. "Als Jan Kraus ihn kennenlernt, liegt er gelähmt und abwesend im Bett. Es sind Kraus‘ Erzählungen aus seiner Heimat Vimperk, die Winterberg quasi aufwecken und ins Leben zurückholen", erzählt Rudiš mit diesem wundervollen leichten tschechischen Spracheinschlag. Doch Winterberg will mehr von Kraus, er will mit ihm eine reale letzte Reise antreten, auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe - eine Reise, die die beiden auch durch die bestens recherchierte Geschichte Mitteleuropas führt. Von Berlin nach Sarajevo über Reichenberg, Prag, Wien und Budapest. Denn nicht nur Jan Kraus, sondern auch der beinahe hundertjährige Winterberg verbirgt ein Geheimnis. Dem will der Leser auch in Reichenberg auf die Schliche kommen. 
Rudiš Lesung vom Besuch der dortigen Feuerhalle, dem örtlichen Krematorium, wird zu einer kleinen, persönlichen Geschichte rund um das Thema Feuerbestattung, das dann doch ein Grinsen ins Gesicht der meisten Besucher zauberte. Historische Orte, an denen einst schwere Schlachten geschlagen wurden, werden dem Leser vergnüglich präsentiert - Königsgrätz (heute Hradec Kralove), wo einst die große Schlacht der Österreicher gegen die Preußen stattfand, oder auch Austerlitz (heute Slavkov u Brna), der Standort der Drei-Kaiser-Schlacht in Napoleonischer Zeit finden hier eine Widerspiegelung. Die wilde Reiseroute des ungleichen Paares finden die Leser auch im Umschlag des Romans.