Westkalk für Ostwald

Die sächsischen Wälder werden gekalkt, um die Bodenqualität zu verbessern. "Das ist dringend notwendig", sagt Sascha Barthel vom Forstbezirk Adorf.

Von Helmut Schlangstedt

Schöneck/Kottenheide- Lokaltermin im Kottenheider Wald. Denn der Boden gerade hier in den Höhenlagen ist durch sauren Regen im wahrsten Sinne des Wortes stocksauer. Dies hänge mit der extrem hohen Belastung der Luft mit Schwefeldioxid noch bis weit in die 1990er Jahre zusammen, die zu besonders saurem Boden führte. Von etwa 150 Kilo Schwefeldioxid pro Jahr und Hektar spricht Sascha Barthel, wodurch der Boden über Jahrhunderte bis in große Tiefen versauert wäre.
Mit gravierenden Folgen: Die Säure schädige die Wurzeln und behindere damit die Wasseraufnahme, sodass selbst frostresistente Fichten geschwächt würden. Weiterhin würden schädliche Schwermetalle und Aluminium freigesetzt und zugleich wichtige Nährstoffe ausgewaschen. Hierzu zählt das Magnesium, zentraler Bestandteil des Blattgrüns. Die Folgen sind gelbe Nadeln und Blätter, sodass der Stoffwechsel der Pflanzen stagniert, Bäume sterben ab.
Aber auch Regenwürmer halten das nicht aus. Anvisiertes Ziel sei eine Senkung des pH-Wertes auf etwa 4,5 von ursprünglich 3,5. Damit könne der Wald leben. Dieser um eins verringerte pH-Wert klingt nicht nach viel, stellt jedoch eine mittlerweile erreichte Reduzierung der Säuremenge auf nur noch ein Zehntel dar. Das bezieht Sascha Barthel aber auf eine Bodentiefe von nur 15 Zentimeter, was gleichzeitig die noch notwendige Sisyphusarbeit zeigt. Noch über viele Jahrzehnte müsse der Wald gekalkt werden, damit der Boden auch in größeren Tiefen wieder säurefrei sei. Den Erfolg der Kalkung überprüft man an sog. Monitoring-Standorten anhand von Boden- und Wasserproben.
Je nach Bodenzustand werden die Kalkungen im Zyklus von fünf bis zehn Jahren wiederholt, die zu 100 Prozent von der EU gefördert werden und damit auch für Privatwaldbesitzer kostenlos sind. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt nördlich von Klingenthal mit Schwerpunkt Zwota, Klingenthal, Kottenheide und Muldenberg, aber auch im Raum Wohlhausen werden kleinere Flächen gekalkt, vorrangig Privatwald, erläutert Sascha Barthel anhand einer Landkarte mit vielen weiteren Eintragungen. Etwa mit den Standorten der diesmal 43 Kalklagerplätze, zu denen schwere Lkws den Kalk bringen müssen oder den Orten für die Aufstellung von Warntafeln auf den Waldwegen, während der Kalkung nicht den Wald zu betreten.
Nicht, weil der Kalk gesundheitsschädlich ist, sondern Brocken oder Steine enthalten könnte. Und so ein Treffer wäre in der Tat eher ungesund. Aber auch Bereiche, die nicht gekalkt werden dürfen, sind in der Karte verzeichnet, wie etwa Wasserschutzzonen oder spezielle Naturschutzbereiche.
Es sei schon ein beachtlicher logistischer Aufwand, erläutert Sascha Barthel, denn vor der Kalkung wären umfangreiche Abstimmungen notwendig, etwa mit den Wasser- und Naturschutz- sowie mit Forst- und Tourismusbehörden.
In diesem Jahr würden etwa 1450 Hektar Landes- und 330 Hektar Privatwald gekalkt, mit einer Menge von rund drei Tonnen pro Hektar, wobei sich die Kosten auf etwa eine halbe Million Euro belaufen. Möglich ist die Kalkung erst ab Mitte Juli, zuvor gilt eine gesetzlich vorgeschrieben Schutzzeit wegen der Vogelbrut. Beendet wird die Kalkung bis Mitte September, danach ist das Wetter zu unwägbar, insbesondere wegen häufigen Nebels, der Hubschrauberstarts aus Sicherheitsgründen verbietet. Und auch an diesem Tag steht der Start des Helikopters bis zum Mittag noch auf der Kippe.
Doch dann entscheidet Pilot David Wolff von der Helix-Fluggesellschaft, dass Starts möglich sind. Die Firma koordiniert auch den Ablauf der Kalkung vor Ort, wobei Vertragspartner für Sachsenforst die Lieferfirma des Kalks ist. Der Kalk kommt vom Dolomitwerk Neuensorg bei Nürnberg in Bayern, das sich wiederum um die benötigten Vertragspartner, wie die Spedition für den Kalktransport oder die Hubschrauberfirma kümmert. Westkalk für den Ostwald also, was mit seiner Zusammensetzung, insbesondere dem Verhältnis von Magnesium zu Kalcium zusammenhängt.
Während Christian Enders auf dem Waldweg bei Kottenheide in seinem Radlader auf den Heli wartet, startet David Wolff sein Fluggerät. Es sei eine spezielle Ausführung, klein aber mit einer besonders leistungsfähigen aber auch sehr teuren und wartungsintensiven Turbine, weiß Sascha Barthel.
Diese Eigenschaften machen den Hubschrauber, der rund zwei Millionen Euro kostet, sehr wendig und erlauben eine zielgenaue Kalkung. Anders als etwa mit Flugzeugen oder größeren Hubschraubern in Tschechien, wie dies gegenwärtig südlich von Klingenthal zu beobachten ist.
Doch dann taucht das Fluggerät auf, das unter ihm einen wahren Orkan entfacht. Christian Enders belädt den unter dem Heli hängenden Behälter mit einem Fassungsvermögen von rund einer Tonne und einer Streuscheibe darunter. Und schon geht es ab ins Gelände, wobei der Heli nach durchschnittlich anderthalb Minuten zurück ist, um neu beladen zu werden. Immerhin etwa 300 Mal an einem Tag geht das so. "Och, Stress ist das eigentlich nicht…", meint Christina Enders.