Weshalb ein Baby sterben musste

Für drei Jahre muss eine 33-jährige Plauenerin ins Gefängnis - so das gestern vor dem Landgericht Zwickau verkündete Urteil. Angeklagt war sie des Totschlags an ihrem Neugeborenen.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Melanie H. stammt aus Verhältnissen, die man gemeinhin als schwierig bezeichnet. Die Eltern, ein Vater mit Alkoholproblemen, die Mutter einer liebevollen Beziehung zu ihrer Tochter offenbar weder willens noch fähig, trennten sich in ihrer Kindheit. Weshalb sie beim Vater blieb, wurde in der Verhandlung nicht erörtert. Die Schule verließ sie nach der 7. Klasse, es folgte eine Lehre als Beiköchin. Eine längere Festanstellung fehlt in ihrer Biografie, die Reihe ihrer Beziehungen ist wesentlich länger. Weshalb dies so ist und weshalb ihr bisheriges Leben am 12. Januar 2020 in einer Katastrophe endete, erklärt der als Gutachter geladene Psychologe. Doch auch er kann bei der Angeklagten keine psychiatrisch schweren Erkrankungen erkennen, wie sich auch ihr Intellekt im "Normbereich" befinde.
Ab ihrem 19. Lebensjahr habe Melanie H. regelmäßig Drogen, vor allem Crystal genommen. Kein extensiver Konsum habe vorgelegen, vielmehr sei es darum gegangen, den Alltag in den Griff zu bekommen. Das fiel ihr, wie sie selbst einräumt, denkbar schwer. Eine der Ursachen auch hier kaum vorhandenes Selbstwertgefühl. Die Angeklagte erlebe sich ständig als unzulänglich und sei damit auch in den Teufelskreis oft nur kurzwährender Beziehungen geraten. Sie, die selbst nie Liebe erlebte, habe sich danach gesehnt oder wie es der Psychiater ausdrückt: Sexuell verfügbar zu sein, stehe auch für den Wunsch nach einer tragfähigen Beziehung, der immer wieder enttäuscht wurde. Dessen ungeachtet ist die Angeklagte Mutter von zwei Töchtern, im Frühjahr 2019 wird sie erneut schwanger. Dass sie davon nichts bemerkt habe, wird in der Verhandlung zweifelsfrei widerlegt. Vielmehr habe die Angst vorgeherrscht, in den Augen der Eltern einmal mehr versagt zu haben. "Probleme werden verleugnet, um Kritik anderer zu vermeiden", formuliert der Gutachter.
Die Geburt des Kindes erfolgt am 12. Januar 2020 unter der Dusche. Melanie H. trennt sich mit einem scharfen Gegenstand selbst die Nabelschnur ab, versteckt das Neugeborene, dem Gutachten eindeutig bestätigen, dass es bei der Geburt noch lebte, in einem Kleiderschrank, bedeckt es mit kiloschwerer Wäsche. Die Angeklagte habe vorgehabt es verschwinden zu lassen, wird Richter Klaus Hartmann in der Urteilsbegründung später sagen. Später hätte man den Säugling möglicherweise verbuddelt in einem Waldstück gefunden.
Noch Stunden vor der Geburt hatte Melanie H. sich, wie sie sagt, "eine Bahn" gegeben, wie so oft "wenn mir alles zu viel war." Überlebt hat die Angeklagte die Geburt nur, weil ihre Mutter sie wenig später besuchte, die Polizei rief und die wiederum einen Notarzt. An den Zeitraum von der Geburt bis zu ihrem Aufenthalt im Krankenhaus kann oder will sich Melanie H. aber nicht erinnern. Während eines Telefonats Mitte März habe sie die Geburt allerdings detailliert geschildert, sagt ein Zeuge, der freilich schon mehrfach wegen Falschaussagen vor Gericht stand, weshalb Richter Hartmann dessen Bemerkungen auch nicht als relevant ansieht. Tatsache ist: Melanie H. befindet sich mehrere Wochen im Koma, ihr Leben hängt an einem seidenen Faden, Lungenentzündung, starke Blutungen.
Staatsanwalt Holger Illing stellt in seinem Plädoyer fest, dass die Angeklagte zum einen in keiner Weise auf die Geburt des Kindes vorbereitet gewesen sei und den Tod des kleinen Mädchens "durch aktives Tun" herbeigeführt habe, obwohl sie noch am Tag der Geburt Gelegenheit gehabt hätte, als sie sich wegen anderer Beschwerden an einen Arzt wandte. "Niemand spricht hier von dem kleinen Mädchen, das nie eine Chance im Leben hatte", schloss Illing, der für die Angeklagte fünf Jahre Haft wegen Totschlag forderte - "eine der schwersten Straftaten, die das Strafgesetzbuch kennt."
Für einen minderschweren Fall des Totschlags plädierte der Verteidiger der Angeklagten. Seine Mandantin habe nie gelernt, mit Konflikten umzugehen. Hätte die Mutter sie nicht gefunden, wäre mit einiger Sicherheit auch seine Mandantin gestorben. Nun werde sie mit dem Geschehen leben müssen. Er beantragte zwei Jahre und sechs Monate Haft sowie die Außerkraftsetzung des Vollzugs unter Auflagen.
"Ich weiß, dass ich schuldig bin, doch davon wird mein Kind auch nicht wieder lebendig", bringt die Angeklagte in ihrem Schlusswort unter Schluchzen hervor,.
Richter Klaus Hartmann wertet dies als spätes Schuldeingeständnis, bevor er das Urteil verkündet: Drei Jahre Haft wegen Totschlags durch Unterlassen. Er bescheinigt Melanie H. "enorme Verantwortungslosigkeit", die den Gerichtssaal vorerst Richtung Freiheit verlassen darf. Das Gericht wird sie informieren, wann die Haft anzutreten ist.