Wer nicht mehr redet, hat verloren

Schauspieler Kai Schumann, dem es immer wieder passiert auf der Straße als "Kommissar Heldt" aus der gleichnamigen TV-Serie "enttarnt" zu werden, ging die Diskussionsrunde im Malzhaus mit einem alkoholfreien Bier und der Begrüßung seines jüngsten Gastes entspannt an.

Von Torsten Piontkowski

Plauen - Schumann hatte Glück - unter seinen Gästen befand sich niemand, der sich an den "jungen Wilden" erinnern konnte, der zur Wendezeit und einige Jahre danach in Plauen mit seiner Clique dafür sorgte, dass die Rechten nicht Oberwasser bekamen. Mit teilweise fragwürdigen Methoden, "denn es gab immer wieder gewalttätige Übergriffe von beiden Seiten, auch von unserer Antifa", erinnert sich Schumann, der Gewalt und Hass mittlerweile abgeschworen hat - offenbar mehr, als einige der Diskussionsteilnehmer nachvollziehen können. 

Kurzreise in familiäre
Vergangenheit

Doch der Reihe nach. Der beliebte Schauspieler war gewissermaßen Stargast der vom Verein Colorido in Plauen organisierten Veranstaltungen zur Internationalen Woche gegen Rassismus. Am Dienstag diskutierte er zunächst mit Schülern in Elsterberg und Plauen über dieses Thema, am Abend mit den Besuchern des Malzhauskellers. Leider verhalf auch nicht die Einhaltung des "akademischen Viertels" zu mehr Interessenten - es blieb bei knapp zwei Dutzend, die allerdings mit ihrer teilweise kontroversen Meinung nicht hinterm Berg hielten. Schumann bewegt sich auf gewohntem Terrain. "Im Malzhaus als alternativen Ort haben wir unserem Lebensstil entsprechend tolle Feten gefeiert", erinnert sich der 42-Jährige, der seine Jugend in Zwoschwitz verbrachte und mittlerweile nach Umwegen über Hamburg und andere Städte in Köln landete. Doch zunächst ein Kurztrip in die familiäre Vergangenheit. Mutter schon immer systemkritisch eingestellt - und heute im Verein "Omas gegen Rechts" engagiert - Vater Syrer. Möglicherweise auch "Romeo", also ein Mann, der von der Stasi gezielt auf junge Frauen angesetzt wurde. Das Ergebnis war Kai, der seinen Vater nie kennenlernte, weil der noch vor dessen Geburt in seine Heimat zurückkehrte. Den "halben" Syrer sieht man dem Sohn an, was in dessen Jugend nicht immer von Vorteil war. Denn in seiner Straße wohnte ein Typ, der ihn regelrecht quälte, rassistisch beschimpfte. "Irgendwann später schoss dieser Typ aus dem Auto auf einen von uns, da war das Maß voll, danach war er Mode", sagt Schumann und erzählt den Schluss der Geschichte. "Der Junge stand schließlich heulend vor meiner Tür und flehte um Hilfe. Ich hab die Tür zugeschlagen, das bereue ich bis heute." 
Es gibt noch mehr Episoden an diesem Abend, diese aber ist symptomatisch für die Wandlung Schumanns vom gnadenlosen schwarz-weiß-Denker zu einem der abwägt und den Dialog mit Andersdenkenden sucht. "Wenn wir aufhören miteinander zu reden, haben wir verloren", sagt Schumann und erhält umgehend Gegenwind aus dem Publikum. Die Geschichte habe gezeigt, dass man mit Nazis nicht zu sprechen hat", sagt ein junger Mann, und Schumann hält dagegen, dass Kommunikation die einzige Chance zur Änderung ist. "Ich verachte die Gesinnung eines Rechtsextremen, aber nicht den Menschen. Seine Gedanken sind nicht hinnehmbar, aber dem Menschen darf ich die Tür nicht zuschlagen." Klingt bisschen wie Gandhi und ist wohl ein stückweit auch so gemeint. Doch vielleicht ist es auch seine eigene einstige Radikalität, die ihn zum intensiven Nachdenken über sich und die Welt brachte. 

"Man muss sein
Leben annehmen"

Eine seiner Grundüberzeugungen: Man kann für sein eigenes Unglück nicht ausnahmslos andere verantwortlich machen. Denn über kurz oder lang sieht man im anderen den Schuldigen, was zum einen das eigene Ego pusht und zum anderen ein Feindbild schafft. Und schon fast philosophisch seine Erkenntnis: "Ich muss mein Leben annehmen, sonst zerstöre ich mich und das Leben anderer." Auch dafür hat "Kommisssar Heldt" ein Beispiel parat. Bei einigen Staffeln der TV-Serie merkte ich, dass mich alles nur noch nervte. Ich fand alles Scheiße, außer mich selbst, um mich hatte sich alles zu drehen. Ich stand kurz vorm Aussteigen, fand aber dann Leute die auf mich zukamen. Ich hab dann beschlossen, mich nicht mehr nur auf Negatives zu konzentrieren und bekam dann auch mit, dass ich eigentlich nichts mehr gelernt hatte, weil sich niemand mehr traute, mir die Meinung zu sagen. Aber jeder braucht andere Menschen die uns spiegeln, deren Meinung wir vertrauen", schließt Schumann den Exkurs in Sachen Selbsterkenntnis. Wo Rassismus, ist Fremdenfeindlichkeit nicht weit. "Die Treuhand hat uns betrogen", greift einer der Anwesenden zur 25 Jahre zurückliegenden Geschichtskeule. "Die Ausländer werden uns überrumpeln, die vermehren sich ja auch viel mehr", fürchtet ein Zweiter, und der längst nicht mehr auf Krawall gebürstete Schumann lässt sich nicht aus der Reserve locken. "Lösen wir die Treuhandprobleme, in dem wir die Flüchtlinge verfolgen?" fragt er zurück, und später bleibt noch Zeit für ein Rechenbeispiel, nachdem man sich über die Zahl der in Plauen lebenden Flüchtlinge verständigt hat. "Wären heute Abend 200 Leute da, wäre gerade mal einer von ihnen ein Asylbewerber", rechnet man gemeinsam aus.

Problem ist die
schweigende Mehrheit

Das große Problem sei die schweigende Mehrheit, die sich zwar einer rechten Demo anschließe, sich selbst aber keineswegs als Nazi bezeichnen würde, wirft der Chefredakteur des Vogtland-Anzeigers, Wilfried Hub, in die Debatte ein und kommt später noch auf die sozialen Medien zu sprechen - "Fluch und Segen zugleich". Schumann bekennt, schon selbst so genannten Fakes aufgesessen zu sein. Und obwohl noch nie Opfer eines Shitstormes versuche er hin und wieder, auf radikale Meinungen argumentierend einzuwirken. Das scheint denn auch den mehrheitlichen "Gutmenschen" zu viel des Guten. Auf einen groben Klotz gehöre zuweilen auch ein grober Keil, ist man überzeugt.
Vieles wird an diesem Abend noch angesprochen: die vielfältigen Formen des Rassismus, dem ein Städter auf dem Lande, ein Punker unter Volksmusikfreunden und vor allem und immer wieder ein anders Aussehender in Deutschland, aber beileibe nicht nur dort, ausgesetzt ist. Und dass Rassimus in der DDR durchaus kein Fremdwort war. Ein älterer Zuhörer berichtet über die Anfeindungen Mitte der 70er Jahre, als er mit seinem farbigen Adoptivsohn durch Plauen spazierte. 
Und schließlich, deutlich später als "geplant", eine Art Fazit des Gastes: "Früher dachte ich, eins auf die Fresse und gut. Das glaube ich heute nicht mehr. Das einzige, was ich wirklich ändern kann, bin ich selbst."