Wenn die Predigt per Mail kommt

In den USA ist die Verbreitung von Glaube über TV- und Online-Kanäle weit verbreitet. In Zeiten von Corona und entsprechenden Kontaktbeschränkungen gehen nun auch vogtländische Gemeinden neue, online- oder sozialnetzwerk-basierte Wege.

Von Ingo Eckardt

Plauen  Gerade in schwierigen Zeiten ist es für viele Menschen wichtig, Ruhe und inneren Frieden im Glauben zu finden. Eine solche Zeit erleben viele Menschen derzeit, fühlen sich aufgrund der Beschränkungen von alltäglichen Kontakten sozial isoliert. Viele haben Sorgen und Ängste, manch einer verliert vielleicht gar seinen Glauben an einen gütigen und "lieben" Gott.
Die Menschen in ihrem Glauben zu stärken, Zuversicht zu geben und Gemeinschaft zumindest virtuell erlebbar zu machen, ist nun die Aufgabe der Kirchen.
Am Fenster dem
Glockenklang lauschen

Pfarrer Hansjörg Rummel von der Johannisgemeinde schaut natürlich mit kritischem Blick auf die Situation. "Es gibt keine Gottesdienste - auch nicht zu Ostern. Das ist ein dramatischer Eingriff in unser religiöses Leben. So etwas hat es in der 2000-jährigen Kirchengeschichte noch nie gegeben. Zu Pest-Zeiten wussten die Menschen halt noch nichts von Ansteckung und feierten zusammen Gottesdienst, was ganz sicher nicht gesund war", sagt Rummel. Man habe sich innerhalb der Stadt abgestimmt und beschlossen, zu den üblichen Gottesdienstzeiten dennoch die Kirchenglocken zu läuten. Die Menschen könnten die Fenster öffnen und dem Klang der Glocken lauschen, um danach zu Hause zu beten.
"Es ist eine Möglichkeit, Gemeinschaft aufrecht zu erhalten ohne zusammen kommen zu müssen. Zudem versuchen wir, auch neue Medienwege zu gehen - wie alle anderen Kirchen der Stadt dies auch tun. So versende ich die klassische Andacht zum Nachlesen per Mail und die Empfänger können das auch ihren Nachbarn in die Briefkästen werfen. Außerdem lege ich einige Exemplare in der Kirche aus", erklärt Rummel und verweist darauf, dass man auch regelmäßig eine Videoandacht über Youtube veröffentlicht. Über einen Link auf der Website kirche-plauen.de kann man diese Andacht abrufen.
Man sei sicher nicht so professionell, wie ein TV-Sender, aber man könne Videos durchaus in ordentlicher Qualität drehen. "Die Umstände zwingen uns, das Thema aufzugreifen. Augenscheinlich treffen wir da einen Nerv. Unsere Andacht von Sonntag hat schon jetzt mehr Klicks, als wir sonst Gottesdienst-Besucher haben. Die evangelische Jugend bietet bundesweit Online-Gottesdienste an. Wir wollen aber ein regionales Angebot machen. Es geht ja auch um Vertrautheit zu den Menschen. Da kann man nicht nur auf Sachen zurück greifen, die in Hamburg oder Dresden produziert sind", betont Rummel die Nähe zu seinen Gläubigen.
Einen besonderen Service hat Kantor Heiko Brosig organisiert. Regelmäßig zur Mittagszeit bläst er Musik für die Stadt mit der Trompete - oft Choräle oder andere christliche Stücke. Die Seelsorge funktioniert derzeit fast ausschließlich telefonisch, nur im dringenden Fall werden persönliche Gespräche geführt. "Es sind eben Gefahren, die wir da eventuell von Mensch zu Mensch tragen könnten. Darauf müssen wir schon achten. Ich selbst habe zuletzt keine Besuche gemacht. Meine Anrufe erfreuen die Menschen auch. Ein wenig muss diese Abwägung der jeweilige Pfarrer treffen", erläutert Hansjörg Rummel und ergänzt, dass man auch die Regeln für die Bestattungen und Trauerfeiern einhält. Diese finden nur im Freien statt, unter der Einhaltung der Abstände zwischen der Menschen und an frischer Luft.
Nagelkreuz-Übergabe
verschoben

Verschoben ist auch die geplante Nagelkreuz-Übergabe, die am 10. April, dem 75. Jahrestag der schwersten Zerstörung Plauens, geplant war. "Wir werden die feierliche Übergabe wohl um ein Jahr verschieben auf den 10. April des kommenden Jahres. Wir möchten nicht, dass dieser geplante Gottesdienst mit internationaler Beteiligung wegfällt. Sich das Nagelkreuz per Post zuschicken zu lassen, wird dieser Sache nicht gerecht", schätzt der Geistliche ein. In der Gemeinde sei man auch in Sachen Notbetreuung aktiv - in der Kita "Spatzennest" wird diese für Eltern gewährleistet, die in Gesundheits- und Pflegeberufen arbeiten. "Die Erzieherinnen leisten dort gerade ganz großartige Arbeit", lobt Rummel und bezieht auch Gemeindepädagogin Griseldis Büchner ins Lob mit ein. Sie schickt einmal die Woche Post an ihre Christenlehrekinder und sei in die Planungen eines Familiengottesdienstes zu Ostern einbezogen. Auch werden in ganz Plauen an Karfreitag zur Sterbestunde Jesu die Glocken geläutet. In der Osternacht, um 6 Uhr, wird es ein Osterglockenläuten in der gesamten Stadt Plauen geben.
Videoandachten
an die Gläubigen

In der Kirchgemeinde Rosenbach, die im Kirchspiel mit der Gemeinde Pausa organisiert ist, und auch einige Plauener Ortsteile mit bepfarrt, hat man verschiedene Wege beschritten, um die "Schäfchen" zu erreichen. So hat man via WhatsApp-Gruppen Videoandachten unter das Christenvolk gebracht. Über diesen Kanal werden auch Predigten verteilt und Informationen der Gemeinde veröffentlicht. "Schon jetzt haben sich rund hundert Gemeindeglieder in dieser Gruppe zusammengefunden. In einer zweiten Gruppe werden Mutmacher und Hoffnungsbotschaften ausgetauscht. Das ist ein wunderbares Medium, dem ich mich hier erstmals so richtig intensiv widme", gibt Pfarrer Kreßler unumwunden zu. So geht Kirche in schwierigen Zeiten also neue Wege, um die Menschen auf der Suche nach Sinn, Hoffnung und Trost zu begleiten.