Wenn die Musik trauriger wird

Abgesagt oder verschoben oder vertagt auf Sankt Nimmerlein. In Corona-Zeiten hören Musiker derlei Worte täglich, so auch Wolfgang Fischer, Gitarrist und Musiklehrer. Der Plauener sagt, er habe kaum Hoffnung, dass sich die Lage verbessert, die Politiker hätten keinen Plan und keinerlei Mut. Doch die müsse endlich aufgebracht werden, so Fischer.

Plauen  "Seit zwei Wochen habe ich mehr als 25 Absagen erhalten, für Konzerte, für Auftritte, für Feiern", erzählt Wolfgang Fischer, während er auf seinem Sofa sitzt, auf den Computer schaut und nebenher mal eben aus dem Stegreif eine kleine Improvisation auf seiner akustischen Gitarre zaubert. Die Melodie erreicht des Zuhörers Herz sofort, der Moment tut gut. Wolfgang Fischer sieht man dennoch die Sorgenfalten an. Es geht nicht an sein Sparschwein, es geht nicht an ein Pausieren wegen der Pandemie, es geht derzeit um seine Existenz. "Das ist kein Leben, weil das Handeln einem gerade aufzwingt, über die Maßen hinaus die Füße still zu halten. Mach ich gern, aber geholfen wird nicht, eine Aussicht auf das Wie weiter gibt es nicht und Beifall klatschen vom Balkon, das reicht auch nicht", sagt Fischer.
Der Mann ist einer der besten und bekanntesten Gitarristen Sachsens. Der diplomierte Instrumentalist und Profimusiker spielt seit vielen Jahren in Bands und Orchestern der Region. Nicht wenigen Freunden konzertanter Musik ist Fischer als Sologitarrist bei Philharmonic Rock im Vogtland bekannt. Fischer ist zudem Musiklehrer an der Musikschule Rodewisch.
"Dieser Job ist gerade der Rettungsanker für mich. Ansonsten sähe es schlimm aus", sagt der Plauener. Der Künstler versucht nach vorn zu schauen, nicht in negative Stimmung zu geraten. So wurde er schon im Frühjahr aktiv in Sachen "staatliche Unterstützung". Der Plauener gab nach vielen Anläufen, nach langem Durchforsten etwaiger Möglichkeiten und der Feststellung, dass zuviel Bürokratie und zu wenig Hilfsbereitschaft den Alltag prägten, dennoch nicht auf.
Er stellte einen Antrag für Unterstützung aus dem Programm "Sachsen hilft sofort", so der Name des Projektes, mit dem kleine Unternehmen, Freiberufler und Selbstständige kurzfristige Unterstützung angeboten bekommen. Soforthilfe-Darlehen mithilfe des Bundes werden mit Zuschüssen von der Sächsischen Aufbaubank kombiniert und umgesetzt.
"Ich dachte, dass mein Antrag dauern und wohl nicht genehmigt werden wird. Doch es ging zunächst sehr schnell. Ich habe Geld auf mein Konto überwiesen bekommen", berichtet Fischer. Doch der Haken zeigte sich schnell. "Ich habe das Geld nicht angerührt, werde es wohl nächstes Jahr mit der Steuererklärung zurückzahlen müssen. Denn das Geld darf ich lediglich für Betriebskosten nehmen, nicht für die Lebenshaltung."
Derweil unternimmt Fischer einen weiteren Anlauf. Der Musiker: "Mal sehen, ob ich noch eine neue Form von Soforthilfe in Anspruch nehmen kann." Er greift wieder zur Gitarre, ein neues kleines Stück aus der Improvisation, aus der Fantasie heraus erklingt. Butterweich laufen die Finger über Saiten und Griffbrett. Die Musik - sie klingt diesmal melancholisch, teils ziemlich hart und bissig. "Ich weiß nicht, wie das enden soll, ich habe gerade keine Hoffnung. Wenn ich den Fernseher oder das Radio anschalte, wird mir übel. Die Umfragen sagen ja, es finden viele Leute sehr richtig, was so läuft mit Zügel anziehen und Maßnahmen und vieles runterfahren - aber wenn ich mich in meiner Bekanntschaft, Verwandtschaft und unter Freunden umhöre, ergibt sich ein anderes Bild. Ich finde ehrlich gesagt das Handeln angesichts der Zahlen und der Lage unverhältnismäßig und erkenne eine Art Basta-Politik. Keine Urlaubsreisen aber Dienstreisen, keine Konzerte aber Fußballspiele. Und ja, ich bin auch vorsichtig, was dieses neue unheimlich wirkende Virus angeht, aber es gibt so viele Dinge, die das Leben riskant machen. Wir können uns auf Dauer nicht einsperren und verstecken."
"Einen Auftritt dieses Jahr hab ich noch, der bisher nicht abgesagt wurde", sagt er zum Abschied.