Wenn die Angst kommt

"Nach fast einem Jahr Pandemie haben etliche Kinder und Jugendliche keine Kraft und Zuversicht mehr", sagt Prof. Dr. Christoph Schultz, Ärztlicher Direktor am Sächsischen Krankenhaus Rodewisch. Die kinder- und jugendpsychiatrische Station am Landeskrankenhaus ist voller junger Patienten.

Von Cornelia Henze

Rodewisch Seit Dezember sind in Sachsen die Schulen dicht. Und im Vogtland bleiben sie das vermutlich noch eine Weile, wie die nicht sinken wollenden Zahlen befürchten lassen. Viel Arbeit also für Neurologen und Psychologen am Krankenhaus in Rodewisch.
Kinder ab etwa zwölf, Pubertierende, gehören seit ein paar Wochen gehäuft zu den Patienten, sagt Dr. Wolfgang Liskowski, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es scheinen sich mehr Jugendliche in suizidal emotionalen, psychosozialen und familiären Krisen zu befinden als etwa kleinere Kinder. Wohl deshalb, weil Jüngere ihr Befinden noch nicht so gut ausdrücken können. Belastbare Zahlen für gestiegene Suizide im Allgemeinen kann der Chefarzt nicht nennen - wohl aber werden verstärkt suizidgefährdete Jugendliche vorstellig. Zu Suiziden sei es zum Glück nicht gekommen.

 


Die Gründe für psychische Störungen und wesensveränderte junge Leute liegen auf der Hand. Lockdown und Schule zu Hause führen dazu, dass manche Kinder vereinsamen. Kinder treffen keine Freunde mehr - weder in der Schule, noch privat oder im Verein. Isolation führe zu Angstsymptomen oder Depression. Auch in den eigenen vier Wänden stauen sich Konflikte auf mit Eltern und Geschwistern, die ebenfalls ihren Arbeits- und Schulalltag nach Hause verlagert haben.
"Manche Elternhäuser kriegen das gut hin, bei anderen ist die Decke dünner. Da sind Eltern nicht so stressresistent und es kommt zu Konflikten", so Liskowski. Häusliche Probleme, wie etwa Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit der Eltern verschlechtern die Stimmung und schwappen auch auf Kinder und Jugendliche über. Deutschlandweit liegen vermehrte Fälle von Angststörungen, Depressionen, Zwangs- und Essstörungen, Drogenmissbrauch, erhöhtem Medienkonsum, Gewichtszunahme, Leistungsabfall und häuslicher Gewalt vor. Speziell am Rodewischer Krankenhaus wurden Jugendliche mit Angst-, Zwangs- oder Essstörungen vorstellig, manche auch mit Drogenmissbrauch. Einige Jugendliche ziehen sich in sich zurück, andere sind sozial auffällig, aggressiv. Besonders junge Mädchen kommen mit Essstörungen, zumeist leiden sie an Magersucht. Schul- und Prüfungsängste gebe es hingegen weniger. Seit November lassen sich Familien vermehrt beraten. Ab Mitte Januar sind die Stationen voll, teils überbelegt. 50 Kinder und Jugendliche kann die Station in Rodewisch aufnehmen, die zum Landeskrankenhaus gehörenden Tageskliniken in Plauen und Annaberg je zehn.
Da die Pandemie noch nicht zu Ende ist, wird auch weiter mit psychisch geschädigten Jugendlichen zu rechnen sein. Vielleicht verschiebe sich das Problem auch auf jüngere Kinder, wie Grundschüler, so Dr. Liskowski. In einigen Monaten endet ein überaus anstrengendes, stressiges Schuljahr, das die meisten Kinder mehr zu Hause allein oder mit Mama und Papa als in der Schule mit Gleichaltrigen verbracht haben. Lernrückstände und soziale Defizite seien so auch bei den Jüngsten, den Erstklässlern, zu erwarten.