Wenn das Margarete wüsste

Die Textilindustrie war vor über 100 Jahren eine reine Männerdomäne. Für die kompromisslose Margarete Naumann keine Grenze, sondern eine Mission, dies zu ändern. Die Kunsthandwerkerin entwickelte ihre eigene Handarbeitstechnik: Die Margaretenspitze. Das war 1913.

Plauen - Das Vogtlandmuseum blickt jetzt auf die 100-jährige Geschichte dieser zwischenzeitlich vergessenen und seltenen Handwerkstechnik in einer Sonderschau zurück. Margarete Naumann war in der damaligen Zeit eine bemerkenswerte Frau. Sie tanzte aus der Reihe, wollte sich nicht anpassen. Mit ihrer Margaretenspitze, einer raffinierten Knotentechnik, sorgte sie für Aufsehen. Es war ihre Antwort auf die boomende Maschinenspitze. Kopieren und Nachempfinden waren dabei für die Gestaltungslehrerin tabu. Die eigene Kreativität galt es immer wieder neu zu finden.

Zehn Jahre ihres Lebens verbrachte die gebürtige Chemnitzerin in Plauen. 1921 schaffte sie es, an der Staatlichen Kunstschule für Textilindustrie in Plauen unterrichten zu dürfen. Die meisten heute noch existierenden Arbeiten entstanden in dieser Zeit von Naumanns Schülern. Die filigranen Kunstwerke konnten vor der Zerstörung der Kunstschule gerettet werden. Das Geheimnis der Handwerkskunst jedoch wurde ein Raub der Flammen. Die Margaretenspitze ging förmlich im Zweiten Weltkrieg unter. Alle Aufzeichnungen und Arbeiten von Margarete Naumann wurden in ihrer Wohnung durch einen Luftangriff vernichtet. 1946 starb sie in Hannover.

Lotte Heinemann aus Peine ist es zu verdanken, dass Naumanns bewegendes Leben und vor allem ihr Schicksal nicht in Vergessenheit geriet. Die heute 80-Jährige arbeitet seit zwei Jahrzehnten aus geschichtlicher Sicht die Fäden der Kunstlehrerin mit ihrer Margaretenspitze auf. Kurz nach der Wende führte sie ihr Weg erstmals nach Plauen. Katrin Färber vom Vogtlandmuseum unterstützt sie seither bei der Recherche. "Es war ein glücklicher Umstand, dass die Grenze verschwunden war", sagt Heinemann. Dies habe die konstruktive Ost-West-Beziehung erst ermöglicht. Anfänglich schien es, als ob Lotte Heinemann die einzige sei, die mit dem Begriff Margaretenspitze noch etwas anfangen konnte.

Bei Textilmagazinen machte sie auf die alte Knüpfspitze aufmerksam. Die Resonanz war groß. "Alle wollten es, keiner kannte es." Doch es gab Hürden. Heinemann fand keine Beschreibung, wie die Margaretenspitze überhaupt angefertigt wird. Nicht mal ein Bild der Kunsthandwerkerin ließ sich anfänglich beschaffen. Im Schwarzwald fand Heinemann nach langer Suche einen Großneffen von Margarete Naumann. Mitte der 1990er Jahre gab es dann in Plauen erstmals eine Ausstellung zu diesem Thema. Lotte Heinemann vollendete schließlich das, was Naumann vor hatte. Sie veröffentlichte ein Buch mit der Technik und Geschichte über die Margaretenspitze.

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Die Sonderausstellung "100 Jahre Margaretenspitze" wird am Freitag, 19.30 Uhr, im Vogtlandmuseum eröffnet.

www.margaretenspitze.de