Welturaufführung in Greiz

Greiz - Es soll durchaus vorkommen, dass der Herr Papa vom Schwiegersohn keine ehrvolle Meinung zu Tage trägt. Auf diesen allerdings prasselt verbales Sperrfeuer. Ein "Windbeutel von der Mulde" sei er, ein "Feuerkopf aus dem Vorland des Erzgebirges", ein "Tunichtgut von einem Wirtshausgänger". Der "Hallodri" ist der Komponist Robert Schumann (1810 bis 1856), und nicht gut auf ihn zu sprechen ist Friedrich Wieck, Vater von Schumanns Frau Clara.

Wieck ist Protagonist des Monologstücks "Der geschwätzige Gast" des Greizer Autors und Journalisten Volker Müller. Am Sonntag hatte das Werk in der Regie des bekannten Film-, Fernseh- und Bühnendarstellers Wilfried Pucher, der zudem die Rolle Friedrich Wiecks übernimmt, im ausverkauften Weißen Saal des Unteren Schlosses Greiz seine umjubelte Welturaufführung.

Müller legt seinen Versuch einer Annährung an das geniale Schaffen, aber auch die Ungereimtheiten in der Biografie des Komponisten Schumann, dessen 200. Geburtstag im Sommer begangen wurde, als fiktives Gespräch in Rückblicken an. Wieck (1785 - 1871), schon auf seinem Altersitz in Loschwitz bei Dresden lebend, erhält Besuch von Wilhelm Joseph Wasielewski (1822 - 1896), Musiker, vor allem jedoch Verfasser der ersten und bis dato bedeutsamen Biografie Schumanns. Von Geschwätzigkeit kann beim Gast keineswegs die Rede sein, der Zuschauer bekommt lediglich ein Husten von Wasielewski zu hören, den übrigens in Greiz der Autor Müller selbst verkörperte. Wieck lässt ihn nicht zu Wort kommen, redet unentwegt auf ihn ein, schildert seine abwechselnd von Wut, Achtung und Neid geprägte Sicht auf Schumann, dessen kompositorisches Schaffen und dessen Lebenswandel und nicht zuletzt auf die Ehe Schumanns mit seiner Tochter Clara, einer "Wunderfee der Musik".

Dem Greizer Autor gelingt mit dem Stück ein Geniestreich. Dank der nicht reellen Ausgangssituation kann er verbürgte Fakten aus dem Leben Schumanns mit Spekulationen über dessen Dasein in Verbindung setzen, analysieren und kommentieren. Hintergründiges und Tiefgründiges finden so ihren Platz, ohne das Stück jemals zu einer spröden Abhandlung werden zu lassen. Und: Er schafft mit der Charakterisierung seiner Hauptfigur Wieck Raum, dem Monolog, der auch in Sprache und Duktus einer bemerkenswerten Authentizität verpflichtet ist, eine gehörige Portion Witz beizufügen. Dennoch bleibt "Der geschwätzige Gast" in seiner Gesamtheit eine Verneigung vor dem Komponisten Schumann, und dabei ein Stück, das keineswegs nur eingefleischte Schumann-Freunde anspricht. In der Greizer Inszenierung geht Schauspieler Pucher ganz und gar in der Figur des Friedrich Wieck auf. Er schimpft und schwatzt, er grübelt, sinniert und jagt durch einen Kosmos der Emotionen.

Pucher nimmt den Zuschauer vom ersten Moment an mit, lässt ihn wie einen Voyeur teilhaben an einem Gespräch, das bis zu den tiefsten und verbittertsten Orten der Seele seiner Figur führt - eine schauspielerische Glanzleistung, die angesichts des enormen Textumfangs abermals bewundernswert ist.