Welle der Tradition

Muldenberg - Die Flößer weltweit streben an, was die Falknerei geschafft hat: Sie wollen Immaterielles Kulturerbe der Menschheit werden - und die UNESCO soll ihren Segen geben. "Die UN-Organisation entscheidet voraussichtlich Ende 2022", sagt Bernd Kramer, Vorsitzender des Vogtländischen Flößervereins Muldenberg und Präsident der Internationalen Flößerei-Vereinigung mit 48 Vereinen aus 19 Ländern. Das jahrhundertealte Handwerk habe unsere Gesellschaft geprägt. In ihm spiegele sich Wirtschaftsgeschichte, erklärt der 70-jährige Ex-Gastwirt aus Muldenberg.

Herr Kramer, was versteht man unter Flößerei ganz allgemein?
Kramer: Flößerei ist Holz-Transport auf dem Wasserweg. Seine Blütezeit erlebte das Handwerk in Europa zwischen dem Mittelalter und zweiter Hälfte des 20. Jahrhunderts. Durch die Flößerei gelang es, den Holz- und Energiehunger zu stillen. Geflößt werden kann auf kleinen Bächen wie großen Flüssen. Teamwork spielt dabei eine besondere Rolle.

Und was bedeutete die Flößerei für das Vogtland?
Ohne Holz aus dem Oberen Vogtland wäre die Salzproduktion in der Leipziger Tiefebene, etwa der Saline in Halle, nicht möglich gewesen. Man kann sagen: Im chursächsischen, also quasi staatlichen Besitz, waren die vogtländischen Flößer der Energieversorger von Sachsen, gewissermaßen die EnviaM des "hölzernen Zeitalters". Muldenberg ist als Flößersiedlung entstanden, 80 Prozent der Bevölkerung arbeitete in der Waldwirtschaft. Über 15 Kilometer Floßgraben gelangte das Holz über Mühlleithen am Kiel über die Göltzsch bis in die Weiße Elster bei Greiz - und Richtung Leipzig.

Wer setzt sich dafür ein, dass die Flößerei Immaterielles Kulturerbe der Menschheit wird?
Eine Arbeitsgruppe hat fast drei Jahre an der Nominierung gearbeitet. Sie besteht aus Flößerei-Vereinen, Vertretern der UNESCO-Kommissionen und Kulturministerien aus Deutschland, Tschechien, Österreich, Polen, Lettland und Spanien.

Was fordert die UNESCO, die Weltorganisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur?
Vor allem Nachweise, wie das immaterielle Kulturerbe Flößerei als lebendiges Handwerk weiterentwickelt und an die nächsten Generationen weitergegeben wird.

Wie erfüllen Sie diese Forderung in Ihrem Verein in Muldenberg?
Wir setzen auf die Jugend, bieten Unterstützung etwa bei Wandertagen; ich stehe als Erklärer zur Verfügung. Wir haben Publikationen im Auge, denken an eine Fotoausstellung. Unser jährliches Himmelfahrtstreffen mit 2000 Besuchern ist wichtig, auch wenn erst kommende Woche entschieden wird, wie es in diesem Jahr wird - wegen Corona. Natürlich gehört auch die Instandhaltung am historischen Floßgrabensystem dazu und an der Floßrutsche in Richtung Klingenthal.

Herr Kramer, Sie haben das Gasthaus "Flößerstube" betrieben - wie kamen Sie zur Flößerei?
Nach der Wende habe ich das Ferienheim der Wasserwirtschaft gekauft, in dem ich als Küchenmeister und Objektleiter gearbeitet habe. Über das Gelände führte der verfüllte Floßgraben. Zur 400-Jahr-Feier Muldenbergs 1992 haben wir angefangen, uns dafür zu interessieren. Dann gab es den Verein und später waren wir das erste Flößerdorf Deutschlands. ufa