Weischlitzer rettet Frau aus Flammenhölle

 

Weischlitz - Wenn der Mann will, dann kann er - die Wand hoch gehen: Mirko Jost kletterte in 30 Sekunden über die Balkons in die dritte Etage und löschte in der Nachbarwohnung. Der sportlichen Fitness des Kraftfahrers ist es zu danken, dass es am Sonntag kein Unglück in Weischlitz gab.

 

Der 42-Jährige löschte praktisch im Alleingang einen Wohnungsbrand an der Taltitzer Straße 19. Er rettete Menschenleben, verhinderte riesigen Sachschaden - und landete mit Verdacht auf Rauchgasvergiftung im Krankenhaus. Als er am Montagabend wieder nach Hause kam, musste er erstmal zum Wischeimer greifen. "Sieben Mal habe ich den Etagen-Flur gewischt, so verdreckt war er durch den Brand."

Bleibt die Frage, die sich Außenstehenden stellt: Bekommt Jost wenigstens sein Geld wieder, 40 Euro Praxisgebühr und Krankenhausgeld? Jost scheint das egal. Er ist froh, dass alles glimpflich ausgegangen ist. Im Gespräch mit  

Vogtland-Anzeiger

berichtet er, was am Sonntag passiert ist: Am Vormittag spielte er mit seinem fünfjährigen Sohn Leon und der Garteneisenbahn. Der geschiedene Vater hatte das ganze Wohnzimmer mit Schienen ausgelegt, als es klingelt. "Meine Nachbarin, die 79-jährige Waltraud N. sagte, ich soll mal schnell mitkommen."

In der Wohnung der gehbehinderten Frau sieht Jost die Bescherung: Die ganze Küchenzeile brennt lichterloh. "Zwei Meter hohe Flammen, größer als ich", sagt der 1,83 Meter große Mann und berichtet von fürchterlichem Qualm. "Mein erster Eindruck ist: Hier ist nichts mehr zu retten: Tür zu und weg." Doch dann besinnt er sich, rennt zum Treppenhaus, schnappt den Pulverlöscher und löscht in Sekundenschnelle die Flammen. "Das Feuer war aus, aber die Rauchentwicklung war extrem. Der Qualm hat mich fast umgelegt - und ich bin nicht zartbesaitet", sagt der Mann, der in der Freizeit seine Fitness trainiert.

Jost tastet sich zum Ausgang und wummert mit voller Wucht an die Wohnungstür von Brunhild Geyer, der nächsten Nachbarin. Im Kasernenton befiehlt er ihr, Leon zu holen und den asthmakranken Jungen in Sicherheit zu bringen. Dann setzt Jost einen Notruf ab, der 9.42 Uhr bei der Polizei eingeht. Jetzt fährt ihm ein Gedanke durch den Kopf: Wo ist Nachbarin Waltraud N.? "Wo bist Du - komm her", brüllt er in den beißenden Qualm. "Ich habe nicht gedacht, dass die alte Dame noch lebt. Den furchtbaren Rauch kann eigentlich keiner aushalten." Doch das Wunder geschieht: Das kleine Mütterchen schiebt sich aus der Nebelwand, am "Rolli" festhaltend. "Sie ist hart im Nehmen und hat lebenslang geraucht. Wahrscheinlich hat sie es deshalb überlebt", scherzt Jost im Nachhinein.

Am Sonntag ist ihm nicht nach Witzen zumute. Er schnappt sich erneut den Feuerlöscher - und will von außen nochmals löschen. Er rennt auf die Straße und erklimmt die Balkons des Hauses in affenartiger Geschwindigkeit. In der zweiten Etage wirft ihm ein Nachbar den Feuerlöscher hoch. Den Rest der Kletterpartie meistert Jost mit "Handgepäck": Mit dem Feuerlöscher hält er drauf, bis das Gerät leer ist. Das Feuer ist endgültig gelöscht. Mittlerweile ist die Weischlitzer Feuerwehr eingetroffen. Die Kameraden ziehen ihre Schutzanzüge an und Jost ruft vom Balkon mehrmals herunter, sie mögen das Wasser abstellen. "Damit die zweite Etage nicht absäuft."

Das Feuer hatte die Wasserrohre beschädigt. Damit ist für Jost der Einsatz beendet. Der Arzt will ihn wegen des Verdachts auf Rauchgasvergiftung mit ins Vogtlandklinikum nehmen. Doch Jost will (noch) nicht: "Leons Mutter aus Thüringen war noch nicht da. Ich musste den Jungen doch ordentlich übergeben." Im Krankenwagen schließlich hört er, wie Nachbarin Waltraud N. unter der Atemmaske sagt: "Danke, Nachbar, danke." 

 

Von Uwe Faerber