Weihnachts-Mail an früheren Feind

Plauen -Der Liberty Convoi, der im April dieses Jahres einstige amerikanische Kriegsteilnehmer an Stationen ihres damaligen Einsatzes im Vogtland führte, brachte viele neue Freundschaften.

 

Plauen 16. April 1945. Truppen der 87. Infanteriedivision der US-Army rollen durch Plauen. Sergeant Tom Stafford und einige seiner Männer verhindern im letzten Moment die Zerstörung der Elsterbrücke. Drei Wochen später ist der Krieg zu Ende. April 2010. Einige Angehörige der 87. Infanteriedivision der US-Army rollen durch Plauen. Sergeant a.D. Tom Stafford und einige seiner Männer werden auf dem Neustadtplatz begrüßt. Von hier aus nehmen sie am so genannten Liberty Convoi teil. Die amerikanische Zeitschrift "Army Motors" widmet dem Ereignis ihre Titelstory, berichtet auf zwölf Seiten über ein Projekt, von dem der inzwischen 86-jährige Stafford, wieder zurück in seiner Heimat, an die Organisatoren mailen wird, sie hätten sich "so wunderbar um uns alte Weltkriegsveteranen gekümmert vom ersten Tag in Plauen bis zu unserer Abreise."

Adressiert ist die Mail an das Team von ad astra, das bei der Idee für den Liberty Convoi nicht einmal ahnte, welcher Arbeitsaufwand sich dahinter verbergen würde. Ein knappes dreiviertel Jahr später sitzen Christian Pöllmann, Renate Wünsche und Petra Macht bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Stollen zusammen - und haben eigentlich noch immer oder schon wieder keine Zeit, das Ganze in Ruhe Revue passieren zu lassen.

Konsulin entert einen Dodge

Denn der dreitägige Konvoi mit teilweise bis zu 60 orignalgetreuen US-Militärfahrzeugen, hat im Wortsinne Spuren hinterlassen. Durch große Teil des Vogtlandes führte die Route, übereinstimmend mit der 1945 von den "US-Boys" zurückgelegten, bis hinüber ins tschechische Kraslice. Auch die Route abgedruckt in besagter amerikanischer Zeitschrift. Pöllman spricht rückblickend von einer gigantischen logistischen Herausforderung, die sich nur mit vielen Verbündeten, in erster Linie der Polizei, stemmen ließ. Viele standen dem Projekt offen gegenüber, ehemalige amerikanische Kriegsteilnehmer einzuladen an die Stätten ihrer im Krieg geopferten Jugend, sagt Pöllmann und verschweigt auch den "Gegenwind" nicht.

Immer wieder hätten sich einige Neonazis an verschiedenen Routenorten lautstark in Szene gesetzt und gegen die vermeintlichen "Besatzer" und "Mörder" protestiert. Auch solche Bilder finden die amerikanischen Leser im Bericht der Zeitschrift. Verfasst übrigens von Herman Pfauter, damaligem Augenzeugen und jetzigem Konvoi-Teilnehmer. Der einstige Industrielle und nunmehrige Pensionär aus dem kalifornischen Santa Babrara besitzt selbst einige Navy-Fahrzeuge, die er für derlei Anlässe eigens in Deutschland "eingelagert" hat. Die eindrucksvollen Aufnahmen stammen von Patrick Brion, in der belgischen Armee für die Pressearbeit zuständig.

Besonders nachhaltig erinnern sich die ad astra-Leute an die Begeisterung der Menschen in Carlsfeld beim Eintreffen des Konvois. Aber auch an die Ehrenrunde der Fahrzeuge vor der Raumfahrtausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz, nach der sich deutsche und amerikanische Kriesgteilnehmer spontan in die Arme fielen. "Männer, alle weit über die 80, da bekommt man Gänsehaut", gibt Pöllmann zu. Dass der amerikanische Botschafter Philip Murphy und Generalkonsulin Katherine Brucker die Einladung annahmen, sehen die Organisatoren als Sahnehäubchen. Brucker überigens haben sie als ausgesprochen pragmatisch-zupackend in Erinnerung. Spontan entschied sie sich, in einem Dodge am Konvoi teilzunehmen - sehr zum Leidwesen ihrer Sicherheitscrew, die im gepanzerten Audi nicht so recht ins Bild der Army-Oldies passen wollten.

Aschewolke einmal positiv

Was Hunderttausenden Flugpassagieren die Laune verdarb, stellte sich für die alten Herren aus Übersee als angenehmer Effekt heraus. Die den Flugverkehr lähmende Aschewolke über weiten Teilen Europas, verzögerte ihre Abreise. "Also hängten wir ein fast einwöchiges Kulturprogramm an und machten die Männer mit den Sehenswürdigkeiten des Vogtlandes bekannt", lacht Pöllmann.

 

Ein Abstecher führte sie in die "Fürstenhöhe" bei Saalburg, damals amerikanisches Headquarter, und für einen Sergeant wie Stafford dienstgradmäßig tabu. Während der einwöchigen Nach-Convoi-Tour bekam Pöllmann nicht nur seinen Spitznamen verpasst - er hatte erzählt, sich vor Jahren als Bürgermeister beworben zu haben, es habe aber nur fast geklappt. Fortan hieß er Mr. Almost, der Beinahe-Mann. Er erfuhr auch, dass sein Vater im Herbst 1944 auf der Queen Mary in amerikanische Kriegsgefangenschaft gebracht wurde. Auf der Rückfahrt transportierte das Schiff Tom Stafford, Jesse Bowman, Eldon Gray, Gene Garrison, Tom Burgess und viele andere an die europäische Front.

Lebensabschnitt aufarbeiten

Aus den spontanen Begegnungen in Morgenröthe und anderen vogtländischen Orten sind inzwischen "transatlantische" Freundschaften entstanden. Adressen wurden ausgetauscht, einstige "Feinde" schreiben sich E-Mails, tauschen Fotos und Weihnachtsgrüße aus. Vor allem aber gäbe es das Bedürfnis, über die Vergangenheit zu reden, sie aufzuarbeiten.

Inzwischen gingen kleine Pakete an die Adressen von Tom Stafford und Co. "Wir haben ein Poster, eine DVD über den Convoi, den neuen Kalender von Manfred Feiler und eine vogtländische Spezialität reingepackt", verrät Renate Wünsche. Einen Feiler-Kalender bekamen auch Botschafter Murphy und Generalkonsulin Brucker. Wird es eine Neuauflage, wie auch immer geartet, geben? "Es gibt Überlegungen. Vielleicht ist ein jährliches Treffen möglich", blickt Pöllman voraus und geht nebenbei den E-Mail-Eingang durch. "Denn der Tommy, der wohnt förmlich vor seinem PC", lacht er über das Hobby von Tom Stafford, Sergeant a.D.