Was haben Wittmund und die FDP gemeinsam?

Plauen - Es war die 19. Auflage eines Politischen Aschermittwochs der FDP in Plauen. Diesmal im Kleinen Saal der Festhalle, doch in den großen will man unbedingt zurück, waren sich alle einig.

 

Etwas zu schrill, etwas zu laut und etwas zu missionarisch war gestern. Genauer gesagt vor zwei Jahren, als FDP-Chef Guido Westerwelle in Plauen den Politischen Aschermittwoch der Liberalen mit seinem Auftritt adelte. Nun also Philipp Rösler, Gesundheitsminister im Kabinett Merkel. Kein Schleuderposten, aber auch keiner, nach dem man sich in Berlin reißt. Zu viele Gegenspieler, zu viel hü und hott, ganz abgesehen von den Menschen, mit denen er kraft seines Amtes vorwiegend als Patienten zu tun hat. "Ich stehe bei allen Umfragen an letzter Stelle", sagt der Mann mit dem pechschwarzen Haar, auf dessen Herkunft er auch noch zu sprechen kommen wird. "Nur ein Mal war ich Vorletzter, weil mein Chef hinter mir stand."

Sie kommt an, die neue Bescheidenheit der FDP. Gepaart mit dem intellektuell fein dosierten Humor des Gesundheitsministers. Weil der in Berlin längst gelernt hat, dass mit der Brechstange gar nichts geht, schon gar nicht in den eigenen Reihen. Zumal wenn man jung ist und Quereinsteiger außerdem. Studierter Arzt mit echtem Titel.

Als ausgebildeter Herzgefäß-Chirurg wagt er derzeit die OP am offenen Herzen seiner Partei unter Einbeziehung der Öffentlichkeit. Erfolgs-Chancen ungewiss. Doch zunächst das Warm up des Abends. Friedbert Sammler, alias DJ Sammy, schickt ins kulturelle Rennen, was der Handwerker Carnevals Club (HCC) zu bieten hat. Funkenmariechen Denise, die Teenie-Garde, die HCC-Tänzerinnen und schließlich das Krampfaderngeschwader, passend zum Job des Gesundheitsministers.

"Bin ich eben asozial"

FDP-Bundestagsabgeordneter Joachim Günther übernimmt die Begrüßung der liberalen Normalos und der Ehrengäste. Übernächstes Jahr werde man sich wieder im Großen Saal treffen. "Bis dahin stehen wir wieder so, dass wir ihn brauchen", fügt er an. Schaun wer mal, denn dann trägt der Theumaer voraussichtlich das Kürzel a.D. hinter dem Bundestagsmandat.

Die verbale Vorband des Abends sind der vogtländische FDP-Chef Martin Treeck und der Vizepräsident des Sächsischen Landtags, Prof. Dr. Andreas Schmalfuß. Treeck begründet, warum er sich in der FDP so wohl fühlt und geht mit den "Gutmenschen" ins Gericht, die verteilen wollen, was nicht vorhanden ist. Vor allem Geld. Fordere man die Verschlankung des Staates, sei man in den Augen von Siegmar Gabriel asozial. "Dann bin ich eben asozial", nimmt es der Rechtsanwalt gelassen. Die Unterstützung der Schwachen dürfe nicht ausschließlich im Vordergrund stehen, weil sonst die auf der Strecke bleiben, die für die Schwachen einstehen sollen", sagt er, und in den drei mit Gewerkschafterinnen besetzten Stuhlreihen regt sich Unmut.

Den weiß der folgende Redner noch zu steigern. Prof. Schmalfuß. "Ein ganz lieber Kerl, aber nicht der größte Redner", wie ein Insider bemerkt. Der Chemnitzer, nach eigenem Bekunden der lustigste Abgeordnete im Landtag, nimmt sich die politischen Mitbewerber zur Brust. Die Anfragewut der Grünen mit der damit verbundenen Papierverschwendung, das Auftreten der Linken während der jüngsten Demo in Chemnitz. Steinewerfer hat er unter ihnen ausgemacht. Da wird der Ärger der Gewerkschafterinnen schon deutlicher, denn die Frauen waren selbst vor Ort. Schmalfuß bricht noch eine Lanze für das Areal am Amtsberg als Campus und erinnert sich, wie viel Zeit sich der Oberbürgermeister Oberdorfer, "mein lieber Freund Ralf", für eine Besichtigung nahm und ihm damals "ein Buch von Erich Öhser" schenkte. Vermutlich war es eins von Erich Ohser.

"Phlipp, erklär doch mal"

Dann endlich der fast zierlich wirkende Rösler. "Wenn du nach Berlin gehst", habe er gedacht, "dann beginnt das schöne Leben - schicke Autos, schöne Frauen und Millionen im Keller. Warum soll ein kleiner Gesundheitsminister nicht auch mal leben wie ein stinknormaler Parteivorsitzender der Linken?" Das kommt an, die Pointe sitzt.

Womit er aber wirklich punktet, ist seine Gabe, sich auch selbst auf die Schippe zu nehmen. Klar kann er auch ernst: Westerwelle helfe in Tradition Genschers den Menschen in aller Welt, die für ihre Freiheit eintreten. Und all jene können sich auch auf die Freiheitspartei FDP verlassen. Als Hüter eines stabilen Euro sind die Liberalen ebenso unverzichtbar, wie als Streiter gegen planwirtschaftliche Züge in der Gesundheitspolitik. "Philipp, erklär mir doch mal die Codierrichtlinie für Ärzte", habe ihn sein Schwiegervater gebeten. Der heißt Lauterbach, trägt Fliege und ist Mediziner. Allerdings in Goslar und statt Karl heißt er Jürgen. Kurzum, der Philipp konnte sie nicht erklären. Weshalb er samt seiner Partei den Bürokratie-Dschungel im Gesundheitswesen beseitigen will. Und nicht nur dort.

Ein Dicker beim Arzt

Beispiel Aschermittwoch. Der gefällt den Leuten, also sollte die Politik Vorgaben erarbeiten. Wie das ausgehen könnte - dafür gibts wieder reichlich Applaus. Vielmehr brauche man eigenverantwortlich denkende Menschen, die wiederum nicht ganz einfach sind, weil sie immer Fragen stellen.

Kurzer Sprung in die Bildungspolitik, wo die Grünen gerade dabei seien, Kinder als "bildungspolitische Versuchskaninchen" zu missbrauchen. Dagegen setze die FDP auf das Erlernen der deutschen Sprache, denn dies sei für Menschen mit Migrationshintergrund der beste Schlüssel für Bildung. Und irgendwie kommt er da bei sich selbst an. "Ich weiß nicht, ob es Ihnen schon aufgefallen ist, ich sehe etwas anders aus, etwas besser", flirtet der in Vietnam geborene Rösler mit sich selbst. Immer wieder werde er gefragt, woher er komme. Dann sage er aus Hannover, noch genauer, aus einer kleinen Klitsche in der Umgebung.

Als Arzt gearbeitet hat er in Wittmund, einem Landkreis, wie er flacher nicht sein könnte. Und unbekannter wahrscheinlich auch nicht. "Wittmund ist wie die FDP, man muss sie erst kennenlernen, dann lernt man sie auch lieben". Apropos FDP. Die stelle in Sachsen mehr Bürgermeister als in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen zusammen, listet er auf. Statt Tusch zahllose dankbare Gesichter.

Dann noch mal schnell ins eigene Metier. "Kommt ein dicker Mann zum Arzt..." Pointe: "Sind Sie ein guter Arzt, vertraut Ihnen Ihr Patient, so verhält sich das auch mit der FDP." Und die habe für die Fastenzeit den guten Vorsatz, Vertrauen zurück zu gewinnen. Für Günther, Schmalfuß und Rösler gibt es den Karnevalsorden, für den Gesundheitsminister eine erneute Ehrung als jeckischer Redner. 2009 erhielt der einstige Stabsarzt bereits den Karnevalorden der Döhrender Funkenartillerie Blau-Weiß. Wenn der Job doch immer so lustig wäre.                                    

 

Von  Torsten Piontkowski