Von Plauen ging das "Erdbeben" aus

Im Frühjahr dieses Jahres erschien neben zahlreichen anderen Büchern anlässlich des bevorstehenden 20-jährigen Jubiläums von friedlicher Revolution, politischer Wende und Mauerfall beim renomierten, auf historische Themen spezialisierten Verlag C.H. Beck ein Buch mit dem Titel "Endspiel - Die Revolution von 1989 in der DDR" von Ilko-Sascha Kowalczuk.

 

Der Autor, Jahrgang 1967 war sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur" des Deutschen Bundestages und arbeitet als Projektleiter in der Forschungsabteilung der Birthler-Behörde. Einleitend wird ausführlich die niederschmetternde wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Lage in der DDR Ende der 80er Jahre ebenso geschildert, wie die Folgen des aus dem Ruder laufenden Prozess von Glasnost und Perestroika in der UdSSR unter Gorbatschow. Der Autor zeichnet eine Chronik der sich besonders im Umfeld der evangelischen Kirche der DDR langsam organisierenden Oppositionsbewegungen und der staatlichen Repressionsmassnahmen dagegen. Er weist nach, dass die Wende eine - wenn auch friedliche - vollgültige Revolution nach einschlägigen wissenschaftlichen Kriterien war. Er sieht die Staatssicherheit als "Schild und Schwert der Partei" und nicht als "Staat im Staat". Diese sei von den Repräsentanten der SED und ihren Nachfolgeorganisationen zur eigenen Entlastung Existenzsicherung als Sündenbock aufgebaut worden, obwohl die Entscheidung, nicht auf die Demonstranten feuern zu lassen, eher von einem resignierenden Mielke als von vorgeblichen Reformkadern der SED wie Krenz, Schabowski, Modrow und Gysi getroffen worden sei.

Ausführlich würdigt Kowalczuk, der damit auch kürzlich in einem "Spiegel"-Artikel zum Thema zitiert wurde, die Rolle Plauens als Ort der ersten friedlichen Massendemonstration in der DDR mit deutlich über 10 000 Teilnehmern. Diese sei das "eigentliche Erdbeben" am 40. Jahrestag der DDR gewesen. Der Aufruf zu dieser Demonstration, der nur in wenigen Exemplare zirkulierte wird über zwei Buchseiten im kompletten Wortlaut wiedergegeben. Plauen sei nur deswegen "nicht zur Heldenstadt erklärt worden, weil die Tragweite der Ereignisse ohne westliche Fernsehkameras nicht bekannt wurden". Bis heute sei nur wenigen bewusst, "dass diese Stadt die erste war wo der Wille zur Revolution und zur deutschen Einheit massenhaft auf der Straße bekundet wurde". "An diesem Tag beteiligten sich prozentual so viele Bürger der Stadt an den Protesten wie in keiner andern Stadt."

Der Abschnitt endet mit der Aussage, dass Plauen wochenlang die Stadt in der DDR blieb, die allen anderen jeweils einen Schritt voraus war. "Hätte irgend ein verantwortlicher Politiker in Ost oder West im Oktober auf Plauen geschaut", hätte er gewusst, "wohin und wie schnell die Reise gehen würde." Abschliessend wird Joachim Gauck, der erste Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde zitiert: "Die Massen waren stürmisch erwacht. Plauen sei Dank! Sie wollten Endspiel. Götterdämmerung war angesagt."  lak