Von der Lehre in die Leere

Der Fachkräftemangel und die Personalsituation in der Altenpflege sind in Deutschland mittlerweile zum Politikum geworden. Vor allem junge, motivierte Leute fehlen. Doch wenn sie über eine solche Ausbildung verfügen, scheinen sie auch nicht gebraucht zu werden.

Plauen - Die junge Plauenerin Tina Schmalfuß versteht die Welt nicht mehr. Sie sitzt auf einem Stein, hinter ihr befindet sich ihre bisherige, geliebte Arbeitsstätte, sie schaut traurig zurück. Die 26-Jährige hat eine Ausbildung in der Altenpflege hinter sich, in dieser Zeit Erfahrung gesammelt. Hat zugepackt und mitgemacht, war hilfsbereit und vor allem eines: hoffnungsvoll, was ihre berufliche Perspektive anbelangt. Die gelernte Hauswirtschaftlich-Technische Assistentin war bis zum Herbst im Pflegeheim der Diakonie Plauen Auszubildende. Doch der Lehre folgte die Leere. Inzwischen sei sie Hartz IV-Empfängerin, sagt sie.

Zwei Jahre absolvierte sie Im Pflegeheim am Komturhof den praktischen Teil ihrer Lehrjahre. Ihr Beruf ist ein etwas spezieller und: Sie selbst ist zu 80 Prozent behindert, obwohl sie sich selbst als ganz normalen Menschen sieht. Tina Schmalfuß' Schilddrüse funktioniert nicht richtig, sie hatte zudem einen Herzfehler, die Folge war ihr Zurückbleiben in der persönlichen Entwicklung. Doch sie und ihre Eltern gaben nicht auf. Sie absolvierte die Förderschule und auf ging es zur Lehre. Gelebte Inklusion sozusagen. Mutter Cornelia Schmalfuß sagt: "Tina wollte immer Krankenschwester werden."

Tina hat es geschafft, eigentlich, denn als Assistentin war sie laut ihrer Arbeitsnachweise und Kollegeneinschätzungen famos. "Zu Tina haben die Kolleginnen stets gemeint, sie gibt nicht 100 sondern 300 Prozent, auch bei den Alten war sie sehr beliebt", erzählt die Mutter. Tina arbeitete und lernte nicht als Auszubildende, sie war integriert in den gesamten Tagesablauf. "Ich habe um 6.30 Uhr begonnen. Wecken der alten Leutchen, Morgenpflege, Anziehen, Betten machen, Frühstückstisch, danach Abräumen, Küche aufräumen, neu eindecken, Wäschedienst. Mittag, abräumen, bei den Leuten sein." Mehr als ein halbes Dutzend ältere Leute waren ihre geliebten "Herrschaften".

"Das war stressig aber schön", sagt die junge Frau lächelnd. Der Tag verging im Flug. 13 oder 14 Uhr war ihr Dienst vorüber. "Wenn Tina nach Hause kam, fiel sie ins Bett und schlief", so die Mutter. Sie erwähnt, dass Tina enorm hilfsbereit und freundlich war und immer noch ist. "Sie hat ein liebes Wesen, sie hat stets ein gutes Wort parat. Ihr Fleiß, ihre Person aber wurden nur ausgenutzt. Meine Tochter wurde oft, obwohl sie frei hatte oder sogar im Urlaub angerufen, ob sie nicht vorbei kommen könne, weil Personalmangel herrschte. Tina kam vorbei. Für 216 Euro im Monat."

Im Herbst war die Ausbildung vorbei. Eigentlich Zeit für einen Arbeitsvertrag. Tina Schmalfuß wollte nach dem "Azubienen"-Dasein ihr eigenes Geld verdienen, in ihrem Heim, bei ihren Alten, bei ihren Kollegen. Die Planstelle für sie wäre eine Teilzeitstelle gewesen. "Meine Ausbildungsleiterin hat mir gesagt, dass sie für mich sorgen werden und ich eine Zukunft im Heim bekommen würde. Doch im September war es vorbei und bis heute habe ich nichts gehört", sagt die Plauenerin leise.

Und Mutter Cornelia ergänzt:: "Die Chefin Alina Rudert hat bei einem Anruf gemeint, sie hätten kein Geld dafür. Vorher hat ihre Lehrlingsgeld wohl ein anderer bezahlt, oder? Ich habe Diakoniechef Dr. Hartmut Denkewitz gebeten sich zu kümmern, er versprach es, ich habe bis heute keine Post. Auch kein Arbeitszeugnis."

Auf telefonische Nachfrage bestätigt Dr. Denkewitz, dass Tina Schmalfuß ihre dreijährige Ausbildung zwar am Komturhof absolviert habe, der Vertrag selbst aber mit einem überbetrieblichen Träger abgeschlossen worden sei. Man habe mehrere Gespräche mit den zuständigen Mitarbeitern im Jobcenter geführt, sei hinsichtlich einer Beschäftigung aber "zu keinerlei positivem Ergebnis gekommen". Dr. Denkewitz spricht von einem "Spannungsfeld zwischen Tinas Defiziten und den Anforderungen der Arbeit im Altenheim".

Vor diesem Hintergrund helfe auch die Bewertung, ob die junge Frau gut oder schlecht gearbeitet habe, nur bedingt weiter. Dass Tina nach dreijähriger engagierter Arbeit jetzt traurig sei und die Entscheidung schwer akzeptiere, sei aus ihrer Sicht völlig verständlich, fügt er an.

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