Vom schweren Leben in zwei Welten

Plauen - "Ich gehe mit der Krankheit meines Mannes ganz offen um", sagt Adelheid Leistner. Kürzlich war das Plauener Ehepaar in der MDR-Talksendung "Unter uns" zu Gast.

 

Kurz gehaltener Rasen, Schatten spendende Bäume, Blumen wohin man schaut, eine Hollywoodschaukel, ein kleiner Bach, der sich entlang der Sitzgruppe schlängelt. Idylle pur vermitteln der Garten und das kleine Haus des Ehepaares Leistner am Plauener Stadtrand. Bedächtig kommt Harry Leistner an die Gartenpforte, begrüßt die Gäste, derer er heute schon mehrere hatte. Wortlos geht er voran, ein wenig teilnahmslos. Am Hauseingang wartet Adelheid Leistner, streicht ihrem Mann über die Schulter. Lobt ihn, was er heute schon alles auf die Reihe bekommen musste.

Was er sich davon merken konnte, was er bewusst aufnahm und was gar nicht "ankam", ist unklar. Wie der hübsche Garten, die hier herrschende Ruhe, auf ihn wirken, man kann es nur ahnen. Am besten noch seine Frau. Harry Leistner ist an Alzheimer erkrankt. Einer Krankheit, über die Gesunde blöde Witze reißen, die Angehörige an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit bringt und Betroffene in einer nur von ihnen erreichbaren Parallelwelt gefangen hält.

 

Datum ändert das Leben

 

16. März 2006. Ein Datum, das Adelheid Leistner ebenso wenig vergessen wird, wie ihren und die Geburtstage ihrer Familie, wie den Hochzeitstag mit Harry. An diesem Tag hielt sie den ärztlichen Befund über die Erkrankung ihres Mannes in den Händen. "Befürchtungen hatte ich schon ein Jahr vorher. Aber es ist etwas anderes, wenn man sich einerseits vorstellt, es könnte die Krankheit sein und andererseits den definitiven Befund in der Hand hält", sagt Frau Leistner. Und: Sie wusste, was von nun an auf sie zukommen würde. Gemeinsam hatten die Leistners Harrys Schwester gepflegt, die mit 62 Jahren an Alzheimer erkrankte und ein dreiviertel Jahr später starb. Adelheid Leistner zeigt Bilder von einer Frau im Sommer 1996 und kurz vor deren Tod im April des Folgejahres. Dazwischen scheinen Jahrzehnte zu liegen.

Makaber, aber wahr: Harry Leistner hat vergleichsweise Glück. "Er kommt noch immer mit der vor vier Jahren verordneten Tablettendosis aus", sagt seine Frau. Was sie seither aber auch weiß, aus vielen Berichten zum Thema, aus Fachliteratur: Die Krankheit kann erblich sein. Das lässt sich testen. Ihr Sohn möchte das nicht.

Unterstützung und Hilfe holt sich Frau Leistner in der Plauener Alzheimer-Gruppe. Ob deren Chef etwas damit zu tun hat, dass die Redaktion der MDR-Talksendung "Unter uns" auf das Ehepaar aufmerksam wurde und sie für die heutige Sendung nach Weimar einlud, kann sie nur vermuten. Möglich aber auch, dass die Redakteure in den eigenen Archiven kramten und auf die Leistners aufmerksam wurden. Denn bereits anlässlich des vorjährigen Weltalzheimertages drehte ein Team in Plauen.

 

Lob ist das Wichtigste

 

Sei es wie es sei, jedenfalls erhielten die Leistners vor kurzem einen Anruf samt Einladung. Vorige Woche war ein Redakteur zwecks Vorrecherche da, am Mittwoch ein kleines Film-Team. Ob und wie anstrengend dieser Vormittag für Harry Leistner war - man sieht es ihm nicht an. Auf alle Fälle anstrengend wird der heutige Tag. Schon früh wird das Ehepaar mit dem Auto abgeholt, anschließend wird ins Hotel eingecheckt, nach einem Imbiss geht es zur Sendung, wo schon die Moderatoren Griseldis Werner und Axel Bulthaupt auf ihre Gäste warten.

 

Wann sie an der Reihe sind, weiß Adelheid Leistner nicht, sie hofft, zu den Ersten zu gehören. Normalerweise geht ihr Mann 22 Uhr zu Bett. Die Moderatoren wollen mit Harry selbst ins Gespräch kommen. "Das hängt aber von der Tagessituation ab, auch vom Wetter", weiß seine Frau, die auch Harrys Furcht vor fremder Umgebung kennt. "Ihn plagt die Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen, wenn er sich irgendwo anders aufhält", sagt sie und streicht ihm über den Arm.

Inzwischen haben wir in der gemütlichen Wohnküche Platz genommen, Harrys große Leidenschaft im Blickfeld. Rührend kümmert er sich jeden Tag um die Fische im Aquarium, sucht ihnen im Gartenteich Wasserflöhe. "Ich muss ihn mit kleinen Aufgaben betrauen", sagt seine Frau. "Aber nie zu etwas zwingen. Und Lob, loben ist das Wichtigste." Nahezu den gesamten Tag verbringen die Leistners gemeinsam, gehen spazieren, wandern, einkaufen. Erst seit kurzem kann Frau Leistner auf eine Betreuerin zurückgreifen, wenn sie selbst mal zum Arzt muss. Heute hat sie vor lauter Aufregung vergessen zu inhalieren. Das Asthma bestraft es mit Hustenanfällen.

Immer verständnisvoll, immer ausgeglichen, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr? Adelheid Leistner nimmt selbst leichte Medikamente, um nicht zuweilen "auszuflippen". Weil sie weiß, Ordnung ist nicht das halbe, sondern das ganze Leben für "Vati", wie sie ihn liebevoll nennt. Geregelte Mahlzeiten, keine Zeitverschiebungen, weder Höhen noch Tiefen - spielt das alles zusammen, dann geht es Harry Leistner relativ gut. Apropos spielen. Schach ist seine Leidenschaft, selbst den Redakteur vom MDR legte er problemlos "aufs Kreuz".

Von Anbeginn war es Adelheid Leistner wichtig, offen mit der Krankheit ihres Mannes umzugehen. Den Nachbarn und Freunden Bescheid zu sagen, den damals neunjährigen Enkel damit zu konfrontieren. "Jetzt ist er 13 und liebt seinen Opa über alles", freut sie sich über diese richtige Entscheidung. Offenheit hilft auch über vermeintlich peinliche Situationen hinweg. "Harry ist sehr reinlich, da passiert es schon mal, dass er auch einem Passanten das Fussel vom Revers zupfen will", lächelt Adelheid still.

 

Traumreise nach Spanien

 

Sie hat viel gelesen, sie weiß über den Fortgang der Krankheit Bescheid. "Das ist mein Plus, daher bin ich nicht mehr so aufgeregt und kann auch mit leichten Verschlechterungen umgehen." Was sie auch weiß: Sie braucht einen Selbstschutz, hat ihn in die weitere Lebensplanung auch eingebaut. Planen. Ist es möglich, was ist möglich? Frau Leistner erzählt, was nicht möglich ist. Bei der vorletzten Fußball-WM gewann sie eine einwöchige Spanien-Reise. Ein Traumurlaub, überschattet von einer Verletzung, die sie fast die ganze Zeit an einen Hotelstuhl am Pool fesselte. "Trotzdem war es unvergesslich, Spanien hätte ich mir gern noch mal mit Harry angesehen. Was sind wir vor seiner Erkrankung gereist. Die halbe Welt haben wir gesehen. Das fehlt mir ein bisschen. Aber Vati sagt immer ?zu Hause ist es am schönsten?".

Harry Leistner blickt auf. "Wo kommt das?", fragt er mich und meint den Beitrag. Im "Vogtland-Anzeiger" sage ich. "Aha", erwidert Harry Leistner. War ich kurze Zeit Gast in seiner Welt?