Vom Reiz des Echten

"Der Maler und die Dichterin", unter diesem geradezu verlockenden Titel fand am Sonntag in der Galerie im Malzhaus eine Ausstellung, die dem Werk Albin Enders und seiner Ehefrau, der Dichterin Anna Enders-Dix gewidmet ist, ihr zahlreiches, sachkundiges Publikum.

Von Lutz Behrens

Plauen Den aus dem Werbefernsehen und von Plakatwänden bekannten, meist von grinsenden (vor Glück!) Singles vorgetragenen Spruch: "Ich parshippe jetzt" muss man sich als die zeitgemäße Variante dessen vorstellen, was vor 100 Jahren von einem Vogtländer und einer Lausitzerin mühsam und gedankentief mit der Hand, Tinte und Briefpapier bewerkstelligt wurde: die Anbahnung einer Beziehung. Von 1919 bis 1922 schrieben sich Albin Enders, damals ein bereits fünfzigjähriger Hagestolz, und die um fünf Jahre jüngere Anna Dix Briefe.
Er hatte den Anfang gemacht, nachdem er Aphorismen der in Zittau lebenden Dichterin als wesensverwandt erkannt und schätzen gelernt hatte. Zwei Besuche folgten, wobei der nicht auf Rosen gebettete Maler den Besuch bei der "sächsischen Poetin" (Kurt Arnold Findeisen) im Herbst 1920 mit einem Malaufenthalt in Oybin und einer Ausstellung in Dresden zu verbinden wusste. Im Sommer 1922 kam sie nach Weischlitz, beide verlobten sich. Wenig später brach sie ihre Zelte in Zittau ab und am 25. Oktober desselben Jahres läuteten für Anna und Albin in der Kürbitzer Kirche die Hochzeitsglocken.
Das Vogtland zum
Wiedererkennen

Die Ausstellung in der Galerie im Malzhaus beglückt mit einem Wiedersehen der zahlreichen, oft großformatigen Landschaften von Albin Enders. Das Vogtland zum Wiedererkennen! Die Präsentation gewährt Einblicke in die einfühlsamen grafischen Arbeiten und verbindet die Freude an der bildenden Kunst mit dem Genuss der Gedichte von Anna Enders-Dix. Wobei zwei Bemerkungen erlaubt seien. Zum einen trifft sicher zu, was der Mannheimer Kunstkritiker Joseph August Beringer über Enders Kunst schreibt, die er als "einen sehr starken, coloristischen ursprünglichen Impressionismus" charakterisiert. Wobei er hervorhebt, dass Enders "die formauflösende Tendenz des Impressionismus zugunsten einer großräumigen und gewiss formenstrengen malerischen Ausdrucksform" zu vermeiden wisse. Problematischer ist die, heute würde man sagen: Technikfeindlichkeit des eng mit der Natur verbundenen und in und mit ihr lebenden Malers. Seine apokalyptische Wiedergabe ("Die Todeshatz") einer dampfenden Lokomotive als damaligem Sinnbild alles niederwalzenden technischen Fortschritts, gefolgt von einer hinterher hechelnder Gruppe nackter Menschen, wirkt heute eher anachronistisch, ohne dass die Absicht, ein Zeichen gegen Naturzerstörung und Höher-schneller-weiter-Wahn zu setzen, damit denunziert werden soll. Ein über allem drohend schwebender Erzengel Gabriel mit dem Schwert und das heute an eine Spielzeuglok erinnernde Miniaturformat derselben, lassen das Ganze fast ins Gegenteil umschlagen; eingedenk auch des das Dampfross zierenden Spruches: "Mensch, der du mich erbauet hast, du bist mein Sklave Sonder Rast!". Und dass der "Maschinenteufel uns zu Dampf-Brüdern" mache, wie Albin Enders gegenüber Anna Dix befürchtete, konnte leider in all seinen aktuellen Abstrusitäten und Katastrophen von Handy-Fixiertheit, abbrennendem Regenwald bis SUV-Wahn nicht aufgehalten werden. Auch Anna Dix‘ Lyrik muss heute eher als gewöhnungsbedürftig gelten; nehmen wir "Die Rosenpforte". Allein die Lexik kann nur aus dem Kontext der damaligen Zeit begriffen werden: es kommt "hold und zart" daher, Pforte reimt sich auf Liebesworte, Tage auf Rosenhage und über allem schwebt der Balsamhauch, da muss ein jüngerer Mensch lange googeln).
"Die Schönheit
des Lebens"

Richtig ist, wie Kunstvereinsvorsitzender Wilfried Hub und Laudator Wolfgang Rudloff anmerkten, dass, wer die Ausstellung besucht, genügend Zeit mitbringen sollte. Zahlreiche Texte, Dokumente und Zitate gilt es zu studieren. Das macht den Besuch auf besondere Weise lohnenswert. Gelungen ist auch das Faltblatt, das neben Aphorismen von Anna Dix die Lebensläufe beider Künstler sinnvoll nebeneinanderstellt, zwei Porträts und zwei Fotografien zeigt und mit einer kleinen Auswahl der Bilder von Albin Enders sein Können in Stillleben, Porträt und Landschaft ahnen lässt. 1944 feierte Albin Enders seinen 75. Geburtstag und das Vogtländische Kreismuseum richtete eine Ausstellung aus. Ihm wurde die Ehre zuteil, sich ins Goldenen Buch der Stadt Plauen eintragen zu dürfen. Er schrieb: "Die Schönheit des Lebens liegt im Reiz des Echten."