Vom Kassen- zum Privatarzt

Zum 1. Oktober ist aus dem Kassenarzt Dr. Roland Schmidt ein Mediziner für privat Versicherte und selbst zahlende Kassenpatienten geworden. "Warum?" fragen viele langjährige Patienten den Plauener Augenarzt.

Von Cornelia Henze

Plauen In Sachen Augenheilkunde ist Dr. Roland Schmidt in Plauen eine Institution. Generationen von Plauenern, die von Kurz- und Weitsichtigkeit und anderen Sehschwächen geplagt sind, ließen und lassen sich von dem heute 70-Jährigen behandeln: Bis 1991 in der dem Krankenhaus damals angehörigen Augenklinik als Oberarzt und danach als niedergelassener Kassenarzt in der Dobenaustraße. Dort praktiziert Dr. Schmidt bis heute. "Ich habe nicht vor aufzuhören, möchte auch noch weitermachen. Denn die Augenheilkunde ist nach meiner Frau meine große Liebe." Aber weil man mit 70 doch mal ans Kürzertreten denken muss, hielt Dr. Schmidt zwei Jahre lang intensiv Ausschau nach einem jüngeren Nachfolger. Vergebens.


Das Fazit lautet also: Weitermachen. Der Kompromiss: Kürzertreten. Nur noch 20 statt wie bisher 25 Stunden wollte Schmidt praktizieren. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung stieß der Arzt jedoch auf Granit. "Die KV hat mir das nicht genehmigt." Berufen habe sich die KV dabei auf das sogenannte bundesweite Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), nach dem die Zahl der Mindestsprechstunden für Vertragsärzte erhöht wurde. Ein 20-Wochen-Arbeitstag für ältere Ärzte war dort nicht mehr vorgesehen. Bei 25 Wochenstunden sei es sowieso in den letzten Jahren nie geblieben, sagt auch Ehefrau Marika Schmidt, die ihrem Mann als Mitarbeiterin in der Praxis zur Seite steht. Aus eben diesen 25 seien ganz oft 30 und mehr Stunden geworden, weil es eben in Plauen und dem gesamten Kreis zu wenig Augenärzte gibt und das Wartezimmer bis zum Abend voller Patienten war. Dazu kommt noch der "Schreibkram", der einem niedergelassenen Arzt bleibt, wenn er am Abend die Praxis zugesperrt hat.

Mehr Verständnis und Entgegenkommen für die älteren Ärzte hätte er sich von der KV erwartet, sagt Schmidt, und nennt den zweiten Grund, weshalb er in diesem Herbst die Reißleine gezogen hat. Auch hier ist es ein Gesetz - das Digitale Versorgungsgesetz, kurz DVG. Das macht Schluss mit der Patientenkartei auf Pappkärtchen. Dafür werden Patientendaten in ein deutschlandweites Praxen-Datennetz eingespeist. Das Lossagen von der geliebten Papier-Kartei behagte dem Augenarzt jedoch gar nicht, zumal ihm das Telematik-Netz für die sensiblen Daten seiner Patienten zu unsicher erscheint. Außerdem habe sich das Netz als extrem störanfällig bewiesen, wie der Doktor von Kollegen erfahren hat. "Wir sind eben altmodisch", sagt Schmidts Gattin, und der Arzt verweist darauf, dass es ihm vor allem um die Datensicherheit gegangen sei. Weil sich Schmidt weigerte, das neue Karteisystem zu installieren, sei ihm von der KV zwei Mal das Honorar gekürzt worden. Schmidt ging in Widerspruch und fasste, weil er erfolglos war, einige Zeit später den Entschluss: "Dann müssen wir eben das kassenärztliche System verlassen."

Für die Behandlung seiner Privatpatienten - diese nahmen etwa nur fünf Prozent aller Patienten ein - ändert sich nichts. Dafür aber für den Großteil seiner Kassenpatienten. Ihnen ist es frei gestellt, ob sie sich weiter von ihrem Augenarzt behandeln lassen. Nun auf eigene Kosten. Manche sind geblieben, andere suchen sich einen neuen Kassenarzt. Ein Teil überlegt noch. Doch die Chance, schnell einen neuen Augenarzt in Plauen zu finden, sind eher gering. Neben dem Privatmediziner Schmidt praktizieren noch die KV-Augenärzte Jakub Chmielowski, Andreas Kohl, Andrea Reiher, die Ärzte am Helios-MVZ sowie Martin Skircak, der erst kürzlich eine Praxis in Plauen eröffnete. Der Umstand, dass im Vogtlandkreis zwei weitere Augenärztinnen aus Altersgründen die Praxis ohne Nachfolge zusperrten, macht die Situation nicht besser.


Dr. Roland Schmidt ist überzeugt, das Richtige getan zu haben. Seit Monatsanfang ist das Wartezimmer nicht mehr ganz so voll. Alles etwas entspannter, sagt er.