Vom Gestern und dem Heute

Die Plauener schauen zurück in die Jahre der Wendezeit. Was Demokratie, Freiheit und Meinungsfreiheit gestern war und heute ist, wurde im Malzhaus frei heraus diskutiert.

Es ist nun fast 30 Jahre her, als die allmächtige Staatsmacht am 7. Oktober 1989 in Plauen erstmals vor den Bürgern den Rückzug antrat. Rund um das Thema "Bekenntnisse zu Einheit und Freiheit" drehte sich am Mittwoch in der Malzhausgalerie eine Podiumsdiskussion. Dazu eingeladen hatte die Friedrich-Naumann-Stiftung.
"Der Vereinigungsprozess war atemberaubend", blickte der ehemalig FDP-Bundestagsabgeordnete Joachim Günther auf die Ereignisse von damals zurück. Heute vermisst er diese Entschlossenheit, mit der die Menschen ihre Freiheit erkämpften. "Mir fehlt dieser Geist des Aufbruchs." Der jungen Generation müsse man vermitteln, dass es die Freiheit nicht umsonst gibt. Aktuell beängstigen ihn Tendenzen, dass Bürger für ihre freie Meinungsäußerung sofort in eine Ecke gedrängt werden.
Der langjährige FDP-Stadt- und Kreisrat Sven Gerbeth beschrieb anhand der in Plauen aktiven rechtsextremistische Kleinpartei Der Dritte Weg, was Demokratie aushalten muss. "Es ist eine zugelassene Partei." Damit müsse man sich in der Gesellschaft selbstbewusst auseinandersetzen und intelligente Argumente entgegensetzen.
Auch Lutz Rathenow bevorzugt den breiten Dialog. Der in der DDR-verhaftete Oppositionelle ist heute Sächsischer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. "Wenn jemand mit Reichsfahnen die Stufen des Reichstages stürmt, ist Demokratie in Frage gestellt." Der gebürtige Jenaer nahm Bezug auf die aus dem Ruder geratenen Corona-Proteste in Berlin, als eine Gruppe radikaler Demonstranten die Ordnungskräfte des Parlamentsgebäudes attackierte. Aus Sicht Rathenows besteht drei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung kein Mangel an Meinungsfreiheit. Die Frage stelle sich eher, welche Fakten sortiert und aufgearbeitet werden, um in die Gesellschaft hineinzuwirken. In diesem Flickenteppich seien Diskussionskultur und Bildung wichtiger denn je. Die Plauener hätten sich bei der ersten Demonstration am 7. Oktober 1989 "intelligent und mutig verhalten." Das wünscht er sich auch heute von den Menschen.
Vor der Diskussion begrüßte Plauens Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer die Gäste. Die gut besuchten Veranstaltungen zu 30 Jahren Mauerfall und Grenzöffnung im vorigen Jahr hätten gezeigt, dass das Thema die Menschen immer noch sehr bewegt. Zum Jubiläum 30 Jahre Deutsche Einheit hofft Oberdorfer auf ähnliches Interesse. Nach der Ansprache des Rathauschefs wurde der Film "In Zeiten des abnehmenden Lichts" von Regisseur Matti Geschonneck" gezeigt. tv