Vom Fleischhauer zum Textilunternehmer

"Die Familie Leopold Oskar Hartenstein und ihre Bedeutung für die vogtländische Textil- und Gardinenindustrie" - so der Titel einer Broschüre, die kürzlich im Vogtlandmuseum vorgestellt wurde und mit 62 Seiten und vielen Fotos ein Kleinod ist.

Von Lutz Behrens

Plauen Natürlich ist es die Spitze, die Plauen in der Welt berühmt und international zu einer Marke gemacht hat. Aber bereits zur Pariser Weltausstellung von 1900 präsentierte sich mehr, die: Vogtländische Stickerei-, Spitzen- und Gardinenindustrie; wobei - unbenommen - die Plauener Spitze(n) einen Grand Prix errang. Aber auch das Weisbachsche Haus wird künftig das Deutsche Forum für Textil und Spitze beherbergen, auf dessen Eröffnung wir alle warten.
Weißware bildete Beginn
Noch älter, darauf wies Katrin Färber, neben Beate Schad eine der Autorinnen der Broschüre über die Hartensteins, hin, sei der Begriff der Weißwaren, mit dem einst alles angefangen habe. Wobei seine spezielle Ausprägung, die Gardine, einer schlichten Voraussetzung bedurfte, des Fensters. Wir schreiben bereits das 18. Jahrhundert, als die Fähigkeit (seit 1688), große glatte Glastafeln herzustellen, nicht mehr nur für Spiegel verwendet wurde, sondern als Fensterglas diente. Nun war der Blick nach draußen möglich, und es konnte auch hereingeschaut werden.
Dem frönen unsere dänischen Nachbarn ungeniert bis heute. Kein gutes Pflaster für Gardinen. Dem waren unsere Breiten eher gewogen, liebten um 1800 den weißen, durchscheinenden Fenstervorhang, und der Siegeszug der Gardine in vielen Spielarten für den bürgerlichen Wohnraum war nicht mehr aufzuhalten.
Siegeszug der Gardine
In der Broschüre lässt sich sehr lesenswert nachvollziehen, wie sich die Gardinenproduktion im Vogtland im Laufe der Jahrhunderte entwickelte. Die Stichworte lauten: Musseline, Kammertuch, aber auch Jaquard- oder Schaftwebstuhl. Und Bobinet-Webmaschine. Der Kenner wird die differenzierte Darstellung der technischen Entwicklung der Textilmaschinen - immer wieder auch durch historische Fotos anschaulich gemacht - mit Freude zur Kenntnis nehmen. Mit dem Jahr 1887 ist dann zum ersten Mal von einer gardinenproduzierenden Firma die Rede, bei der es sich "mit großer Wahrscheinlichkeit" um ein Unternehmen Oscar Hartensteins handelte. Die Familie ist seit dem 16. Jahrhundert in Plauen ansässig als Fleischhauer oder Gerber. Dann der Aufstieg. Daran zu erkennen, dass Carl Gottlob Hartenstein 1811 Mitbegründer der Plauener Erholungsgesellschaft wurde, ein Verein, der "… nur bestehen sollte aus: Adligen, Beamten, Gelehrten, Kaufleuten, Fabrikanten und Künstlern". Hier musizierte die junge Clara Wieck, spätere Schumann. Carl Gottlob war der Großvater Oscar Hartensteins, der 1832 geboren wurde. Er heiratete 1858 Caroline Sophie Döring, deren Vater ein Fabrikationsgeschäft für "Plauische Waren" betrieb. 1870 wohnt die Familie Hartenstein in einem Haus Bahnhofstraße 12; zehn Jahre später wurde Oscar Hartenstein zum Stadtverordneten gewählt. Bereits 1862 war Sohn Leopold Oscar geboren worden.
Nach einer teuren Schulausbildung an einer Privatschule im Taunus trat Leopold Oscar in das väterliche Unternehmen ein und übernahm 1889 selbst die Firma. Er heiratete 1891 Emmy Zöbisch, die Tochter des Plauener Textilveredlers Robert Zöbisch mit Firmensitz am Mühlgraben. Im neu entstehenden Villenviertel am Oberen Bahnhof beziehen die Hartensteins 1898 die Villa Moltkestraße 1 (im Zweiten Weltkrieg zerstört).
Auch Leopold Oscar dient Plauen als Stadtverordneter und Stadtrat. 1911 dann: Kommerzienrat, ein Titel, verliehen vom sächsischen König, aber "erkauft" durch eine von ihm erbetene (und gewährte) Spende von 30.000 Mark. Leopold Oscar Hartenstein war ein reicher Mann. Er zählte 1912 zu den 25 Plauener Millionären. Er hatte zwei Söhne, Oscar und Rudolf, die 1918 zu Mitinhabern der Firma ernannt werden. Die Söhne dienten im Ersten Weltkrieg in einem Ulanen-Regiment.
Produktion für Wehrmacht
Der ältere Bruder Oscar Hartenstein, geboren 1893, heiratete 1927 Lissi Roßbach, bekannt durch die Ziegelei. Der jüngere Bruder Rudolf, geboren 1896, nahm 1929 Regine Hendel, deren Familie in Oelsnitz eine Korsettfabrik betrieb. Obwohl den an die Macht gekommenen Nazis eher abgeneigt, waren sie durch ihre Mitgliedschaft in einem SA-Reitersturm (aus dem sie wieder austraten) auch NSDAP-Mitglieder geworden. Im Krieg produzierten sie auch für die Wehrmacht.
Rudolf Hartenstein diente als Major im Zweiten Weltkrieg. Seine Villa Moltkestraße wird von den Bomben auf Plauen zerstört. Zwar blieb die Villa des Bruders Oscar in der Tischendorfstraße verschont, wurde aber 1946 enteignet (und 1969, als der Obere Bahnhof umgestaltet wurde, abgerissen).
Nach dem "Volksentscheid zur Übergabe von Betrieben von Kriegs- und Naziverbrechern in das Eigentum des Volkes" gingen die Hartensteins im Sommer 1946 ihrer Fabriken und Villen verlustig. Sie gehen in den Westen: Rudolf nach Rheydt, ein Stadtteil von Mönchengladbach; Oscar nach Wiesbaden. Beide führten erneut erfolgreiche Unternehmen. Rudolf starb 1973, Oscar 1975.
Fabriken verstaatlicht
Den weiteren Inhalt der Broschüre bildet die Firmengeschichte der Gardinenfabrik Hartenstein. Es ist das Verdienst der beiden Autorinnen, dass sie mit gleicher Akribie, mit der sie sich den Lebensläufen der Unternehmer Hartenstein widmeten, den technischen Prozessen und vor allem den dort Tätigen, den Arbeiterinnen und Arbeitern der zahlreichen Hartenstein'schen Textilfabriken, in Wort und Bild zuwenden. Den Bobinet-Webern, den "Mustermachern", den Patroneuren und vor allem den vielen Frauen, die in der Textilindustrie arbeiteten. Ein Glossar zu Begriffen der vogtländisch-sächsischen Gardinenherstellung beschließt die Broschüre.
Sie ist künftig an der Museumskasse kostenlos erhältlich, um eine Spende wird gebeten.