Vogtlandkreis wird Zecken-Risikogebiet

Die von Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis galt lange als rein süddeutsches Problem. Das könnte sich ändern, wenn das Robert Koch Institut (RKI) in Kürze die neuen Risikogebiete deklariert. 2014 wird voraussichtlich erstmalig ein sächsischer Landkreis - der Vogtlandkreis - betroffen sein.

Was das für die Bevölkerung bedeutet, erklärt Dr. Dietmar Beier, Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission (SIKO).

Ich gehe davon aus, dass mit der Bekanntgabe der neuen Risikogebiete durch das RKI mit dem Vogtlandkreis erstmals ein sächsischer Landkreis betroffen sein wird.

Warum hat das RKI so entschieden?

Das wichtigste Kriterium ist die Zahl an Erkrankungsfällen. Übersteigen die Fallzahlen in einem Zeitraum von fünf Jahren einen bestimmten Grenzwert, wird der entsprechende Kreis zu einem offiziellen FSME-Risikogebiet. Außerdem berücksichtigt das RKI die Situation in den benachbarten Landkreisen. Gerade der Vogtlandkreis grenzt an bestehende Risikogebiete in Bayern und Thüringen.

"Frühsommer-Meningoenzephalitis" oder kurz FSME - was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Die FSME ist eine Viruserkrankung - das sage ich ganz bewusst, denn das ist der wichtigste Unterschied zur Borreliose. Diese wird ebenfalls von Zecken übertragen, nur sind hier Bakterien der Auslöser.

Wie verläuft die Erkrankung?

Das ist unterschiedlich. Im günstigsten Fall ist die FSME mit einem grippalen Infekt vergleichbar. Charakteristisch ist aber nach einer kurzen Ruhepause ein zweites Erkrankungsstadium, in der die Entzündung auf die Hirnhaut, das Gehirn oder sogar das Rückenmark übergeht. Das kann zu nachfolgenden Lähmungen und im schlimmsten Fall zum Tod führen.

Wichtig zu wissen ist außerdem, dass man eine FSME nicht behandeln kann, jedenfalls nicht ursächlich. Es gibt aber eine vorbeugende Impfung, die eine gute Wirksamkeit hat. Bei der Borreliose ist es genau umgekehrt: Hier gibt es bisher keinen wirksamen Impfstoff, obwohl daran geforscht wird. Dafür bekommt man die Erkrankung mit Antibiotika in den Griff.

Wem raten Sie eine Impfung gegen FSME?

Hierzu gibt es eine klare Empfehlung von der Ständigen Impfkommission (STIKO) am RKI: Jeder, der sich in einem Risikogebiet aufhält und mit Zecken in Kontakt kommen kann, sollte geimpft sein. Dabei ist es egal, ob man dort wohnt oder nur beruflich oder privat dorthin reist. Außerdem sollten sich Menschen mit einem beruflichen Risiko impfen lassen, also zum Beispiel Forst- oder Landwirte.

Kann man sonst noch etwas tun?

Natürlich sollte man sich grundsätzlich vor Zeckenstichen schützen. Das ist aber nicht ganz einfach, denn wer im Sommer an die frische Luft will, möchte nicht unbedingt lange Hosen tragen. Zumindest aber sollte man sich abends unter der Dusche gründlich absuchen und Zecken schnell entfernen. Bei der Borreliose hat man allerdings deutlich mehr Zeit als bei der FSME - die Viren sitzen direkt in den Speicheldrüsen der Zecke und werden daher sehr schnell übertragen.

Was ändert sich für die Menschen im Vogtlandkreis?

Für die Bevölkerung im Vogtlandkreis wird die Impfempfehlung des RKI greifen, sobald der Kreis zum Risikogebiet deklariert wird. Und zwar nicht mehr nur auf Reisen, sondern schon vor der eigenen Haustür. Für die Kosten werden die gesetzlichen Krankenkassen aufkommen.

Für die restliche Bevölkerung in Sachsen gilt das nicht?

Grundsätzlich ist zu sagen, dass fast jeder Sachse sein Bundesland auch mal verlässt - zum Beispiel für eine Reise in ein Risikogebiet im In- oder Ausland. Spätestens dann sollte man sich schützen. Außerdem kommen Einzelfälle von FSME auch jenseits der offiziellen Risikogebiete immer wieder vor - gerade in Sachsen. Daher kann man sich eigentlich nirgends in Sachsen hundertprozentig sicher sein nicht zu erkranken. Außer vielleicht in der Disco oder beim Einkaufsbummel in der Innenstadt. Ansonsten gilt: Überall wo es Zecken gibt, kann eine Erkrankung nicht sicher ausgeschlossen werden.

Die FSME ist also in Sachsen kein neues Phänomen?

Einzelfälle gab es in Sachsen schon immer, auch wenn es bisher kein Risikogebiet gegeben hat. Die Situation ist vergleichbar mit Thüringen. Auch hier hatte man jahrelang Einzelfälle. Mittlerweile gibt es in Thüringen sieben Risikogebiete.

Rechnen Sie damit, dass auch in Sachsen weitere Gebiete hinzukommen könnten?

Das ist gut möglich. Ich denke da vor allem an den Kreis Sächsische Schweiz / Osterzgebirge, der ja direkt an der Tschechischen Grenze liegt, wo die FSME ebenfalls ein akutes Problem darstellt. Potenzielle Kandidaten könnten aber auch Dresden, Oberlausitz oder Bautzen sein.

Sie sind Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission (SIKO). Unterstützen Sie die Empfehlung der bundesweiten STIKO?

Die SIKO berät das sächsische Ministerium für Soziales und Verbraucherschutz und spricht auch die offiziellen Empfehlungen für Schutzimpfungen aus. In Bezug auf die FSME-Impfung sind die Empfehlungen der SIKO identisch mit denen der STIKO. In anderen Fällen sind unsere Empfehlungen häufig umfänglicher und üben eine gewisse Vorreiterfunktion aus. Was die SIKO heute empfiehlt, empfiehlt einige Jahre später auch die STIKO. So war es aktuell l mit der Impfung gegen Rota-Viren. va

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