Vogtland-Theater: Plauen vor der Premierenflut

Sicher, sie ist geringer geworden, die Skepsis. Die Skepsis gegenüber dem neuen Leitungsteam des Theaters Plauen-Zwickau, dem man fehlendes Fingerspitzengefühl im freundlichen Fall und Gutsherrenart im bösesten Fall nachgesagt hatte.

 

Sie sind nicht gänzlich verschwunden, die Vorbehalte. Doch das soll sich, wenn es nach dem Willen von Generalintendant Roland May und seinem gesamten Ensemble geht, gründlich ändern. Schon bald, am nächsten Wochenende. Für den 9. bis 11. Oktober haben sie sich etwas vorgenommen, was auch unter besten Vorzeichen an deutschen Theatern seinesgleichen sucht: acht Premieren an drei Tagen. Man müsse das Potenzial auch mal bis nah an die Grenze der Überforderung ausreizen, davon zehren Ensemble wie Publikum gleichermaßen, fasst May das Vorhaben am Ende des Pressegespräches am Freitag zusammen.

Worum geht es? Vereinfacht gesagt, um den Beitrag des Theaters zu 20 Jahren Mauerfall. In einer Stadt, die dazu eine besondere Beziehung hat, weil sie eine hervorstehene Rolle spielte, komme das Theater gar nicht umhin, sich mit seinen Mitteln zum Thema zu äußern, sagt der Generalintendant. Und schiebt aktuelle Bezüge nach. Wenige Tage nach den Wahlen herrsche zwar mehr Klarheit als vorher, doch damals wie heute geht es um Freiheit.

 

Darum, wie dieser Begriff, wie auch der des Fortschritts, besetzt sei. Alle Sparten des Hauses habe das Grundgefühl durchzogen, sich mit diesen Themen zu beschäftigen und das ist wohl auch der Grund, dass in allen Inszenierungen fast alle Ensemblemitglieder auf der Bühne stehen. Vier Premieren in Plauen, ebenso viele in Zwickau, zu Recht bezeichnet May dies auch als logistische Herausforderung, die Solisten wie Technikern gleichermaßen höchste Flexibilität abverlangen.   Das Haus. Ein Wändestück   Um die einzelnen Inszenierungen näher zu beleuchten, hat der Chef seine Schauspieldirektorin Brigitte Ostermann, Operndirektor Stefan Bausch und Ballettdirektor Torsten Händler mitgebracht. Letzterer schickt sein Team mit dem Tanzstück "Das Haus. Ein Wändestück" ins Rennen um die Gunst des Publikums. Händler untersucht mit seinen Tänzern die deutsch-deutsche Geschichte, lässt Menschen darstellen, die einen großen Wendepunkt im Leben erfahren und zeigt, wie sie darauf reagieren.

 

Denn ein Haus kann Schutz und Sicherheit bieten, aber auch einengen. Es kann ein vertrautes Zuhause sein, aber auch Sehnsucht nach einem Leben draußen in der weiten Welt wecken. Was passiert, wenn plötzlich die Wände auseinander brechen und das Haus, in dem man schon immer wohnte, sicht auflöst? Ein Wände-Wende-Stück, auf das man gespannt sein darf.   Bis Denver   Eine Komödie über hoffnungslose Loser? Über einen Mord aus Rache gar? Geht denn das? Gewagter noch: Können "echte" Schauspieler und Puppen gemeinsam auf der Bühne agieren? Das geht, so wie es Brigitte Ostermann avisiert, vermutlich sehr gut. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die beiden Verlierer Horst Paschke und Lothar Ackermann. Bademeister der eine, Kohlenschipper der andere. Von ihrer Umwelt gedemütigt und verlacht.

 

Doch dann kommt der unerwartete Moment der Rache, der mit einer Leiche endet. Als Meister des schwarzen Humors gilt Autor Oliver Bukowski und er wird diesem Ruf mit dieser Komödie gerecht. Regisseur Atif Hussein wiederum genießt seinem Metier einen deutschlandweit exzellenten Ruf. Während die beiden Hauptfiguren von Darstellern gespielt werden, treten für die Nebenrollen mannsgroße Puppen in Aktion. May wirbt intensiv für diese ungewohnte Darstellung, macht auf die filiganen Bewegungen der Puppenspieler mit ihrem "Material" aufmerksam.   Wilhelm Tell   Für dieses Wochenende scheint es fest erklärte Absicht des Ensembles das Unmögliche zum Normalen werden zu lassen. Drittes Beispiel: Rossinis Oper "Wilhelm Tell" nach Friedrich Schiller. Ein Vier-Stunden-Werk, von Stefan Bausch gekürzt auf zwei Stunden. "Wir haben uns auf die Story konzentriert", erklärt der Operndirektor. Was Wagnisse nicht aus- sondern eher einschließt. Der Chor wurde von 30 auf 50 Personen erweitert, elf Solisten agieren auf der Bühne, selten sind es mehr.

 

Und um die Rolle des jugendlichen Arnold zu besetzen, habe man neun Monate gebraucht und Tenöre in ganz Deutschland gecastet. Der Grund ist die ungewöhnlich hoch gelegene Stimmlage der Figur. Am Beispiel erklärt es Bausch auch den Laien. Allein 19 Mal ist ein "c" gefragt, Pavarotti singt eins. Doch damit nicht genug - auch zwei "cis" verlangt die Rolle. Mit einem Wort, wird der Darsteller krank, hat man ein echtes Problem. Lediglich zwei Ersatzleute europaweit ließen sich finden. Und obwohl die Geschichte des Tell 700 Jahre alt ist und erstaunlicherweise in Form einer nordischen Sage in die Schweizer Berge gelangte, hat auch sie aktuellen Bezug. Es geht um die Frage, wie Exzesse entstehen. Immer wieder, irgendwo auf der Welt.   Dantons Tod   Und schließlich "Dantons Tod", das Drama von Georg Büchner. Handelnd nicht am Beginn der französischen Revolution, sondern an deren Ende. Um Robespierre und dessen Gegenspieler Danton geht es. Von Gewalt fasziniert der eine bis zuletzt, ermüdet, auch vom vielen geflossenen Blut, dem Alltagsterben auf der Guillotine, der andere. Am Ende tritt Danton für nichts mehr ein, geht einfach, doch man lässt ihn nicht. Zu sehr verstrickt in die Sache Revolution ist er. "Es geht um das sofortige Reagieren, darum, alles Böse ohne Hinterfragen unters Fallbeil zu schicken, bedingungslos", sagt Ostermann. Und in schnellen und vielen Versprechungen sieht sie denn auch die Parallelen ins Heute.

Die Zuschauer werden arg gefordert sein, zieht May abschließend ein Fazit. Und formuliert so den Anspruch des Ensembles an sein Publikum. Dem wird der Besuch aller vier Premieren übrigens finanziell versüßt. Wer sich für drei oder vier Angebote entscheidet, erhält 50 Prozent Rabatt, wer zwei Vorstellungen besuchen möchte, kann sich über 20 Prozent freuen. Und noch etwas ist dem Generalintendanten wichtig. Man will im Anschluss an die Premieren miteinander ins Gespräch kommen, Publikum und Zuschauer. Sich bei einem Glas Wein auf der Kleinen Bühne oder dem Dormero unterhalten. Über das jeweilige Stück und vielleicht auch über bisher entstandene Missverständnisse und Vorbehalte. Mehr Erwartungen lassen sich eigentlich nicht in drei Tage packen.  T. Piontkowski