Vogtland rüstet sich für mehr Corona-Fälle

18 Vogtländer stehen derzeit unter begründeten Corona-Verdacht. 44 weitere befinden sich vorsorglich in häuslicher Quarantäne. Die Verantwortlichen rüsten sich für steigende Fallzahlen und bereiten entsprechende Maßnahmen vor. Ab Donnerstag kommt das öffentliche Leben in ganz Sachsen weiter zum Erliegen.

Sachsen und das Vogtland verschärfen im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus die Maßnahmen und schließen nahezu alle öffentlichen und privaten Einrichtungen. Zudem werden alle Veranstaltungen untersagt. Eine entsprechende Allgemeinverfügung soll von Donnerstag an bis zum 20. April gelten. Das heißt: Schließen sollen demnach viele Geschäfte sowie sämtliche Bars, Clubs, Kinos, Theater und Sportstätten. Betroffen sind auch Bibliotheken, Diskotheken, Opern, Museen sowie Schwimmbäder, Fitnessstudios, Musikschulen und Seniorentreffs. Kirchen und Synagogen bleiben zwar geöffnet, es finden allerdings keine Gottesdienste mehr statt. Auch Spielplätze sollen für den Publikumsverkehr gesperrt werden. Restaurants sollen von 6 bis 18 Uhr geöffnet bleiben, es gelten aber besondere Hygienevorschriften.
Nicht betroffen von Schließungen sind hingegen Super- und Getränkemärkte, Apotheken, Drogerien, Tankstellen, Banken und Sparkassen - für diese Bereiche sollen zudem die Sonntagsverkaufsverbote gelockert werden. Eine Versorgung mit Lebensmitteln sei gesichert, so Ministerpräsident Kretschmer.
Bis zum Dienstagnachmittag wurden in Sachsen 153 Personen positiv auf den Erreger Sars-CoV-2 getestet. Im Vogtland gibt es zwei bestätigte Fälle, zudem stehen 18 weitere Vogtländer unter begründeten Corona-Verdacht, 44 weitere zeigen keine Krankheitssymptome, befinden sich aber vorsorglich unter häuslicher "Absonderung". Diese Zahlen gab Diplom-Mediziner Andreas Lonitz, amtierender Leiter des Gesundheitsamtes, bekannt. Ein Großteil der 18 Verdachtsfälle kam kürzlich aus Risikogebieten - besonders aus Italien - zurück.
Die Verantwortlichen gehen von steigenden Fallzahlen aus, gestern Nachmittag tagte der Krisenstab "Infektionsschutz", um über weitere Maßnahmen zu entscheiden. Eingerichtet werden soll eine Corona-Ambulanz - vermutlich am Helios-Klinikum in Plauen. Eine solche wurde gestern bereits am Paracelsus-Klinikum Reichenbach eingerichtet. Dort sollen Patienten "durchgeschleust" werden, bei denen es einen konkreten Verdacht gibt. Gleichzeitig soll das Krankenhauspersonal vor einer möglichen Infektion geschützt werden. Dr. Uwe Drechsel, Beigeordneter des Landrats, betont dass in den Corona-Ambulanzen nicht jeder auf Wunsch getestet werden könne, sondern Tests nur im konkret begründeten Verdachtsfall erfolgen. Zum Beispiel dann, wenn Hausarztpraxen geschlossen sein sollten. Zuletzt hatte öfters Kritik gegeben, dass im Vogtland zu wenig getestet wird. Auch über den möglich Aufbau einer sogenannten Akut-Klinik wird laut Drechsel gesprochen - eine Einrichtung, die sich bei steigenden Krankheitsfällen ausschließlich um Corona-Patienten kümmern würde. Zuvor steht allerdings noch die Frage, wie im Falle eines (Not-) Falles die Anzahl der Intensivbetten erhöht werden kann.
Umgeschaut haben sich die Wirtschaftsförderer, ob es im Vogtland Unternehmen gibt, die Schutzausrüstung - Overalls und Mundschutz - herstellen können. Zudem sollen Ärzte im Ruhestand oder Bufdis (Bundesfreiwilligendienst) angesprochen werden, um die medizinische Betreuung abzusichern. Perspektivisch werde mit Beschäftigten der Rehakliniken Kontakt aufgenommen, um diese in der Pflege einzusetzen, wenn es die Entwicklung erforderlich mache. Da Krankenhäuser geplante Operationen - beispielsweise im Orthopädie-Bereich - wegen der Corona-Krise verschieben, könne dies schließlich zeitversetzt Auswirkungen auf die hiesigen Reha-Kliniken haben, vermutet Dr. Drechsel.
Verdoppelt wird das Personal - von drei auf sechs - an der eingerichteten Corona-Hotline. Diese erlebte in zuletzt einen solchen Ansturm, dass sie zeitweise in die Knie ging. "Wir können am Telefon nur beraten, aber keine Diagnosen stellen. Das ist immer eine Entscheidung der behandelnden Ärzte", so Lonitz. Im Gesundheitsamt sei das Personal um 20 Prozent aufgestockt worden, auch um krankheitsbedingte "Ausfälle" zu kompensieren. Nicht im Dienst ist die "eigentliche" Amtsärztin Kerstin Zenker. "Sie war erkrankt und ist jetzt im Urlaub", so Dr. Drechsel. Derzeit gebe es keinen Kontakt zu ihr. Weitere Stellungnahmen zu dieser "ungewöhnlichen" Personalangelegenheit in Krisenzeiten gaben die Verantwortlichen nicht ab.
Unterdessen hat der VW-Konzern angekündigt, dass an den allermeisten Standorten am Freitag die vorerst letzte Schicht laufen soll. Im Zwickauer Werk arbeiten rund 8000 Beschäftige. Den Katastrophenfall will der Freistaat Sachsen - im Gegensatz zu Bayern - nicht ausrufen. "Wir haben eine ernste Krise, aber keine Katastrophe", erklärte Innenminister Roland Wöller (CDU). M. W / dpa