Vogtländer wandert 1400 Kilometer

Raymond Jugel aus Mechelgrün und sein Freund Ralf Ziola aus Marienberg im Erzgebirge waren von Anfang April bis zum Himmelfahrtstag auf Schusters Rappen unterwegs. Zelt- und Wanderausrüstung waren ihr Gepäck. Karten, GPS, Fotoapparat und Videokamera gehörten auch dazu.

Wenn Raymond Jugel an die sechseinhalb Wochen zurückdenkt, melden sich neben den vielen tollen Erlebnissen auch seine schmerzenden Füße. "Das war auch hart und wir mussten des Öfteren den inneren Schweinehund bekämpfen." Von Schnee und Regen, von Kälte bis Hitze, Gewitter und Sturm haben sie alles erlebt. Inspiriert geworden seien sie von dem Buch "Wenn der Vater mit dem Sohn" von Fred Sellin.

Start war im Dreiländereck Bayern, Sachsen und Tschechien. Erste Station war Mödlareuth. Auf ihrem Weg haben sie einige Grenzmuseen angeschaut. Menschen erzählten ihnen von ihrem Leben mit der Grenze. Sie trafen einen ehemaligen Grenzer und einen, der in den Westen geflüchtet war und später zurückkehrte. Beeindruckt haben sie die Dörfer, die eingemauert waren.

Zum Beispiel Hötensleben in Sachsen-Anhalt, wo noch heute die Mauer als Mahnung steht. "Die Grenze ging mitunter mitten durch ein Dorf. Oder direkt am Gartenzaun entlang. Wen die Bewohner nicht rechtzeitig zu Hause waren, kamen sie abends nicht mehr in ihr Haus", erzählt Jugel.

Überall spürten die beiden, dass die menschenverachtende Grenze nicht vergessen ist, auch wenn die meisten Wachtürme gesprengt, Gräben zugeschüttet und Minenfelder geräumt sind. Minen seien noch heute eine Gefahr, so der Mechelgrüner. "Wir haben uns deshalb immer rechts vom Kolonnenweg gehalten."

Der Kolonnenweg - soweit vorhanden - war ihre Wanderstrecke. Endlos lange Kilometer über die Betonplatten mit ihren Löchern durch Wald und über Felder. Wo die Platten mal aufhörten, mussten die Männer auch mal durch Sumpf oder einen Fluss. Umgehen, abkürzen kam ihnen nie in den Sinn. Strikt ging es an der ehemaligen Grenze lang.

Zwei ältere Grenzwanderer trafen sie unterwegs, die sich jedes Jahr eine Teilstrecke vornehmen. Dass jemand sich am Stück die fast 1400 Kilometer schon mal zumutete, ist Raymond Jugel nicht bekannt.

Am beeindruckendsten fanden die Freunde die Landschaften und Menschen. Mindestens 30 Kilometer am Tag legten sie zurück, einmal sogar 47. Überall seien sie herzlich aufgenommen worden und sofort ins Gespräch gekommen. "Wir sind bewirtet worden, hörten Lebensgeschichten, durften in Gartenhäuseln oder Scheunen schlafen. Mal wurden wir mit Wodka zugeschüttet, mal waren wir dabei, wie eine Kuh kalbte. Einige Male waren wir auch in Pensionen, weil wir ja Akkus aufladen mussten." Meist jedoch schlugen sie ihre Zelte auf, übernachteten in freier Natur und hatten des Nachts ungewohnte Geräuschkulissen.

Glücklich, aber auch erleichtert waren die Männer, als sie am Ziel in Priwall bei Travemünde ankamen. Erlebnisse lagen hinter ihnen, die sie mit einem Video, Fotos und einem Tagebuch dokumentieren wollen. Um die Zeit für die Wanderung aufzubringen, sparte Raymond Jugel, der bei der Polizei arbeitet, Urlaub an. Sein Freund ist freiberuflich tätig. Der Mechelgrüner wandert schon viele Jahre, hat auch an Veranstaltungen der International Marching League teilgenommen. Wandern in Taiwan und in Luxemburg sind seine weiteren Pläne.