Vogtländer mit Tornadojägern unterwegs

Durch die Luft fliegende Kühe und Autos haben den Aktion-Thriller "Twister" Mitte der 90-er Jahre zum Kino-Kassenknüller werden lassen. Der US-Bundesstaat Oklahoma war es, in dem die Leinwand-Helden damals Tornados jagten - genauso wie Toni Klemm aus Pausa, der an der Uni von Oklahoma promoviert und etlichen Tornados schon ganz nah war.

Pausa/Oklahoma - Zugegeben: Wer "Twister" gesehen hat, erinnert sich an eine teils hanebüchene Story mit jeder Menge unglaubwürdigen Effekten, in der alles, was nicht niet- und nagelfest ist, durch die Luft gewirbelt wird - nur die Filmhelden nicht. Doch irgendwas davon, wie gefährlich ein Tornado für Leib und Leben werden kann, kommt man ihm zu nahe, ist in jedem Kopf hängengeblieben. "Ich bekam damals besorgte E-Mails aus Deutschland, ob alles okay ist", erinnert sich der heute 32-jährige Toni Klemm an den 31. Mai 2013, als er mit Tornadojägern (tornado chaser) in El Reno, einer Stadt nahe Oklahoma City, unterwegs war.

Studierte Meteorologen, die sich gut mit der Tornado-Materie auskennen, hatten den Vogtländer damals mit auf Tour genommen. Als ein "sehr seltsames Erlebnis" ist dem Pausaer diese Jagd in Erinnerung: Man wolle dem Tornado so nahe wie möglich sein und spiele buchstäblich mit seinem Leben. Denn an jenem Tag mussten auch einige Tornadojäger ihren Wagemut mit dem Leben bezahlen. Zwei solche lebensgefährlichen Touren hat Toni Klemm mitgemacht und heute, zwei Jahre später, sagt er: "Es war für mich die letzte".

Aktuell, im Mai 2015, ist Oklahoma erneut von acht Erdbeben und sechs Tornados heimgesucht worden. Ein Mensch starb. "Oklahoma hat Kalifornien als erdbebenreichsten US-Bundesstaat abgelöst", postet Toni Klemm auf seinem Blog im Internet. Er berichtet von riesigen Hagelkörnern, die als weiße Streifen in der Luft zu sehen waren und ganze Dächer zum Einsturz brachten. Innerhalb von drei Stunden fielen 100 mm Niederschlag.

Auf Highways, Straßen, Gehwegen und in Kellern stand das Wasser. Strommasten kippten um. In den Häusern wurde es dunkel. Auf allen TV-Kanälen berichtete man pausenlos von der Katastrophe, gab Tornadowarnungen heraus, worauf die Menschen in die Keller flüchteten. Toni Klemm selbst suchte Zuflucht im Keller - und bei einem zweiten Tornado im Schutzbereich eines Einkaufszentrums. Dort habe er minutenlang dicken Hagel auf das Glasdach prasseln gehört und gespürt.

Wer nun Toni Klemm nicht kennt, dürfte annehmen, dass allein Abenteuerlust und Gefahrenkick die Triebfeder ist, Tornados nahe zu sein. Aber weit gefehlt. Seit August 2012 ist der Pausaer Doktorand am Geographielehrstuhl der University of Oklahoma. Seine Dissertation beschäftigt sich mit jahreszeitlichen Wettervorhersagen, die Land- und Forstwirten, Tourismusmanagern oder Stadt- und Raumplanern von Nutzen sein können.

Sein Fachgebiet sind die Angewandten Klimawissenschaften, unter Berücksichtigung des Klimawandels. "Wir übersetzen also Wetter- und Klimaforschung für Verwalter von Natur- und Kulturgütern", beschreibt der Vogtländer seine Aufgaben. Sein Arbeitgeber ist derzeit das "South Central Climate Science Center" - eines von acht solcher Center, die dem US-Innenministerium unterstehen.

Toni Klemms Promotionsthema dreht sich um Landwirte und wetter- und klimarelevante Entscheidungen während eines Erntejahres. Dort geht es um den rechten Saat- und Erntezeitpunkt, um Bewässerung, Getreidesorten, ob und wie viel gedüngt werden sollte. Eine Promotion in den USA dauere zwischen vier und sieben Jahren. Er selbst hat nun fast drei Jahre Seminare und Vorlesungen besucht - in zwei weiteren Jahren hofft er, seine Promotion abschließen zu können.

Was danach kommt, ist für Toni Klemm noch offen. Möglicherweise wird er in den USA bleiben. Das nicht wegen spannender Tornado-Ereignisse, sondern vor allem wegen seiner Freundin, die kein Deutsch spricht. Mehr Infos zu Toni Klemms Tornado-Berichten auf seinem Blog:

toni-klemm.de/blog