Visionen zwischen Äpfeln und Sonnenblumen

Dass sich auch in einer nur reichlich einstündigen Diskussionsrunde eine ganze Menge "abarbeiten" lässt, bewies am Freitagabend Annalena Baerbock, eine der beiden Doppelspitzen von Bündnis 90/Die Grünen, vor rund 200 Gästen im Malzhaus.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Wenn es auch bei so politischen Dingen wie Wahlen oder dem Klimaschutz stimmt, dass das Auge mit isst, dann haben die Grünen hinsichtlich ihrer Doppelspitze nichts falsch gemacht. Und Annalena Baerbock, gebürtige Hannoveranerin, seit längerem aber auf dem flachen Land in Brandenburg zu Hause, macht nicht den Eindruck, als dass sie eine solche Bemerkung aus der Bahn werfen würde. Vorgestellt von Gerhard Liebscher, mit Direktmandat und Listenplatz der vogtländischen Grünen für die Landtagswahl ausgestattet, begibt sich Frau Baerbock ins verbale Getümmel. Denn keine Statements möchte sie abgeben, sondern Fragen und Wünsche entgegen nehmen. An beidem Richtung der mit Bistrotisch, Äpfeln und Sonnenblumen dekorierten kleinen Bühne herrscht kein Mangel.

Wie sieht das Konzept der Grünen hinsichtlich neuer ICE-Strecken für Westsachsen aus?
Das für den Regionalverkehr vorgesehene Geld, so Annalena Baerbock, müsse auch dafür genutzt werden. Wer von schließenden Bahnhöfen betroffen ist, der fühle sich nicht nur abgehängt, der ist es auch.
Bevor die unvermeidlichen Fragen zum Kohleausstieg und der Installierung von Windrädern kommen, eine vermeintlich seichte mit ernstem Hintergrund.

Sie befinden sich in einem Hotel, wo Sie Kritikern Ihrer Partei Ihren Standpunkt erklärt und den Schlüssel für Ihr Zimmer vergessen haben. Bei wem klopfen Sie an?
Man ahnt es bereits, die taffe Enddreißigerin, wüsste sich zu helfen. "Wenn ich in Not bin, klopfe ich an jede Tür." Und auf den Hintergrund der Frage eingehend: "Es ist doch schön, wenn es verschiedene Meinungen gibt, das erweitert auch den eigenen Horizont.

Ist 2038 der richtige Termin für den Kohleausstieg?
Ein Tema, bei dem Baerbock als Wahl-Brandenburgerin gewissermaßen Heimvorteil besitzt. Die derzeitige Unsicherheit sei das größte Problem, vor allem die "Lausitzer hängen zwischen Baum und Borke". Immerhin - die Kohlekommission habe einen Konsens gefunden, der nun aber bereits ein halbes Jahr in der Schublade liege. Während man sich in NRW längst auf den Weg gemacht habe, werde in den mitteldeutschen Regionen weiter abgewartet. Konsequenz: Die Fördergelder in stattlicher Milliardenhöhe werden möglicherweise falsch eingesetzt. Baerbock nennt den noch immer vor sich hin dümpelnden Bau des Berliner Flughafens. Und ja, eigentlich wollten die Grünen schon 2030 "raus aus der Kohle". - Um gewissermaßen selbst gemachtes Elend dreht sich die nächste Frage.

Wie wichtig ist den Grünen der Begriff Bündnis 90 im Parteinamen?
Eine Frage, die die zweite Doppelspitze der Grünen, Robert Habeck, schon vor Halbjahresfrist an gleicher Stelle zu beantworten versuchte, verbunden mit einer Portion Eigenkritik an der eigenen Partei. "Flügelkämpfe sind nicht meine Vorstellung von Gestalten", teilt auch Baerbock einen Rüffel an einstiges grünes Führungspersonal aus. Die Herausforderungen seien in West wie Ost gleich, nur dass sie sich im Osten wie in einem Brennglas zeigen. Stichwort Lebensbedingungen im ländlichen Raum. Diese bundesweit zu verbessern, sei Ausdruck des Bündnisgedankens der Grünen.

Weshalb bekommen die Politiker die Vereinheitlichung der Bildungspolitik nicht hin?
Sie sei dagegen, mit der Schrotflinte alles platt zu machen, entgegnet Baerbock dem künftigen Grünen-Stadtrat Oliver Bittmann und flicht ein, dass der Bildungsföderalismus eine Lehre aus den Gleichschaltungsgesetzen der NS-Zeit gewesen sei. Ein (zu) starker Zentralstaat müsse sich auch immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, das Leben vor Ort nicht zu kennen. Regionale Unterschiede seien zudem identitätsstiftend, was Baerbock am Unterschied von Semmeln und Schrippen und deren Addition in der Grundschule plastisch macht - Nun ja. - Kurz und knapp die nächste Frage.

"Ich bin gegen Windkraftanlagen im Wald. Wollen Sie diese Installationen stoppen?
Ebenso knappe Antwort: "Nein". Die Erklärung fällt länger aus. "Wenn wir die Klimaziele einhalten wollen, müssen wir raus aus der fossilen Energie. Bislang werden 40 Prozent des Bedarfs von erneuerbarer Energie abgedeckt." Für den kompletten Ausstieg brauche man bundesweit noch zwei Prozent Fläche und das sei in bestimmten Regionen einfach nicht zu schaffen. "Für die Installation weiterer Windräder hat freie Fläche eindeutig Priorität, der Wald - vorrangig Kiefernforst - ist für uns der letzte Schritt. Ein Ausstieg aus fossiler Energiegewinnung ohne weitere Windräder ist nicht machbar."

Was tun die Grünen gegen Kinder- und Altersarmut?
Klares Bekenntnis der Frontfrau der Grünen: "Eine Grundrente ist nötig. Niemand darf in Hartz IV fallen. Daraus erwachse Einsamkeit, weil das Geld für soziale Kontakte, für Teilhabe fehle. An gebrochenen Erwerbsbiografien macht sie auf das besondere Problem der Ost-Frauen aufmerksam.
Und: Jedes fünfte Kind in Deutschland lebe in Armut. "Das viele Geld der Familienförderung kommt bei den falschen Kindern an". Ansatz der Grünen: Eine Kindergrundsicherung, weil jedes Kind dem Staat gleich viel wert sein muss.

Wie positionieren sich die Grünen hinsichtlich eines bedingungslosen Grundeinkommens?
"Unterschiedlich", sagt Frau Baerbock und räumt ihre eigenen Zweifel ein. Denn sie beispielsweise verdiene genug, um nicht auch noch dieses Grundeinkommen "spendiert" zu bekommen. "Ich halte es für sozialpolitisch nicht prioritär."

Plastikmüll - Wie gehen die Grünen damit um?
Plastikfrei leben könne man derzeit gar nicht. "Eine richtige Veränderung braucht eine andere Politik, ein nachhaltig wirtschaftendes System. Alles was produziert wird, muss in einen Wiederverwertbarkeitskreislauf geraten. Nur mit Appellen bekommen wir die Plastikberge in den Meeren nicht weg."

Einerseits mangelt es an Lehrlingen, andererseits haben Flüchtlinge gegen zig Hindernisse anzukämpfen...
Baerbock kennt das Problem aus eigenem Erleben. Erst kürzlich hat sie einem syrischen Arzt zu einer Anstellung in Eisenhüttenstadt verholfen - nun habe die Stadt endlich wieder einen Kinderarzt. Daher weiß sie, dass die schlecht vergleichbaren Abschlüsse oft ein großes Problem darstellen. Auch "ihr" Arzt musste sich etlicher "deutscher" Zulassungsprüfungen stellen. Generell aber, Stichwort Pflegenotstand, müsse man das Problem aber oft pragmatisch angehen. Vor allem aber treibe der Duldungsstatus viele Betroffene in größere Unsicherheit, nicht zuletzt die Ausbildungsbetriebe.

Die Stunde verging so schnell, wie vermutlich die Jahre bis zum Kohleausstieg es tun werden. Baerbock beendet den Frage-Antwort-Marathon mit einem Appell. "Laden Sie Ihren Ex zu einem Kaffee ein und gehen Sie vorher im Wahllokal vorbei. Und wenn Sie dann noch Grün wählen - umso besser." Über das kleine Gastgeschenk - ein e.o.plauen-Büchlein - freut sie sich sichtlich. Als Mutter zweier kleiner Mädchen sei es genau dieser Buchumfang, den sie zu lesen schaffe.